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Griechen verwickelt; die Heroen Herakles und Theseus ziehen gegen sie zu Feld und umgekehrt fallen sie selbst in Griechen« land ein; bis nach Attika dringen sie siegreich vor und auf dem Areshügel gegenüber der Akropolis sich festsetzend, belagert da» Amazonenheer Athen. In Wort und Bild wurde diese Sage in Athen lebendig gehalten und zum Gemeingut ganz Griechenlands. Wie Athen seine Amazonengräber hatte, von denen Plutarch berichtet, verknüpfte sich auch bei andern Städten Griechenlands die Amazonensage mit den letzten Ruhestätten dieser weiblichen Feinde; wieder andere Städte aber, besonders Kleinasiens führten, wie beispielsweise Smyrna und Ephesos, ihre Gründung auf Amazonen zurück.

Mannigfach varitrten natürlich die verschiedenen Sagen­kreise, deren aller Mittelpunkt der Amazonenmythus bildete und wie dieser für die Dichter und besonders Rhetoriker Athens ein ost berührtes Thema wurde, so ließen sich begreiflicher­weise auch die griechischen Künstler diesen dankbaren Vorwurf nicht entgehen; Malerei und Skulptur bemächtigen sich des fesselnden Stoffes. In der Stoa poikile Athens stellte täglich dem Besucher des Marktes Mikon's monumentales Gemälde die Amazonenschlacht vor Augen und auf dem Schild der Colossalstatue der Schutzgöttin Athens, der Athene Parthenos, prangte der Phidias Meisterhand eine Reliefdarstellung der Amozonenschlacht, welcher der Künstler in stolzem Selbstbewußt­sein sein und seines großen Freundes Perikles Portrait hatte. Griechenlands größter Blldhauer verschmähte auch nicht eine öftere Behandlung des gleichen «Stoffes und selbst am Thron seines olympischen Zeus hat er der Amazonensage in figuren- reicher Darstellung einen Platz eingeräumt. Kein Wunder, daß die antike Kunst und bald nicht minder das Kunsthand­werk diesen Stoff festhielten; besonders Vasen sind es, auf denen man eine reiche Zahl figürlicher Darstellungen der Ama­zonen überliefert hat, zum Theil wechselnd in der Auffassung, zum Theil aber auch so übereinstimmend in der Darstellung, daß nach dem Urtheil Klugmann's, auf den wir bezüglich der Stellung der Amazonen in der attischen Litteratur und Kunst besonders verweisen, man sie alle für Erzeugnisse einer und derselben Fabrik halten darf. Nächst diesen Darstellungen ist bemerkenswerth die Verwendung des Amazonenmotivs auf Sarcophagen, von denen uns die römisch-hellenische Kunst eine Reihe Beispiele aufbewahrt hat.

So fehen wir, wie int klassischen Alterthum ein vielfach verknüpfter, mit den schönsten Blüthen der Poesie und Kunst geschmückter Sagenkranz sich um die Heldenfrauen schlingt und auch in der deutschen Litteratur lebt in Kleist'sPenthesilea" der Name der jungen Amazonenkönigin fort, die wie ein Sturm­wind mit ihrem Volk in den Kampf der Griechen und Trojer hereinbraust, und deren Geschick sich tragisch mit dem des ge­waltigen Achilles verknüpst.

Stets erscheinen die Amazonen des Alterthums als ein waffengeübtes Weibervolk, dessen Lust der Krieg und die Jagd, tapfer und streitbar, meist kühne Reiterinnen, allein für sich einen Staat bildend, nur einmal im Jahr zur Erhaltung des Volks in hochzeitlichem Kriegszug benachbarte Stämme be­suchend, deren Namen der Kriegsgott Mars durch seine Priesterin verkündet.

Marsbräute werden sie begrüßt, die Jungfrauen

Der frohe Tag der Reife wird bestimmt, Gedämpfter Tuben Klang ertönt, es schwingt Die Schar der Mädchen flüsternd sich zu Pferde Und still und heimlich, wie auf wollnen Sohlen, Gehts in der Nächte Glanz, durch Thal und Wald, Zum Lager fern der Auserwählten hin."

(Kleist, Penthesilea).

