Samstag, den 18. Marz.
Nr. 33
1893.
Nntevhaltnngsblatt jum Gietzenev Anzeigen (Gsnsval-Anzergsv)
Tante Hannas Geheimnis;.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
Man brachte Tante Hanna unter des Arztes Leitung nach dem nächstgelegenen Hause, wo man sie mit Freuden aufnahm, da Hunderte sich dazu drängten, ihr diesen Liebesdienst zu erweisen.
„Man sage nur noch, daß keine Dankbarkeit mehr auf Erden zu finden ist," meinte der alte Doctor, „hier haben wir den glänzendsten Gegenbeweis."
Er unterließ er nicht, einige Collegen rufen zu lassen, um in ihrem Beisein Hannas Kopf noch einmal einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen und ihre Meinung über die oberhalb der Stirne befindliche schwere Wunde zu vernehmen. Diese ging einstimmig dahin, daß die Greisin, von den Donnerschlägen aufgeweckt, sich erhoben und aus dem Bette gestürzt sei, wobei sie sich an irgend einem scharfen Gegenstände schwer verletzt und die Besinnung verloren habe.
Doctor Peters wiegte bei dieser sicheren Voraussetzung zweifelnd den Kopf.
„Herr Marbach, der jetzige Besitzer von Rotenhof, hat sie gerettet," sagte er, vorsichtig den verletzten Kopf der leise Stöhnenden verbindend, „ich glaube, er äst hier im Hause anwesend, fragen wir ihn doch einmal, wie er die Arme gefunden."
Marbach war wirklich noch anwesend, weil er das Resultat der ärztlichen Berathung erfahren wollte, um Fräulein Holten in schonender Weise Mittheilung davon zu machen. Er wurde prüfen und erzählte, daß er die alte Dame ausgestreckt, auf Knz Rücken liegend, gefunden habe.
„Sie müßte sich also, wenn die Wunde von einem Fall herrühren sollte, alsdann noch vollständig auf die andere Seite gekehrt haben," bemerkte der alte Doctor mit Betonung
„Was immerhin leicht möglich gewesen ist," erwiderte ein jüngerer Arzt.
Marbachs Freund Warneck, welcher ebenfalls im Zimmer anwesend war, sich aber im Hintergründe gehalten hatte, trat jetzt näher, um einen aufmerksam prüfenden Blick auf Tante Hanna, deren weitgeöffnete Augen verständnißlos vor sich hinstarrten, zu werfen.
„Entschuldigen Sie, meine Herren," sagte er bescheiden, „auch ich war dabei und half meinem Freunde, die alte Dame mit hinauslootsen. Sah aber, daß der Raum verdammt eng und eine Drehung ein Ding der Unmöglichkeit war. Fand
auch draußen in« Garten diesen Stock mit bleigefülltem Knopf einen sogenannten Todtschläger, das Ding ist, wie mir scheint nicht zufällig dorthin gekommen."
Die Aerzte sahen sich erschrocken an und auch Marbach schüttelte erstaunt den Kopf.
„Du hast mir kein Wort von diesem Fund gesagt," bemerkte er halblaut.
„Weil ich meine eigenen Gedanken darüber noch gegen Niemand laut werden lassen mochte," erwiderte Warneck ruhig. „Es kommt jetzt meiner Meinung nach hauptsächlich darauf an," wandte er sich wieder an die Aerzte, „es festzustellen, ob ein Raub vorliegt."
„Das Häuschen ist, glaub' ich, ganz niedergebrannt," sprach Marbach.
„Das ist die Frage," meinte Warneck, „ich werde mich sofort darnach umschauen."
„Ich möchte Sie begleiten," sprach Doctor Peters halblaut, „vielleicht bleibt einer meiner Collegen hier bei unserer Kranken, bis eine Wärterin zur Stelle ist, da man Tante Hanna hier um jeden Preis behalten will, obgleich ich unsere arme Freundin am liebsten im Kcankenhause hätte."
Das war auch die Ansicht der Collegen, doch fügt; man sich jetzt und verließ das Haus, während der jüngere Arzt zurückblieb.
Leider fanden die Herren das Häuschen fast ganz niedergebrannt, doch waren verschiedene halbverbrannte Gegenstände gerettet worden, unter Anderem auch der alte Secretär, in welchem sie nach der Behauptung des Malers Reinhardt, der sich bei der Rettung einiger Familien-Porträts, die der Greisin ganz besonders theuer waren, den halben Bart versengt hatte, ihre Werthsachen, Papiere und ihr Geld aufbewahrte.
„Gott sei Dank, daß diese Scharteke gerettet worden ist," sagte der Maler, „ihr ganzes Vermögen steckt darin."
„Auch ein nettes Sümmchen in Baar, das sie vor wenigen Tagen von mir empfangen," bemerkte ein Bankier, welcher den Doctor Peters freundlich begrüßte.
„Muß diese alte Dame aber beliebt sein!" rief Warneck ganz verblüfft. „Alle Welt scheint hier auf der Brandstätte versammelt und um ihr Wohl und Wehe besorgt zu sein."
„So ist es auch, mein lieber Herri" sprach der Maler sehr ernst. „Tante Hanna hat das Kunststück fertig gebracht, in dieser ganzen Stadt und Umgegend keinen einzigen Feind zu besitzen. Arme und Reiche — Junge und Alte hängen an " ihr mit gleicher Liebe, und deshalb wird der Herrgott es nicht zugeben, daß sie uns in solcher jammervollen Weise genommen wird. Nicht wahr, Doctor, Sie flicken unsere alte Freundin wieder zusammen."


