Ausgabe 
18.3.1893
 
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Kann nichts versprechen, müssen es Gott anheimstellen," brummte der Arzt.Wissen Sie's bestimmt, Reinhardt, daß in dem alten Möbel hier sich ihre Werthsachen befinden?"

Ganz bestimmt, Doctorl Aha, man will sich davon überzeugen."

Wirklich näherten stch jetzt einige höhere Gerichts» und Polizei-Beamte, welche eifrig mit Marbach und Warneck sprachen. Schutzleute mußten die noch immer umherlungernde Menge zum Verlassen des Gartens auffordern, das auch ohne Wider­spruch in Ruhe geschah. Nun erst wollte man, da es mittler­weilen tagte, an die Oeffnung des Möbels gehen.

Der Secretär ist offen," rief der Polizei-Commiffar, der m-t einem seiner eigenen Schlüffe! probirte. Man blickte sich betreten an, worauf der Beamte den Inhalt des Möbels zu prüfen begann.

Nummer eins Schmuckstücke, welche nur als Andenken einen Werth zu haben scheinen," sagte er, einige Gegenstände kleinen Fächern entnehmend.Sonst dergleichen, wie es scheint, ist nichts vorhanden."

Das ist undenkbar, Herr Commiffar!" rief der alte Maler erregt.Sie wissen, ich gehörte zu ihrem intimen Freundeskreise und habe häufig genug einen Blick in dieses Möbel hineinwerfen dürfen. Tante Hanna besitzt ganz seltene Schmuckstücke, deren Diamantenwerth ein kleines Vermögen blldet und die sie längst, wie sie mir oft gesagt, veräußert hätte, um unterschiedliche Thränen mit dem Gelbe zu trocknen, wenn sie nicht edle Herzen, die sie ohne ihr besonderes Verdienst dadurch hätten ehren und auszeichnen wollen, zu tief verletzen und kränken würde. Suchen Sie nur genau nach, es muß sich jedenfalls noch finden. Warten Sie, Herr Commiffar, jetzt bin ich orten« irrt, in diesem großen Schubkasten hier rechts unten müssen die Werthsachen liegen."

Der Beamte zog den bezeichneten Kasten auf, er war bis auf ein alterthümliches Armband mit Rubinen und einigen Ringen, welche darin umherlagen, leer.

Der Teufel auch," rief Reinhardt bestürzt,das sieht ja genau nach einem Raub aus, da die ordnungsliebende Tante Hanna dergleichen Dinge nicht so wüst umherliegen ließ."

Ich fürchte jetzt selber, daß die Geschichte darnach aus- sieht," sagte der Commiffar, die Gerichtsherrn anblickend, welche ebenfalls sehr bestürzt zu sein schienen und ihn erregt auffor- derten, die Untersuchung fortzusetzen, während der Amerikaner suchend durch den Garten schritt.

Hier links befanden sich ihre Werthpapiere, dort oben ihr baares Geld," fuhr Reinhardt hastig fort.

Die Werthpapiere waren vollständig vorhanden, das baare Geld war verschwunden- Tiefe Stille herrschte unter den An­wesenden, während der Commiffar noch sämmtliche Behälter untersuchte und auch das kleinste Fach nicht vergaß. Es fand sich in der That nichts weiter mehr vor.

Nun, meine Herren?" fragte Warneck, welcher seinen Rundgang durch den Garten vollendet hatte und nun hinzutrat, erwartungsvoll.

Es liegt hier offenbar ein Raub vor," sprach der Com­miffar mit fester Stimme.

Somit ein Raubmord!" ergänzte Warneck ebenso bestimmt. Alle blickten ihn entsetzt, ja sogar mißtrauisch an.

Dieser Herr wird recht behalten," nahm Doctor Peters jetzt erschüttert das Wort,ich selber war über die Natur der schweren Verwundung im Zweifel nun bin ich überzeugt. Die Unglückliche wird durch das Gewitter geweckt und von dem Diebe, als sie sich im Schreck bemerklich gemacht, mit jenem Totschläger ermordet worden fein. Vielleicht wird der Un- hold niemals entdeckt werden, da ich leider Gottes befürchten muß, daß Tante Hanna wohl am Leben, aber geistig tobt bleiben wird."

O, das wäre ja gräßlich!" rief der alte Maler, die Hand über die Augen legend, um die hervorquellenden Thränen zu verbergen.