Welches mag nun der thatfächliche Hintergrund des Ama- zonenwythus fein? Ein Amazonenvolk, wie es die griechische Sage uns fchildekt, hat natürlich nie existirt, wohl aber gab es von jeher Völkerschaften, bei denen die Frauen mehr oder weniger in die Oeffentlichkeit traten; nicht nur galt ihr Wort

im Rath der Männer, sondern in körperlichen Uebungen er­zogen, wußten sie, wenn es galt, den Feind zu bekämpfen, im Nothfall auch die Waffe zu führen. Alle Zeiten nennen uns Namen von Frauen, die, an der Spitze großer Staaten stehend, kühnen Geistes und muthigen Sinnes die Geschicke von Tau­senden leiteten; Elisabeth und Katharina finden ihre würdigen Vorgängerinnen in Zenobia, der stolzen Gegnerin des gewal­tigen Rom und der vom Nebel der Sage umwallten Seythen- königin Tomyris, der Besiegerin des mächtigen Cyrus.

Besonders den Grieche» aber, bei welchen die Frauen ein ganz auf die häusliche Thätigkeit beschränktes Leben führten, mußte es in hohem Grad auffallen, als sie auf ihren Ms zum schwarzen Meer führenden Colonisationszügen in den Seythen und Sauromaten auf Völkerschaften stießen, deren Frauen an der Jagd und selbst am Kriege theilnahmen. Leicht war so der Grund zur Amazonensage gelegt; bei ihrer weiteren Aus­bildung waren religiöse Momente von wesentlichem Einfluß. Die stets betonte Beziehung der Amazonen zu Mars, ihr Ver- hältniß zu den Männern, die angebliche Gründung von Städten, in denen wie in Ephesos der Kult und Artemis blüthe, durch die Amazonen, sprechen deutlich dafür, daß die Priesterinnen der gerade im Norden hochverehrten Gottheiten Mars und Artemis manche Züge zum Bild der Amazonen geliehen haben. Die Männerlosigkeit, der strenge Lebenswandel, zu welchen die Priesterinnen dieser Gottheiten verpflichtet waren, ist ein Haupt­zug des Amazonencharakters und es ist ein merkwürdiges Zu­sammentreffen, wenn wir bei der weiblichen Kriegsmacht des Königs von Dahome, in dem gewiß nicht durch strenge Sitten­gesetze ausgezeichneten Afrika vestalifchen Vorschriften begegnen, deren Verletzung grausam geahndet wird. Ein Körnchen Wahr­heit der Amazonensage findet der Ethnograph ferner in der bei vielen Völkern zu constatirenden Bevorzugung der Frau, die sich nicht nur auf Frauenverehrung erstreckt, sondern auch im Frauenrecht, in der weiblichen Erbfolge ihren Ausdruck findet.

Schwieriger beinahe als die Entstehung der Amazonensage selbst ist der Ursprung des Namens zu erklären; bekannt ist die Deutung de» Wortes Amazone alsBrustlose", auf der Ueberlieferung fußend, daß diese Mannweiber, wie dies von den Sauromaten als Thatsache berichtet wird, um den Bogen ungehindert brauchen zu können, die Entwickelung der einen Brust verhindert hätten; die griechische Kunst hat sich bekannt­lich niemals des ästhetischen Frevels einer brustlosen oder ein- brüstigen Amazone schuldig gemacht. Wahrscheinlicher ist die schon von Herodian aus sprachlichen Gründen aufgestellte Deu­tung, wonach im Namen auf die Nahrung Bezug genommen ist; während das gewöhnliche Nahrungsmittel des griechischen Volkes geknetetes Gerstenbrod gewesen, galten den Amazonen wie den Seythen und anderen Völkern Milch und Fleisch als Hauptnahrung.

Längst war die Herrlichkeit der griechischen Welt im Schutt der Jahrhunderte begraben, als die Sage von der Existenz der Amazonen noch einmal lebendig ward; dieses Mal wurde ihr Wohnsitz der ferne Westen, die neue Welt- Als der Spanier Orellana im Jahre 1541 den heute Amazonas ge­nannten Fluß hinabfuhr, stieß er auf eine Horde Indianer, die ihm für den gewaltigen Strom den NamenAmassona" an- gaben; vielleicht erblickte der Forscher zugleich auch unter der Bande am Ufer einige bewaffnete Weiber und so glaubte er, eine klassische Erinnerung wieder auffrischend, das Land der Amazonen aufgefunden zu haben. Aus demBootzerstörer" der Indianer, wasAmassona" bedeutet, wurde der Amazonen- fluß moderner Geographie. Aber fortschreitende Erkenntniß klärte auch diesen Jrrthum auf; weder am Kaukasus oder an den Ufern des Schwarzen Meeres, noch in den Urwäldern Südamerikas finden wir eine staatliche Organisation bewaff­neter Frauen, die dem griechischen Urbild der Amazonen ent­sprach und nur in Afrika sehen wir, daß die Idee der Heran­ziehung aller waffenfähigen Kräfte auch zur Bildung einer weiblichen Kriegsmacht geführt hat.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brtthl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen