Tochter viel zu hoch, als daß ich bei dem Unglücke kaltblütig zusehen könnte."
„Du mißverstehst mich, Ludwig, und erregst Dich jetzt ohne Noth," erwiderte Malten jetzt beschwichtigend, denn ihm bangte vor einem Streite mit dem Sohne in dieser Angelegenheit. „Lassen wir jetzt die Angelegenheit ruhen. Gleich nach Tisch begeben wir uns -aber nach dem Bergwerke und untersuchen mit Hülsemann selbst, wie gegenüber dem Unglücksfalle zu rathen und zu helfen ist."
$ * *
Im Laufe des Nachmittags fuhr ein Wagen, in welchem der Commerzienrath Malten und dessen Sohn saßen, nach dem Hülsemann'schen Bergwerke. Vor dem Grubenhause angekommen, stiegen die beiden Herren aus dem Wagen und frugen nach Herrn Hülsemann.
„Ah, der Herr Commerzienrath erweisen uns die Ehre," ries ein herbeieilender Grubenbeamter. „Herr Hülsemann ist leider nicht zugegen. Sie haben wohl schon von dem Unglück gehört, welches uns letzte Nacht betroffen. Es ist eine furchtbare Katastrophe über das Bergwerk hereingebrochen; der Schaden ist ganz unberechenbar. Herr Hülsemann, welcher bereits heute früh drei Uhr in den vorderen Schachten der Grube war, ist vor Schreck und Aufregung über das entsetzliche Unglück krank geworden und mußte heute Vormittag nach Hause gebracht werden."
„Schrecklich I Schrecklich!" riefen der Commerzienrath und Ludwig.
„Ja, es ist wirklich schrecklich für unseren alten Herrn I" entgegnete der Beamte.
„Wir wollen uns aber doch das Bergwerk und den Schachtsturz einmal ansehen, wenn es möglich ist," sagte dann Ludwig mit bebenden Lippen. „Können Sie uns führen?"
„Ich allein kann es nicht wagen," erwiderte der Beamte, „ich will aber den Obersteiger herbeirufen lassen, der soll uns sühren."
Ein Bergmann holte den Obersteiger Krützner herbei. Der Obersteiger war in seiner Kleidung ganz durchnäßt und sah furchtbar aufgeregt aus.
„Guten Tag, meine Herren," rief er aber freundlich, als er den ihm bekannten Commerzienrath Malten 'und Ludwig sah. „Es ist gut, daß Sie kommen. Unser armer Herr hat infolge des schrecklichen Unglücks ganz den Kopf verloren. Vielleicht unterstützen Sie unsere Bemühungen, an dem Bergwerke zu retten, was noch zu retten ist."
„Wenn wir helfen können, wird es geschehen," erklärte Ludwig. „Führen Sie uns an die Stätte des Unglücks, Herr Obersteiger."
„Gleich, gleich," entgegnete dieser und geleitete die Herren an die Grubeneinsahrt, und alsbald ging es in das düstere Bergwerk.
„Bis in den dritten Schacht können wir getrost einfahren," sagte der Obersteiger, „und dann werde ich Ihnen das Unglück zeigen, meine Herren."
Bald hielten die Männer im dritten Schachte und ein unheimliches Rauschen und Rollen zeigte ihnen bereits an, daß sie sich in der Nähe des Unglücks befanden. Noch ungefähr hundert Schritte stiegen ste in einem Seitenstollen empor und nun sahen sie bei flackerndem Lampenscheine das grausige Unglück. Dort an Stelle der beiden großen Schachte, in welchen die Kohlen seit drei Jahren so reichlich gewonnen worden waren, sah man weiter nichts als einen gähnenden Abgrund und stürzende, hochaufschäumende Waffermassen.
„Das ist eine Katastrophe furchtbarster Art, das ist ja der Ruin des ganzen Bergwerks," schrie der Commerzienrath entsetzt auf. „O, mein armer, unglücklicher Freund Hülsemann! Wie soll man da retten können?"
Mit dem Ausdrucks des Schreckens, der Angst und des tiefen Seelenschmerzes blickte auch Ludwig Malten in den furchtbaren Abgrund und in die tosenden Waffermaffen.
„Gibt es denn hier gar kein Mittel, die Grube vor voll
ständigem Untergange zu retten?" frug Ludwig Malten dann mit bebenden Lippen den Obersteiger.
„Ich halte es nicht für unmöglich," erwiderte dieser, „wenn man den Versuch macht, einen neuen großen Abflußcanal zu bauen."