Da nun nicht anzunehmen ist, daß die Greisin den Mör­der in der Nacht gesehen hat," bemerkte der Commiffar,so kann uns nach dieser Seite hin ihr Zustand nicht weiter be­

irren oder die Entdeckung des Thäters davon abhängig sein. Ich möchte die Herren nur um strengste Geheimhaltung des hier Verhandelten bitten, weil dies das Gelingen aller in der Sache nothwendigen Schritte bedingt. Kann ich auf Ihr Ehren­wort rechnen?"

Die beiden Freunde, sowie Reinhardt und der Arzt ver­sprachen es mit Handschlag und Wort, während die Herren vom Gerichte zumBau" gehörten, wie der Maler Reinhardt mit einem gewaltsamen Anlauf zu seinem gewohnten Humor bemerkte-

Das alte Möbel wurde, nachdem es so gut als möglich geschloffen worden, durch herbeigerufene Feuerwehrmänner nach der Polizei geschafft, ebenso die anderen geretteten Sachen, um kein vorlautes Gerede zu veranlaffen.

Dann begaben sich die Herren in sehr ernster Stimmung nach Hause, die beiden Freunde aber nach dem Gasthof, wo­hin sie ihre Pferde wieder zurückgeschickt hatten, um nach einem Imbiß eiligst nach Rotenhof zurückzukehren.

Am nächsten Morgen ritt Marbach nach Ebenheim, um Armgard Holten von dem schrecklichen Ereigniß der letzten Nacht so schonend als möglich in Kenntniß zu setzen. Das junge Mädchen hörte ihm wie erstarrt zu, obwohl sie das Unglück nur dem verhängnißvollen Blitzstrahl, nicht aber einem Ver­brechen zuschrieb, da sie von dem Verdacht eines solchen keine Ahnung erhielt.

Allerdings hatte der Blitz ja das Häuschen eingeäschert, doch die alte Dame keineswegs getroffen, da auch nicht die ge­ringste Spur des electrischen Funkens an ihr zu entdecken ge- wesen war.

O, hätte ich die gute Tante Hanna doch überredet, gleich hier zu bleiben," klagte Armgard, in Thränen ausbrechend,wie furchtbar lasiet dieses Versäumniß auf mir."

Ich bitte Sie aufrichtig, mein gnädiges Fräulein, sich doch keiner unnützen und völlig unverdienten Selbstquälerei hin- zugeben," tröstete Marbach die Faffungslofe.Ja, ich bin, wenn anders meine Menschenkenntnis mich nicht im Stich läßt, davon überzeugt, daß die alte Dame ihrem Entschluß, heimzu- kehren, jedenfalls treu geblieben wäre und sich nicht von Ihnen zum Bleiben hätte überreden lassen."

Sie mögen recht haben, Herr Marbach," erwiderte Arm- gard, ihre Thränen trocknend,und die Gute lebt ja auch noch, wir dürfen also trotz ihres hohen Alters die Hoffnung noch festhalten. Die Aerzte geben sie doch nicht auf?"

O nein, sie hoffen, sie am Leben zu erhalten, fürchten aber eine dauernde Geistesschwäche."

Das wäre entsetzlich und schlimmer noch als der Tod," rief Armgard zusammenschaudernd.Die Aermste, sie befinbet sich doch in guten Händen?"

In den besten, wie der Arzt versichert, meine Gnädige! Man scheint in der Siebe und Treue um diese alte Dame buchstäblich zu wetteifern, alle Häuser und Herzen sind ihr ge­öffnet. Ein beneidenswerther Lebensabend!"

Allerdings," stimmte Armgard bei,nur wenige Aus­erwählte hienieden dürfen sich eines solchen Lebensabends rüh­men, der jedoch auch ein so vollständig verdienter ist. Tante Hanna ist eine alte Jungfer, aber sie gibt uns das leuchtende Beispiel der Selbstlosigkeit und Hingebung, wie Gattin und Mutter beides nicht erhabener bewahrheiten können. Ihre Familie umfaßt diese ganze Gegend und Sie dürfen überzeugt sein, daß sowohl in jedem Palast wie in jeder Hütte die Klage um Tante Hanna eine ebenso allgemeine als aufrichtige sein wird. Wenn irgend eine auf der Welt das gehässige Vor- urthell gegen den sogenannten Altjungfernstand bannen müßte, dann dürfte es unsere Tante Hanna sein."

Marbach erhob sich jetzt, um sich zu empfehlen.

Ich fahre nach der Stadt," sagte er,und werde mich zugleich nach dem Befinden Ihrer alten Freundin erkundigen, mein gnädiges Fräulein! Wenn Sie es wünschen"

Ich wünsche noch Eins, das mir unklar geblieben, wissen, Herr Marbach!" unterbrach ihn Armgard hastig.Wie hat man Tante Hanna gefunden und wer hat sie gerettet?