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möchte gern einmal einen Engel sehen, Fräulein! Sind alle so hübsch wie Sie? Und haben alle — alle —
„Nun, Karlchen?"
„Haben alle einen großen Korb voll Aevfel bei sich stehen?"
Ruth lachte. „Wie kommst Du denn auf die Engel, Junge?"
„Mutter sagt: Pastors Ruth ist ein Engel!"
„Ach, das denkst Du Dir nur. Lauf' und bringe der alten Katharina meine Botschaft."
Der Junge gehorchte und ändere Bittsteller traten an seinen Platz. Seit zehn Jahren abgelaufene Versicherungs- polizen wurden dem jungen Mädchen als Heiligthümer in Ver- wahrung gegeben, alte Zeitungen und Briefe, eine Fülle von bunten Wandbildern, Kuckucksuhren, Taffen mit unmöglichen Blumen, Brautkränze unter Glas und Rahmen, Photographien und Bibeln mit Silberschloß. Was jeder Einzelne besonders liebte, das brachte er bei der Tochter des verstorbenen Predi- gers in Sicherheit.
Ruth war ja auch ein Kind des Dorfes. Sie entsann sich aus früherer Jugend so manches stürmischen Abends, an dem auch in dem kleinen Predigerhause an der Berglehne die werthvollsten Besitzthümer zusammengepackt und auf den Boden gebracht worden waren. Bis dahin drang das Waffer nicht-
Welch' ein Vergnügen waren nicht solche Tage für sie selbst und ihre Schwester gewesen. Die Mutter hatte immer bitterlich geweint und der Vater ging mit ernstem Gesicht umher, aber die Kinder feierten ein Freudenfest. Es sah auch gar zu bunt und komisch aus auf dem Hausboden. Betten und Vorräthe, Bücher und Kleider, Alles stapelte sich neben- und übereinander, auf einem besonderen Tischchen stand jedesmal das silberne Altargeräth der Kirche. „Das dürft Ihr nicht berühren," hatte dann der Vater gesagt, und die beiden Mädchen schlichen voll ehrerbietiger Scheu vorüber an dem Heiligthum.
In Ruths sanfte Augen traten Thränen. Alles dahin, Vater und Mutter und die Kindheitsheimath — Alles dahin.
Wie gerne wäre sie hinabgegangen zum Predigerhause, um den lieben, alten Boden zu sehen. Es regte sich in ihrem Herzen wie heiße, unbezwingliche Sehnsucht.
„Run, kleine Ruth," sagte hinter ihr die Stimme des Barons. „Du weinst? — Weshalb denn nur?"
Sie wandte sich hastig ab. „Nichts, Hans, nichts. Was denkst Du, wird das Dorf überschwemmt werden?"
„Ich fürchte es. Unten ist Wolfram auch in tausend Aengsten seines halbfertigen Dammes wegen."
„Ach! — Und Du kannst ihm nicht helfen, Hans?"
„Alle meine Leute schaufeln auf Tod und Leben, wir haben auch schon Arbeiter aus der Stadt verschrieben; aber das nützt, wenn wirklich der Anprall kommt, doch nichts, weil der Sand viel zu wenig Festigkeit erlangt."
Hans Adam und Ruth gingen dann hinab in das Wohnzimmer, wo Cäcilie auf dem Sopha lag und die weißen Hände matt auf der Decke ruhen ließ, wie immer.
Im Kamin brannte trotz der sommerlichen Wärme ein leichtes Feuer, der Theekeffel summte und der graue Papagei kletterte schwatzend an seiner Stange auf und ab.
„Hast Du mich gern, Maus? — Hansi, wenn das nun Jemand hören würde? — Das sollen Alle hören!"
Und zum Schluß lachte das Thier mit Hans Adams tiefer, wohlklingender Stimme. Ueberall in dem großen, vornehm eingerichteten Zimmer herrschte die behaglichste Ruhe und Harmonie.
Nur Einer störte mit seinem Aussehen das Ensemble. Wolfram stand am Fenster und sah in den tobenden Sturm hinaus, blaß bis in die Lippen. Wie sich Männer und Frauen drängten, ihre arme Habe hinter die schützenden Mauern des Schloffes zu bringen, wie sie Sachen herbeischleppten, nicht des Aufhebens werth I Da kamen zwei Taglöhner, die miteinander einen Schrank trugen, ein uraltes, riesiges Möbel, dem schon die Füße fehlten und deflen Thüren jeden Augenblick aus den Angeln fielen. Die beiden Leute stritten heftig; man hörte
allerdings in dem brausenden Sturme kein Wort, aber man sah es an ihren Bewegungen, bis zuletzt bei einem besonders starken Windstoße der Schrank von ihren Schultern fiel und in tausend Splittern zu Boden stürzte. Eine Wolke von Staub flog empor, die beiden Männer staüden secundenlang mit geballten Fäusten einander gegenüber, dann schlugen sie sich, rissen sich nieder und kämpften zum Knäuel geballt neben den Trümmern des Schrankes.
