Ausgabe 
18.2.1893
 
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Aber war gibt es denn nur, Kind? Du mußt doch einmal wieder aufhören zu meinen."

Sie schüttelte leicht den Kopf.Ich glaube es kaum, Hans."

Und als dann Tante Anna unbemerkt das Zimmer ver­ließ, fetzte sie tief athmeud hinzu:Ich möchte Dir etwas sagen."

Was denn?" fragte er.Es steht nicht aus, als ob diese Mittheilung eine angenehme, gute sei. Du bist krank, Ruth, ich werde den Arzt holen lassen. Einen anderen als den früheren natürlich."

Das junge Mädchen schauderte.Nein, nein, Hans, Du irrst vollständig. Sage mir, bezieht sich die Freiheit, zu kom­men und zu gehen, wie man will, außer auf Adele Malten auch auf mich selbst?"

Gewiß," antwortete er.Weshalb fragst Du, Ruth?"

Weil ich Moldt verlassen möchte, Hans. Onkel Leopolds Geld bleibt Dir unverkürzt, aber ich selbst will von hier fort."

Der Baron erschrak heftig.Ruth!" rief er.Komm' zu Dir, Kind."

Sie lächelte traurig.Das Alles ist mit Muße überlegt, Hans. Mein Entschluß steht ganz fest; ich gehe."

Aber wohin denn, Ruth? Ich bin ganz erstarrt. Könntest Du mich wirklich so furchtbar verletzen wollen?"

Dich?" bebte es von ihren Lippen.Dein Haus ist mir immer eine geliebte Heimath gewesen. Hans, ich trenne mich schwer von Moldt und auch von Dir, aber es muß fein."

Wohin gedenkst Du zu gehen?" wiederholte er.

»In ein Diakonissenhaus. Ich muß den inneren Halt wiederfinden, muß mich aufrichten an etwas Stärkerem, an einer Pflicht, die mein Leben ausfüllt."

Der Baron wechselte die Farbe.Aber das Alles braucht doch nicht so über das Knie gebrochen zu werden, Ruth. Laß einmal ein Jahr vergehen, laß diese deprimirenden Eindrücke schwächer werden und fasse dann in aller Ruhe Deine Ent­schlüsse. Du möchtest doch späterhin eine jetzt begangene lieber- eilung auf das Lebhafteste bereuen müssen."

Sie schüttelte den Kopf.Niemals, Hans. Ich bin mit mir vollständig im Reinen; hier zu bleiben wäre unmöglich."

Weil Dein Name für kurze Zeit ein Gegenstand des müssigen Gespräches geworden ist, Ruth? Bist Du so empfind- lich? Kannst Du mich verletzen wollen um ein Nichts? Noch dazu, nachdem die öffentliche Meinung ungeteilt für Dich Partei genommen hat?"

Ruth deckte secundenlang die Hand über die Augen.Ein Nichts, sagst Du, Hans? Daß man mich des Mordes fähig hielt?" yo

Was wird nicht Alles behauptet und wieder vergessen! Du stehst im Begriff, eines bloßen Gedankens wegen ein Leben voll Anstrengung und Mühe auf Dich zu nehmen, ein Dasein, das zu jeder Stunde Opfer heischt. Wenigstens sollte eine so schwerwiegende Frage sorgfältiger überlegt werden."

Das ist geschehen, Hans; auch Tante Anna theilt voll­ständig meine Ueberzeugung. Es erübrigt sich für mich nur noch, zu erfahren, ob Wolframs Rechte als Vormund weit genug gehen, um meinen Entschluß zu vereiteln."

Das glaube ich nicht," versetzte der Baron.Hast Du denn schon Verbindungen angeknüpft, Ruth?"

Noch nicht, aber das ist Nebensache; eineßStellung als Probeschwester findet sich jedenfalls sehr schnell."

Und dann reichte sie ihm über den Tisch die Hand.Wir bleiben gute Freunde, Du und ich. Nur jetzt mußt Du mir nicht in den Weg treten, Hans."

Er seufzte.Kann ich denn das? Wahrlich, das Sprüchwort hat Recht: Ein Unglück kommt niemals allein."

Hinter ihm verschwand die schlanke Mädchengestalt durch eine Seitenthür und wieder war er allein. Gleich einem Blitz aus heiterer Luft hatte ihn dieser neue Schlag getroffen.

Die Dienerschaft begann den Tisch abzuräumen, der Lakak brachte Kaffee und Cigarren, aber Hans Adam ließ Beides unberührt stehen; dann gab er Befehl, das Pferd zu satteln- (Fortsetzung folgt.)

