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1893.

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Dienstag, den 18. Juli.

Der Staatsanwalt.

Novelle von Wolfgang Hellmuth.

(Fortsetzung).

Doctor Julius Stirner, der noch soeben mit erhobener Hand versichert hatte, daß er im innersten Herzen von der Schuldlosigkeit seines Clienten überzeugt sei, mar bei dem un­erwarteten Geständniß zusammengezuckt, als ob ihm Jemand hinterrücks einen Faustschlag versetzt habe. Dann war er nach dem hinter ihm stehenden Angeklagten herumgefahren mit einer wilden, wüthenden Bewegung, wie um ihn an der Kehle zu packen oder ihn auf irgend eine andere gewaltsame Art am Weiterreden zu hindern. Sein Gesicht war verzerrt, seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervorzutreten und in den dick aufgeschwollenen Adern seines mageren Halses pulsirte in sichtbaren raschen Stößen das Blut. Leise, aber mit Gestikula­tionen, die deutlich genug seine wahnsinnige Aufregung ver- riethen, begann er auf Paul Bergmann einzureden; doch dieser vernahm augenscheinlich nichts von seinen Worten, denn er starrte unverwandt nach der anderen Seite hinüber und in seinem aschfarbenen Antlitz veränderte sich keine Linie.

Nun ertönte auch die Glocke des Präsidenten und die eben noch so lebhafte Bewegung im Saale wich einem tiefen Schweigen.

Angeklagter, Sie geben also jetzt zu, die That begangen zu haben, deren Sie beschuldigt werden? Sie haben Ihre Tante ermordet?"

Ja, Herr Präsident, ich habe sie erschlagen. Nicht mit Ueberlegung und Vorbedacht, denn dazu hätte ich nimmer­mehr den Muth gehabt, sondern in der Aufregung eines ver- zweifelten Augenblicks, in welchem ich nicht mehr wußte, was ich that. Ich befand mich in furchtbarster Bedrängniß; meine Gläubiger drohten, sich an meinen Prinzipal zu wenden und wenn ich infolge dessen, wie es fast gewiß war, meins Stellung verloren hätte, mußte auch eine Unterschlagung an den Tag kommen, deren ich mich einige Zeit vorher mit Hilfe falscher Buchungen schuldig gemacht habe. Meine Existenz und meine ganze Zukunft standen auf dem Spiel; es gab keine andere Hoffnung mehr für mich, als die Hoffnung auf eine Rettung durch meine Tante. So ging ich denn zu ihr, obwohl sie mir bei meinem letzten Besuche, der einen ähnlichen Zweck gehabt, mit dürren Worten die Thür gewiesen hatte. Mit den beweg­lichsten Bitten stellte ich ihr meine unglückselige Lage vor und beschwor sie, mir nur dies eine Mal ihre Hilfe nicht zu ver­sagen. Sie aber schlug mein inständiges Flehen nicht nur

rundweg ab, sondern sie schleuderte mir auch eine Fluth höh­nischer, beschimpfender Worte in's Gesicht und erklärte mir zuletzt, daß sie nunmehr fest entschlossen sei, mich zu enterben, da sie ihr mühsam zusammengehaltenes Vermögen wohl allen­falls einem Verschwender, nimmermehr aber einem Spitzbuben vermachen wolle. Da, als ich erkannte, daß Alles für mich verloren war, kam es plötzlich über mich wie die Raserei des Wahnsinns und als sie mich zum zweiten Male ausforderte, zu gehen, weil sie keine Gemeinschaft zu haben wünsche mit einem künftigen Zuchthäusler, da schlug ich sie in bänder, un­sinniger Wuth mit dem schweren Eisenknopf meines Spazier­stockes über den Kopf. Sie schrie um Hilfe und ich schlug von neuem zu ich weiß nicht wie oft. Wie sie dann regungs­los am Boden lag, war es viel mehr ein Gefühl der Genug- thuung, als des Entsetzens, das mich erfüllte. Ich hatte sie niemals geliebt und ihre letzten Worte hatten meine Empfin­dungen bis zum glühendsten Hasse gesteigert. Ich wandte mich zum Gehen, da durchzuckte mich mit einem Male der Ge­danke, daß ich mich nun ja auch nicht mit leeren Händen zu entfernen brauche. Es war mir bekannt, daß meine Tante aus Furcht vor Veruntreuungen den größten Theil ihres Ver­mögens im Hause verwahrte, aber ich wußte nicht, wo sie da« Geld verborgen hielt. Mit Hilft einer Scheere, die auf dem Tische lag, versuchte ich zunächst, die verschlossenen Schrank- thüren aufzusprengen. Aber es gelang mir nicht, und da schließlich die Scheere abbrach, machte ich mich daran, die an­deren offenstehenden Möbel zu durchsuchen in der Hoffnung, irgendwo auf einen Geldbetrag oder auf einen Werthgegen­stand zu stoben. Mitten in diesem fruchtlosen Bemühen wurde ich durch ein Klingeln an der Wohnungsthür zu Tode erschreckt. Ich schlich mich auf den Fußspitzen über den Gang und blickte durch das kleine Guckloch, das in der Thür angebracht war. Draußen stand ein heruntergekommen aursehender Mensch in schmutzigen und zerrissenen Kleidern augenscheinlich ein Bettler. Er klingelte noch einmal und wartete eine Weile; dann ging er, indem er etwas Unverständliches vor sich hin­murmelte, die Treppe hinauf. Aber die Todesangst, welche ich während dieser wenigen Augenblicke ausgestanden, hatte jedes Verlangen nach Beute in mir erstickt. Jetzt erst fiel mir ein, daß auch das Dienstmädchen in jedem Augenblick zurück­kehren könnte und daß ich rettungslos verloren war, wenn sie mich noch in der Wohnung fand. Ich dachte an nichts Anderes mehr, als an schleunige Flucht. Nachdem ich, um keine ver- rätherischen Spuren meiner Anwesenheit zurückzulassen, trotz des Grauens, das ich davor empfand, ihn zu berühren, den Stock, der mir als Mordwerkzeug gedient hatte, wieder an mich ge­nommen, schlich ich behutsam über die Hintertreppe hinab, die