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Der junge Mann erröthete wie ein Mädchen und blickte verlegen vor sich hin.
„Mein Freund Warneck und ich," begann er endlich zögernd, „ritten gestern Nachmittag nach der Stadt, wo wir uns im Kreise alter und neuer Freunde verspäteten- Als wir nach Mitternacht heimkehrten, schlug gerade vor uns der Blitz in jenes Häuschen ein, das mir bereits durch meinen Freund Reinhardt bekannt geworden. Ungewiß, ob die alte Dame bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, sich noch befinde oder bereits zurückgekehrt und alsdann in Gefahr sei, zu verbrennen, drangen wir tn's Haus und fanden sie endlich bewußtlos vor ihrem Bette liegen. Ihre Rettung war für uns weder mit großer Mühe noch mit Gefahr verbunden, Gott sei Dank waren auch bald Aerzte zur Stelle, welche sie in ihre Obhut nahmen."
„Sie haben also die Gute gerettet!" rief Armgard, ihm tiefbewegt beide Hände entgegenstreckend, welche er verwirrt ergriff und an seine Lippen führte. „Und Sie sagten mir kein Wort davon, wollen sich meinem Dank entziehen. Diese That wird Ihnen unvergessen bleiben."
„Sie überschätzen dieselbe, meine Gnädige!" wehrte Marbach fast ängstlich ab. „Verdient die einfachste Menschenpflicht einen solchen Dank? Gott gebe nur, daß es den Aerzten gelingen möge, ihr geistiges Leben zu retten, denn sonst wäre meine That allzu gering und besser unterblieben."
„Hoffen wir es, Herr Marbach!" sagte Armgard weh- müthig. „Doch — sagten Sie nicht vorhin, daß Sie nach der Stadt fahren?"
„Ja, mein gnädiges Fräulein."
„Haben Sie einen Platz für mich übrig?"
„Ich fahre selber, benutze den Vordersitz meines kleinen Jagdwagens, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen?"
„Gewiß, ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Marbach, da mein alter Kutscher nicht ganz wohl ist. Ich möchte zu Tante Hanna, man wird mich doch zu ihr lassen?"
„O sicherlich, — Sie erlauben, daß ich vorfahren lasse?" „Ich bin in fünf Minuten zu Diensten!"
Mamfell Evers gerieth ganz außer sich, als Armgard ihr die Mittheilung über Tante Hanna machte.
„Und nun wollen Sie auch fort, Fräulein," schluchzte sie, „und mich arme Kreatur mit meinem Schmerz und dem amerikanischen Ding allein lassen!"
Armgard schrak zusammen, da sie über das schreckliche Er« eigniß die kranke Lotta vergessen hatte.
„Ich bringe eine Wärterin aus der Stadt mit, liebe Evers," beruhigte sie die aufgeregte Mamsell. „Kann die Kleine doch nicht auf die Straße setzen. Es ist eine unangenehme Geschichte mit diesem Kinde, man kann aus dem Zustande desselben nicht klug werden."
„Ja, es ist ein kluges Ding," zeterte die Evers, „das man sich nicht rasch genug vom Halse schaffen kann- Na, Fräulein, bleiben Sie nur nicht zu lange weg, Herr Marbach wartet unten schon auf Sie-"
Die Mamsell schaute den Davonfahrenden eine Welle nach und nickte dann energisch vor sich hin, wobei sie mit der Rechten nach ihrer Gewohnheit eine wegwerfende Bewegung machte, welche diesmal dem Herrn Julius Steindorf und seiner Lotta galt.
Der kleine elegante Jagdwagen von Rotenhof erregte seiner beiden Insassen halber eine Art Aufsehen der Stadt, besonders unter der gebildeten Bevölkerung. Man blickte verduzt hin, zog den Hut, die Damen grüßten und steckten die Köpfe zusammen, während in Armgards Augen eine stille Genugthuung aufleuchtete. Diese Fahrt muß unbedingt jene» ärgerliche Gerücht, das sie und Julius Steindorf zusammen nannte, mit einem Schlage verstummen lassen. Lieber mochte man an eine Verbindung mit Marbach glauben, eine solche konnte sie wenigstens nicht in ihren eigenen Augen erniedrigen. Mochte der kluge Herr Julius sie auch durch die aufgezwungene Pflege seines Töchterleins zu compromittiren und dadurch an sich zu ketten suchen, so entwand sie ihm doch in dieser Stunde einen Haupttrumpf, indem sie der öffentlichen Meinung ein neues Räthsel aufgab.