Von Professor Dr. Curt Lampert.

Nachdruck verboten.

In den letzten Augusttagen des vergangenen Sommers sah Friedrichshafen eine stattliche Zahl Mitglieder deutscher Fischereivereine versammelt, die gekommen waren, um an den Ufern des Bodensees den vierten deutschen Fischereitag zu be­gehen. Eine Fülle des Interessanten und Schönen ward ge­boten in Vorträgen und festlichen Veranstaltungen; einer seltenen Gunst der Witterung hatten sich die Theilnehmer der Fahrten über die blaue Fluth hin zu erfreuen, und damit auch materielle Gelüste ihre Befriedigung fänden, war wenigstens in einer Restau­ration, in Langensteins bekannter Fischküche, Gelegenheit ge­boten, die Schätze, die das schwäbische Meer birgt, practisch auf ihre Güte zu erproben- Ist es zu spät, wenn wir jetzt, während die Winterstürme über die im dichten Nebel endlos erscheinende Wässerfläche hinbrausen, nochmals der sonnigen Augnsttage gedenken und des Interesses, welches uns an den Bodensee geführt?

Mit rund 540 Quadratkilometer Oberfläche beansprucht der Bodensee einen Platz unter den größeren Seen der Erde und zählt mit dem Platten- und dem Genfersee zu dem Trifo­lium der größten Seen Mitteleuropas. Fünf Staaten grenzen an seine Ufer und theilen sich in seinen Besitz, und daß ein Seebecken, dessen Inhalt auf 40000 Milliarden Kubikmeter berechnet wird, auch eine nationalökonomische Bedeutung besitzt durch den Fischreichthum, den diese Wassermenge beherbergt, liegt auf der Hand. Dem Rheingebiet angehörend, zählt der Boden­see im Ganzen 27 einheimische Fischarten als seine Bewohner, während dem gesammten Rheingebiet 47 Arten zukommen, bet Rhein selbst unterhalb des Falles bei Schaffhausen 33 ver­schiedene Fische beherbergt. Eine treffliche Uebersicht über die im Bodensee vorkommenden Fische giebt ein vor einiger Zeit erschienenes Werk des bekannten Ichthyologen Professor Klun- zinger überBodenseefische, bereit Pflege unb Fang", auf wel­ches auch hier hingewiesen sein mag, da es uns nicht in trocken wissenschaftlichem Ton über die Formen und sonstigen Eigen­schaften der Bodenseefische belehrt, sondern auch über Masse, Fang, Verwerthung u. s. w. eine Reihe interessanter Mittheil, ungen macht, die wir in dieser Zusammenstellung bisher in der Literatur vermißt haben.

U Fast ein jeder größerer See hat seine Fischspecialität, unb wer einmal am Bobensee geweilt, hat von Felchen zum Min- besten gehört- Sie stehen mit den Forellen auf der Speise­karte eines Bodenseehotels obenan, freilich leider nicht immer; denn Tage lang kann man am Bodensee sein, ohne baß, zum Aerger bes Wirthes unb bet Gäste, bet Felchenfang eine Aus­beute liefert, unb feitbem es möglich geworden, in Eisverpack­ung unb directen Zügen bie Felchen weithin zu verschicken, kann man leichter in Stuttgart, als am Bodensee Felchen er­halten- Die Felchen, deren Arten von dem Zoologen zur Gatt- tung Coregonus zusammengefaßt werben, unb bie aus ben bayerischen Seen, wie Königssee, als Renken bekannt werden, sind nicht nur vorzügliche Spezialfische, sondern auch in ihrer Lebensweise von besonderem Interesse. Am Bodensee wird mit der allgemeinen Bezeichnung Felchen speciell der Blaufelchen gemeint; seine Heimath ist der offene See; nie kommt er ans Ufer oder in seichtes Wasser; mit Vorliebe hält er sich, wie feine aus kleinen Krustern bestehende Nahrung, in der Tiefe auf, bei wärmerer Temperatur und ruhigem Wasser kommt er, besonders bei Nacht, an die Oberfläche, von welcher ihn aber Kälte und Stürme sofort wieder in die Tiefe vertreiben. Kein Wunder, daß der Fang der Felchen eine besondere Methode erfordert und sehr vom Zufall abhängig ist. Der Fang mit der Angel ist von vornherein ausgeschlossen, da der Felchen alsFriedfisch" auf keinen Köder anbeißt, so daß nur das Fischen mit dem Netz übrig bleibt. In ganzen Flotillen sam­meln sich im Ueberlinger See die Felchenschiffe, von denen aus den ganzen Tag, von früh bis Abends große eigens kon-