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Platz, Willibald," sagte seufzend der Baron. „Wir wollen den Tisch an den Ofen rücken, nicht wahr? Es ist gar zu kalt heute."
Der Andere schüttelte leicht den Kopf. „Hans," preßte er mühsam hervor, „Hans, Du mußt um meiner Nothlage willen verzeihen, daß ich Dich zwinge, an Anderes als nur an Deinen Kummer zu denken. Gestern bei dem Begräbniß Deiner armen Frau konnte ich natürlich von unserer schlimmen An« gelegenheit nicht sprechen."
Der Baron sah zur Seite. „Du meinst das Geld, WMbald?"
„Ach Gott, ja. Nur ein Zufall hat die Revision bis jetzt hinansgeschoben — sie kommt nun unfehlbar übermorgen."
„So früh schon?"
Willibald erbleichte. „Sag' es mir rund heraus, Hans, Du hast nicht die allergeringsten Aussichten."
„Doch, doch," entgegnete hastig der Baron. „O, gewiß, Willibald. Ich bin sogar fest überzeugt, das Geld richtig zur Stelle schaffen zu können. Gleich nach Mittag begebe ich mich in die Stadt, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen."
„Hans, ist das wahr?"
„Gewiß, gewiß. Mache Dir keine unnöthigen Sorgen, alter Junge. Auf die Erbschaft meiner Schwägerin läßt sich ja mehr als nur diese Bagatelle im Voraus erlangen, das siehst Du ein. Wäre ich nicht in den letzten Unglückstagen so voll« ständig consternirt gewesen, dann hättest Du das Geld schon gehabt."
Der Bankdirector stützte den Kopf in die Hand- „Gott gebe es," sagte er halblaut. „Meine arme Mieze — und die alte Mutter — es ist um dieser Beiden willen, Hans, sonst könnte es mich nicht so aufregen."
„Das versteh' ich ja," tröstete der Baron. „Denke nicht mehr daran, Willibald. Nach dem Essen reiten wir zusammen zur Stadt."
Der Andere schüttelte den Kopf. „Entschuldige mich, Hans. Ich kann nicht über gleichgiltige Dinge sprechen — zuweilen verläßt mich förmlich mein Gedächtniß. O, -Du glaubst nicht, wie sehr ich mich ängstige."
„Das brauchst Du nicht," rief der Baron- „Im schlimmsten Falle trete ich für Dich ein. Hoffentlich ist mein Name für die geringe Summe doch noch immer eine volle Bürgschaft."
Willibald seufzte. „Aber was hilft mir eine solche, Hans? Ich muß das baare Geld herbeischaffen, oder —"
„Ja, hat denn der Gläubiger das Depositum zurückverlangt?"
„Nein, das allerdings nicht, aber selbst wenn Deine oder Fräulein Aßmanns Bürgschaft auch den Werth vollständig sicher stellen könnte, so würde man mich gleich meines Postens entsetzen und das Strafverfahren einleiten."
Hans Adam wiegte den Kopf. „Das allerdings, Willibald. Aber weshalb an den ungünstigen Ausgang denken? Du bekommst zur rechten Zeit das Geld."
Der Bankdirector erhob sich, er legte die Hand mit festem Druck auf den Arm des Barons und sah in das unruhig blickende Auge desselben.
„Hans, willst Du mir eine rechte Liebe erweisen?"
„Gewiß — wenn es mir möglich ist."
„Nun, so nenne mir den Namen dessen, der Dir das Darlehen versprochen hat. Wer ist es, Hans? Etwa Herr Wolfram?"
Dunkle Gluth überflog das Gesicht des Barons. „Mein armer Erich dankt Gott, wenn er sich selbst durchhilft, Willibald. Der würde mich, wenn er das Geld leihen könnte, nicht so lange haben warten lassen- Nein, nein, es ist ein Anderer, ein Finanzmann natürlich, von dem ich die Summe erhalte. In solchen Fällen ist indessen, wie Du weißt, Discretion geboten, Willibald."
Der Bankdireetor schwieg. Hans Adam sprach in diesem Augenblicke die Unwahrheit, das sah er, fühlte er, aber was half es, darüber zu grübeln oder gar den Verdacht in Worte zu kleiden? Er gab Alles auf, Alles.
„Adieu, Hansl"
„Willst Du nicht züm Mittagessen bleiben, Willibald?" Der Andere schüttelte den Kopf. „Ich kann es unmöglich — jeden Bissen müßte ich würgen. Avieu!"