Sie fuhren an der Brandstätte vorüber, wo nur schwarze Mauerreste noch emporragten. Gestern noch bot das allerliebste Häuschen ein trauliches Heim stiller Zufriedenheit, selbstgenügsamen Glücks, unter dessen Dache unzähligen Hilfsbedürftigen aller Klassen Rath, Trost und Hilfe gespendet worden war. Tante Hannas frischer und fröhlicher Geist war umnachtet, vielleicht gar — entsetzlicher Gedanke — zum Blödsinn ver« urtheilt, ihr Heim vernichtet, während ihre geliebten Rosen abgebrochen und auf dem Erdboden lagen, ein Bild trostloser Zerstörung, welche das Unheil dieser Nacht verschuldet.
Ueber Armgards Wangen tropften Thränen bei diesem Anblick, — den sie wortlos in sich aufnahm.
„Soll ich Sie gleich zu der Kranken fahren, mein gnädiges Fräulein?" fragte Marbach endlich leise.
„Nein, wenn ich bitten darf, erst zu meinem Hausarzt, Doctor Peter», der an der neuen Promenade wohnt."
Es lag ihr daran, gesehen zu werden.
Der Arzt, war nicht mehr daheim, sie blieb deshalb bei der alten Frau Doetorin, mit welcher sie zusammen Tante Hanna besuchen wollte, und bat Marbach, sie hier, wenn er heimfahren wollte, wieder abzuholen, was derselbe mit sichtlicher Freude versprach.
„In zwei Stunden etwa?" fragte er und Armgard nickte zustimmend.
Die alte Frau Doctorin, welche mit ihrer verstorbenen Mutter einst sehr befreundet gewesen, blickte ihr forschend in die Augen und meinte dann, daß der junge Besitzer von Rotenhof einen sehr guten Eindruck mache und sicherlich eine vielumworbene Parthie sein werde, wozu Armgard ein nachdenkliches Gesicht machte, ihn lobte und sehr zerstreut schien, was die alte Dame, welche Armgard besonders lieb hatte, mit sichtlicher Befriedigung zu bemerken schien.
Dann aber drehte sich die Unterhaltung einzig um die arme Tante Hanna und Armgard bedauerte es, daß der Doctor sie nicht selber in sein Haus genommen, wo die Gute doch jedenfalls am besten aufgehoben gewesen sei.
„Er hat's ja wollen, meine Beste," rief die Doctorin, „und auch ich hätt's so gern gesehen, aber es war nicht möglich, Ruhmanns, zu denen man sie in der Eile zunächst geschafft, dazu zu bestimmen. Sie ist ja auch dort gut aufgehoben, es hätte Tante Hanna eben ein Jeder gern genommen."
Unter diesem Gespräch hatte sich die alte Dame, da Armgard jede Erfrischung energisch sich verbeten, zum Ausgehen gerüstet, worauf Beide das Haus verließen.
Sie wurden, bis sie zu ihrer Kranken gelangten, noch vielfach durch Bekannte aufgehalten, erreichten aber doch endlich das Ruhmann'fche Haus und standen nach wenigen Minuten am Bette der Unglücklichen, welche in ihrer Unbeweglichkeit, ihrer starren Apathie schon mehr einer Leiche glich. Ihr Gesicht war so weiß wie die Binde, welche um ihre Stirn gelegt war und die weitgeöffneten Augen blickten mit blödem Ausdruck in's Leere.
„O, das ist entsetzlich," flüsterte Armgard, fassungslos in Thränen ausbrechend, „und keine Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes, der schlimmer ist als der Tod?"
„Keine als durch ein göttliches Wunder, mein liebes Fräulein!" sprach der Doctor, welcher leise eingetreten war. „Glauben Sie mir," fuhr er flüsternd fort, „daß ich nur mll Widerstreben auf ihre leibliche Genesung hoffe, well der Tod hier in der That eine Wohlthat wäre."
„Und was kann die Ursache dieser Geisteslähmung sein, lieber Doctor?" fragte Armgard, sich gewaltsam fassend.
„Unzweifelhaft eine tieferliegende Verletzung des Gehirns, welche sozusagen die directe Leitung der seelischen Thätigkeit unterbrochen hat. Wir vermochten diese Ursache, ohne das Leben der Kranken zu gefährden, nicht anders festzustellen, als durch die Wirkung, welche nur darauf zurückzuführen ist."
Armgard beugte sich über Tante Hanna, sah ihr in die Augen und nannte mit zärtlichem Tone ihren Namen- Doch nicht der leiseste Ausdruck oder die kleinste Regung deutete auf ein Erkennen oder Empfinden hin, da» Leben pulsirte noch in diesem Körper, weiter nichts. (Fortsetzung folgt )