„Aber dann fehlt ja das Wasser immer noch oben in dem Werke, wo es bisher als Triebkraft diente," sagte der Commerzienrath mit trostloser Miene. „Das Unglück ist eben doppelter Art, hier die Katastrophe und oben die Vernichtung der Wasserkraft."
„Man müßte dann wohl eine große Dampfmaschine anschaffen, um die oben fehlende Wasserkraft zu ersetzen," entgegnete der Obersteiger kleinlaut-
„Ja, lieber Mann, Sie reden nur vom Standpunkte des Bergwerkbetriebes und nicht von den Unkosten und von der Rentabilität," bemerkte der Commerzienrath bitter. „Eine große Dampfmaschine als Ersatz für die verlorene Wasserkraft anzuschaffen, das wäre an sich keine große Schwierigkeit, aber ich fürchte nur, daß, wenn die Dampfmaschine sammt den dazu gehörigen neuen Anlagen angeschafft und hier in der Tiefe ein kostspieliger Abzugscanal gebaut werden soll, diese Neuschöpfungen dann so viel kosten, daß das Bergwerk überhaupt nicht mehr rentiren kann. Das Bergwerk kostet dann im Kapital wahrscheinlich das Doppelte als jetzt, bekommt wegen der Dampfmaschine auch größere Betriebskosten und fördert aber deshalb täglich keinen Centner Kohlen mehr."
„Dies müßte erst die Zukunft lehren," sagte der Obersteiger schüchtern, und brachte die Herren wieder aus dem Bergwerke.
„Hier ist leider Alles verloren," flüsterte der Commerzien- rath seinem Sohne zu, als Beide wieder in den Wagen stiegen.
„Aber wollen wir denn gar keinen Versuch machen, um zu Helsen, lieber Vater!" bat Ludwig.
„Es ist ja vergebliche Mühe. Mit dem Bergwerke steht es wie mit einem sinkenden Schiffe, es ist unrettbar verloren und lohnt nicht mehr, ein kostspieliges RettungSwerk zu unter- nehmen- Außerdem bin ich auch gar nicht im Stande, mit einer solchen großen Summe, wie sie zur Rettung des Bergwerks nöthig sein würde, Hülsemann unter die Arme zu greifen."
„Wahrscheinlich verfügt aber auch Herr Hülsemann noch über namhafte Baarmittel," wandte Ludwig ein.
„Ich will das nicht bestreiten, aber angesichts einer solchen Katastrophe, wo Hülsemanns Bergwerk, welches sein Haupt- besitzthum ist, so gut wie verloren angesehen werden muß und wo er wahrscheinlich große laufende Verbindlichkeiten zu decken hat, will dies nicht viel sagen. Hülsemanns Bankerott ist deshalb so gut wie unausbleiblich, denn da das Bergwerk ruinirt ist, fürchtet natürlich jeder Gläubiger, sein Geld zu verlieren. Es muß eben leider unter solchen traurigen Verhältnissen zum Concurse kommen."
Der Commerzienrath schwieg und Ludwig seufzte tief. Nach einer Pause fuhr der erstere mit leiser Stimme fort: „Ludwig, dieses Unglück Hülsemanns ist gewiß ein harter Schlag auch für uns, zumal für Dich. Aber laß Dir rathen. In solchen Fällen hilft nicht der Schmerz, nicht die Sentimentalität, sondern nur die ruhige, kühle Erwägung. Hülsemann kann nicht verlangen, daß wir uns für ihn aufopfern, denn es ist zu unsicher, ob das Bergwerk wieder rentabel wird, und dann sind wir auch ruinirt. Unvernunft wäre es daher, sich an Hülsemanns zu ketten, und so leid es mir auch thut, ich muß in Deinem eigenen Interesse wünschen, lieber Ludwig, daß Du Dein Verhältniß mit Fräulein Hülsemann löst. Es war, Gott sei Dank, nur eine heimliche Verlobung und das Verhältniß kann einschlafen, ohne daß ein Stadtklatsch darüber entsteht."
Ludwig Malten blickte bei den letzten Worten seinen Vater mit wachsendem Staunen an, dann rief er mit wehmüthig ängstlicher Stimme: „So denkst Du mich handeln zu lassen, Vater! Ich soll das Mädchen, der ich mit herzlicher Liebe zu- gethan, verlassen, weil ihrem Vater ein großes Unglück zustieß, ich soll das Unheil noch mehren, welches über die Familie Hülsemann bereits in erdrückender Schwere hereingebrochen ist.