Erich wandte sich ab. Immer dasselbe, ob um Tausende, um Hunderte oder ein Nichts — Kampf war doch die Losung.
Da sah er hinter sich das junge Mädchen und durch sein Herz zog ein Sonnenstrahl. Sie hatten ihm ja Alle von Ruths Güte, von ihrer Barmherzigkeit und ihren immer geöffneten Händen erzählt, die Dorfbewohner, sie priesen des Pastors Jüngste bis in den Himmel, die armen alten Weiber und die Greise, Iberen Klagen Niemand so geduldig anhörte, wie das blonde Mädchen mit den sanften, sinnenden Augen. Jetzt wandte sie sich ja auch zu ihm und streckte grüßend die Hand aus.
„Der Damm," sagte sie, „ich weiß — und die Tannenschonung. Aber nicht wahr, Herr Wolfram, das rathlose Völkchen da unten im Dorfe ist doch noch viel schlimmer daran? Solch' eine Hütte aus Lehm und Reisern wird weggeschwemmt, die paar Kartoffeln faulen in der Erde und die Ziege ertrinkt — dann bleibt den armen Leuten nichts als das nackte Leben."
Er ließ den Satz unbeantwortet, aber er küßte die kleine Hand des Mädchens und trank doch wenigstens, ehe er fortging, eine Taffe Thee, die sie ihm bot. Auf seinem Herzen lag wie Blei die Erinnerung an den Brief des Commerzien« raths, an eine begangene Unvorsichtigkeit, die er erst zu spät als solche erkannte. Am Morgen hatte er Ruths wieder getrocknetes Costüm der Frau Consul in's Haus geschickt — und mit diesem in geschloffenem Umschlag jenen Brief. War es wohlgethan, den Händen der spöttisch blickenden Dame ein solches Document anzuvertrauen?
Aber freilich, jetzt kamen die Selbstvorwürfe zu spät. Der Pfeil, einmal vom Bogen geschnellt, ist zur Schicksalsmacht geworden, im Guten oder im Bösen; wohin seine Spitze trifft, das weiß nur Gott.
Ein Diener meldete, daß wieder mehrere Frauen da seien, die dringend mit dem gnädigen Fräulein zu sprechen wünschten, und so bot ihr Erich zum Abschied die Hand. „Gott segne Sie, Fräulein Ruth. Die armen, alten Weiber würden verzweifeln, wenn sie in dieser Roth Ihr liebes, theilnehmendes Gesicht nicht sähen. Aber," setzte er dann rasch hinzu, „auch ich bitte um ein Geschenk; wollen Sie es mir zu Theil werden lassen?"
„Sicherlich. Was ist es?"
„Gehen Sie nicht zum Dorfe hinab, Fräulein Ruth. Der Sturm fällt die stärksten Bäume wie dürre Halme und außerdem — solche Katastrophen können ganz plötzlich eintreten."
Das Mädchen erbleichte. „Ist die Gefahr so nahe?" „Ganz nahe. Sie gehen nicht hinunter, Ruth, wenigsten» auf keinen Fall allein?"
„Was sollte ich im Dorfe?" fragte sie traurig- „Mein Vater ging von Hütte zu Hütte, er brachte Trost in alle Herzen und stählte die Widerstandskraft der Betroffenen, aber ich? — Wem könnte ich helfen?"
„Adieu!" sagte er, ihre Hand mit festem Druck umschließend. „Adieu, Fräulein Ruth, ich habe Ihr Versprechen."
Und dann sich zum Schloßherrn wendend, fragte er: „Begleitest Du mich, Hans Adam?"
Der Baron stand schon neben ihm und so gingen denn Beide zum Dorfe hinab, um den Stand der Dinge persönlich anzusehen. Etwa hundert Schritte oberhalb der Fluthgrenze lagen die ersten Fischerhütten, weiter hinauf die kleinen Bauten der Wohlhabenderen, endlich auf halber Bergeshöhe Kirche und Schulhaus, die Predigerwohnung und das Gefängniß. Alle diese Gebäude schienen wie ausgestorben, man sah keinen Menschen und hörte keine Stimme.
„Um zwei Uhr Morgens kommt die Fluth," sagte, den Rücken dem Sturm zugewendet, der Baron. „Aber ich glaube,


