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Nr. 58
18113.
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Donnerstag, den 18. Mai.
Das große Loos.
Original-Novelle von Leo Werner.
(Fortsetzung).
„Sonderbar, sonderbar," murmelte der Commerzienrath, als er eine halbe Stunde später wieder seiner Villa zuschritt, „die Leute versuchen genau wie ich ihr Glück im Spiel, Ham# mern sich an eine unter Umständen sehr trügerische Hoffnung. Diese Neigung muß tief in des Menschen Brust liegen und zuweilen sich mächtig regen. Es ist ja auch erklärlich, denn man sucht eben mit dem Glück das Unglück zu bekämpfen, aber welch' ein Unterschied liegt doch nicht in den Verhältnissen der einzelnen Spieler! Gewänne ich zum Beispiel das große Loos, so würde es mich wieder zum reichen Manne machen und ich könnte auch meinen Mitmenschen viel nützen, gewännen die Arbeiter aber das große Loos, so würde wahrscheinlich noch kein einziger von ihnen wohlhabend davon werden, denn der Gewinn müßte an hundertdreiundvierzig Mitglieder vertheilt werden. Ich habe allerdings auch einen weit größeren Einsatz riskirt als die hundertdreiundvierzig Arbeiter zusammen. Es gleicht sich eben in der Welt Alles aus, auch Risiko und Geivinnaussichten."
Nach seiner Rückkehr in die Villa begab sich Malten, welcher seit elf Jahren Wittwer war, nach der Veranda seines Gartens. Dort in einer stillen, lauschigen Ecke suchte er seinen Geist zu sammeln, um den aufregenden Scenen, welche bald zwischen ihm und seinem Sohn Ludwig stattfinden mußten, gewachsen zu sein, denn wahrscheinlich erfuhr Ludwig das Unglück, welches Hülsemann betroffen, noch in der Fabrik oder auf dem Wege nach der Villa von irgend einem Bekannten oder gar durch einen Bediensteten Hülsemanns selbst, denn dergleichen Hiobsposten pflegen sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten.
„Ich werde Ludwig gütlich zureden," dachte Malten, „und er wird vielleicht einsehen, daß es gut ist, einen Act kühler Ueberlegung zu vollziehen und meinem Rathe folgen, er ist ja sonst ein sehr vernünftiger Mensch."
Während der Commerzienrath sich dieser stillen Hoffnung hingab, eilte plötzlich sein Sohn mit fliegendem Athem herbei und dem Vater einen Brief reichend, rief er mit bebenden Lippen: „Hier lies, Vater! Ein entsetzliches Unglück ist im Hülsemann'schen Bergwerke passirt."
Hastig durchflog Malten den Brief, der von Matthias Hülsemann selbst geschrieben, Ludwig Malten und dessen Vater das entsetzliche Unglück anzeigte.
„Ich hatte schon Kunde von der Katastrophe," begann der Commerzienrath mit verschleierter Stimme. „Es ist eine furchtbare Heimsuchung auch für uns. Wir stehen rathlos vor dem Unglücke einer uns so nahestehenden Familie."
„Rathlos?" frug Ludwig und seine großen blauen Augen blickten erstaunt auf den Vater. „Wir können doch Hülsemann nach Kräften beistehen, daß ihm der Credit erhalten bleibt und daß er die Grube wieder in leistungsfähigen Zustand setzen kann."
„Es ist das ein edler und schöner Gedanke von Dir, mein Sohn, aber ich muß nur fürchten, daß die Ausführung desselben unmöglich sein wird."
„Wie? Unmöglich soll es sein, einem Freunde zu helfen?"
„Dies meine ich natürlich nicht, Ludwig, aber in dem Hülsemann'schen Falle ist es doch sehr zweifelhaft, ob es sich überhaupt lohnt, die Grube in den alten Stand zu setzen. — Wer bürgt dafür, ob die Aufräumungsarbeiten und Neu- Einrichtungen nicht so viel kosten, daß das ganze Werk unrentabel wird. Außerdem hatte Hülsemann bisher eine billige Wafferkraft, welche Dampfmaschinen ersetzte und das Werk rentabel machte, und gerade diese Wafferkraft dürfte durch den Schachtsturz verloren sein, denn ich hörte, daß das bisherige Oberwaffer vollständig in die Tiefen der Grube gesunken sei. Und dann sind wir auch gar nicht in der Lage, mit großen Summen Herrn Hülsemann zu Hilfe eilen zu können, denn ich habe im letzten Jahre einige empfindliche Verluste gehabt und bin mit dem Reste meiner Kapitalien stark, sehr stark in geschäftlichen Unternehmungen, zumal auch in dem neuen eng» lischen Patente engagirt. Soll ich da ein Wagniß unternehmen, welches vielleicht auch unsere Fabrik dem Ruine entgegen# treibt? Das kann Niemand von mir verlangen."
„Aber was soll aus Hülsemann in dem Unglücke werden. Seine Tochter ist meine Braut, wir können unmöglich kaltblütig zusehen, wenn die bisher hochangesehene Familie an den Bettelstab kommt," erwiderte Ludwig sehr aufgeregt.
„Nun, das Schlimmste brauchen wir doch noch nicht für Hülsemann zu befürchten. Vielleicht ist das Unglück gar nicht so groß, vielleicht findet er einen großen Kapitalisten, welcher als Theilhaber in die Firma tritt. Jedenfalls sind wir nicht in der Lage, Hülsemann mit großen Summen beistehen zu können. Dieser Standpunkt muß unter allen Umständen festgehalten werden."
Ludwig seufzte tief und schüttelte erregt sein Haupt. „Diesen Standpunkt theile ich nicht, lieber Vater," entgegnete er dann mit Entschiedenheit, „wir sind mit Hülsemanns viel zu sehr befreundet und ich schätze den alten Herrn nebst seiner