„Habe ich das Geld, so komme ich gleich zu Dir, Willibald. Aengstige Dich nur nicht, mein Alter."
Ein trübes Lächeln war des Directors einzige Antwort. Er ging die Treppe hinab, den Tod im Herzen.
Wieder sah ihm Hans Adam durch das Fenster nach; eine innere, unbezwingliche Unruhe folterte dabei feine Seele. Wie sollte das Alles enden?
Er stützte den Kopf in die Hand und verzehrte sich in fruchtlosem Grübeln. Heute früh war er unten am Strande gewesen; da starrten aus der weißen Schneedecke die Holzgerüste der Maschinen wie hohe, unheimliche Galgen hervor — man arbeitete nicht mehr, der Frost im Boden ließ es nicht zu-
Vielleicht war das gut. Der Betrieb verschlang Unsummen und immer noch fehlte die rechte Ausbeute. Er mußte Neues hinzukommen, große, bedeutende Unternehmungen, die baare Kapitalien in'ö Haus brachten, oder - —
Und dann machten die schweifenden Gedanken unwillkürlich Halt- War es denn glaublich, daß Wolfram fortgesetzt alle Bitten und Vorstellungen zurückwies, daß er sich auf nichts, gar nichts einlassen wollte?
Der Justlzrath Gebhardt war halb und halb gewonnen, aber Erich blieb bei seinem unerbittlichen Nein. Das würde auch durch kein Mittel geändert werden können; Hans Adam kannte ihn ja nur allzu wohl.
Ach, wer diesen anderthalb Jahren Flügel verliehen hätte I
Und dann legte der Baron die Hände vor das Gesicht. Ueber den Gedanken an Willibalds bevorstehendes Schicksal half ihm doch kein leichtsinniges: Das findet sich Alles! mehr hinweg.
Der Lakai kam, um zu melden, daß angerichtet fei, und Hans Adam mußte sich in das Speisezimmer begeben. Eine traurige Tafelrunde war hier seit Kurzem versammelt; die alte Tante mit verweintem Gesicht, Ruth in schwarzen Kleidern und Adele, von der Niemand Notiz nahm, die nicht anwesend zu sein schien und kaum jemals ein Wort sprach.
Selbst Hans Adams Erscheinung brachte in diese unbehagliche Stimmung keinen helleren Schein mehr hinein; man begrüßte sich stumm und erst beim Nachtisch zog der Baron ein Schreiben aus der Brusttasche hervor.
„Eine Mittheilung für Sie, Fräulein Malten."
Die Gesellschafterin ließ den Apfel, welchen sie gerade in der Hand hielt, plötzlich zu Boden fallen; ihr blasses Gesicht hatte sich mit dunkler Röthe überzogen. „Für mich, Herr Baron? Inwiefern denn?"
Er reichte ihr das Blatt. „Ihre Gefangenschaft auf Moldt hat ein Ende, mein Fräulein; die Behörde gestattet Ihnen, da eine Anklage nicht erhoben werden wird, das Schloß zu verlassen, wenn Sie es wünschen sollten. Womit indessen," fügte er in kühl höflichem Tone hinzu, „natürlich keineswegs gesagt werden soll, daß Sie jetzt sogleich abreisen müßten. — Verfügen Sie in dieser Beziehung ganz nach Belieben."
Adele verbeugte sich gelassen. „So darf ich noch vor Abend um den Wagen bitten, Herr Baron?"
„Wie Sie befehlen, mein Fräulein."
Das junge Mädchen schob, ehe noch die Tafel aufgehoben worden war, mit einem „Gesegnete Mahlzeit!" den Stuhl zurück und verließ sogleich das Zimmer, wie sowohl Hans Adam, als auch Ruth genau wußten, weil sie nicht im Stande war, länger an sich zu halten; ihre leidenschaftliche Natur bedurfte der Zornesäußerung so sehr, daß sie allein sein mußte, um irgend welche, Gegenstände zu zerreißen oder wenigstens, auf ihren Knieen liegend, schluchzen und sich die Haare ausraufen zu können.
Hans Adam lächelte ruhig. „Sie wird ohne Abschied fortgehen," sagte er.
Ruth sah ihn an- „Hans, hast Du später eine Viertelstunde für mich übrig?" fragte sie.
Er schien überrascht. „Für Dich, Ruth? — Natürlich.


