— 591 —
Zähnen, „und unser Herzog mit seinem empfindlichen Schön« heitsstnn, das Weib ist wohl toll!"
„Ach, der Herr Capellmeister!" rief Tante Hopfen, arglos dem Erzürnten die Hand entgegenstreckend. „Sieht sie nicht nett aus, unsere Künstlerin?" Damit führte sie den Capellmeister dicht vor Johanna, die vor dem Spiegel stand, mit einer rothen Rose in der Hand.
Der Anzug des jungen Mädchens war entsetzlich überladen und ihr etwas großer, unschöner Kopf hob sich so unvortheil« haft wie möglich aus all' den Spitzen und Bändern heroor.
„Zu viel des Guten, meine Gnädigste," sagte der Capellmeister, die Toilette aufmerksam musternd.
„Das habe ich auch gesagt!" rief Johanna mit Hellen Thränen in den Augen. „Aber die Tante meint ja, bei Hofe wäre all' der Putz und Staat unumgänglich nöthig."
„Welch' ein Unsinn!" erwiderte der Capellmeister. „Einfach und geschmackvoll heißt dort die Losung. Ihr schwarzseidenes Kleid und allenfalls den Perlenschmuck hätte ich pasien- der gefunden, als diese forcirt überladene Toilette. Doch nun ist es leider zu spät zu einer Aenderung und wollen wir nur der jungen Dame den großen Mantel über die Schultern werfen, damit wir nicht schon unterwegs Aussehen erregen. Der Herzog verlangt Pünktlichkeit, wir müssen eilen."
„Aber diese schöne Rose," wagte die Tante schüchtern einzuwenden.
„Um Gottes willen, fort mit dieser Rose! Stecken Sie dieselbe an Ihren Busen, werthe Dame!" rief der Capellmeister ärgerlich, indem er mit seiner Schülerin davoneilte.
Wenige Minuten darauf standen sie Beide in dem Musiksaal des herzoglichen Schlosses. Johanna wurde von dem Capellmeister den hohen Herrschaften urb einigen Damen vom Hofe vorgestellt und die Herzogin geruhte gnädigst, einige Fragen nach ihren Studien an sie zu richten. Das wenig einnehmende Aeußere Johannas schien auf die hohe Frau nicht solchen abschreckenden Eindruck zu machen wie auf den Herzog, der soeben seinem Capellmeister ganz entsetzt zuraunte: „Aber lieber Braun, diese Sängerin ist ja monströs! Diese Erscheinung als Liebhaberin auf der Bühne ist kaum denkbar. Jeg- liches Toilettenverständniß scheint ihr auch abzugehen."
„Daran ist die Tante der jungen Dams schuld, Hoheit," stotterte Braun, „die hat sie im blinden Unverstand herausgeputzt wie einen Pfau."
Der Herzog lachte jetzt und sagte: „Run, ich bin wirklich gespannt auf die Stimme, die uns all' diese äußeren Mängel soll vergessen lassen!"
„Das wird sie, Hoheit! Es ist eine Stimme, welche uns über das Alltägliche zu erheben vermag, mit einem Klang wie aus einer anderen besseren Welt," erwiderte der Capellmeister ruhig, fast feierlich.
„Mein Gott, Sie werden ja ganz poetisch, lieber Braun, und spannen meine Erwartungen auf's Aeußerste," erwiderte der Herzog. „Ich bitte, zu beginnen."
Der Capellmeister führte Johanna an den Flügel. Die Vorliebe des Herzogs für Mozart'fche Opern kennend, hatte er zunächst die Arie der Susanna: „Endlich nahet sich die Stunde" aus Figaros Hochzeit gewählt.
Athemlos lauschte das kleine Auditorium dem vollendeten Vortrag dieser Arie. Welche Töne und welch' ein Ausdruck kam bei dem Gesänge Johannas zur Geltung. Sehnsucht, Liebe, den ganzen berückenden Zauber der duftenden Sommernacht athmeten sie. Man glaubte das Säuseln des Windes, das Rieseln des Baches zu vernehmen, und dann wieder in der Schlußstrophe:
„Daß ich mit Rosen kränze Dein Haupt —" Daß ich Dich kränze mit Rosen —"
nur den Hellen Jubel eines glücklich liebenden Herzens.
Niemand von den Zuhörern, auch nicht der Herzog, dachte jetzt noch an das häßliche Aeußere Derjenigen, bereit Lippen so wunberbar herrliche Töne entquollen. Der Abel einer göttlichen Kunst lag wie verklärenb auf ben unschönen Zügen Johannas.
Triumphirenb sah sich ber Capellmeister um, al» seine i
Schülerin bie Arie beenbet, er las in Aller Mienen, welch' einen Erfolg sein Schützling bamit errungen hatte.
Der Herzog unb bie Herzogin baten um weitere Lieder, und Johanna trug noch einige Opern-Arien mit derselben Bra- vour vor. Dann äußerte die Herzogin den Wunsch, ein Lied von Schumann ober Schubert zu hören.
Johanna blätterte in einem Schubertalbmn, bas auf bem Flügel lag, unb hatte gerabe „Des Mäbchens Klage" auf- geschlagen, als ber Herzog zu ihr herantrat. „Singen Sie bas Lieb, Fräulein, es ist ein Lieblingslieb der Herzogin," bat er freundlich.
Und nun erklangen in tief ergreifenden Tönen die Worte des großen Dichters durch den Salon. In meisterhafter Weife wußte das junge Mädchen den Ton der Entsagung, den die Melodie so wunderbar innig ausdrückt, zu treffen.
Die Zuhörer waren begeistert, hingerissen, und in den Augen der Herzogin schimmerten Thränen.
„Kind, wie kommen Sie bei Ihrer Jugend zu solcher Tiefe der Empfindung!" rief die Herzogin freundlich theilnehmend, als Johanna jetzt geendet.
„O Hoheit, wie könnte man singen, wenn man sich nicht hineinzusetzen vermöchte in das, was Dichter und Componist uns mit ihren Kunstwerken offenbaren wollen!" erwiderte Johanna mit leuchtenden Augen.
„Sie sprechen da ein großes Wort gelassen aus," sagte der Herzog lächelnd. „Eigentlich müßte wohl dieses Mitempfinden, dieses gänzliche Aufgehen der eigenen Persönlichkeit in eine andere künstlerische, bie Grundlage aller und jeder Gesangskunst bilden. Wenn bie Sänger unb Sängerinnen bas nicht verstehen, bleibt ihre Kunst eine seelenlose. Sie, mein Fräulein, haben diese hohe Aufgabe voll und ganz erfaßt und ich schätze mich glücklich, daß Sie an unserer Bühne Ihre Laufbahn beginnen werden."
Ein helles Roth färbte Johannas Wangen bei diesen schmeichelhaften Worten. Strahlend hell erstand die Zukunft in diesem Moment vor ihren Augen, als gäbe es keine Hemmnisse, keinen Schatten auf der Künstlerbahn, die sie zu wandeln gedachte, mehr. Die huldvollen Worte des Herzogs waren gleichbedeutend mit Johannas Engagement an der Hofbühne unter glänzenden Bedingungen.
in.
In der kleinen Residenz erregte stets jedes Engagement eines Sängers ober einer Sängerin bas größte Interesse. Sa würbe auch jetzt Johanna Halms Name in allen Kreisen genannt. „Die Stimme ber neuen Sängerin soll schön sein, aber ihr Aeußeres häßlich wie die Nacht, bie Herrschaften protegiren sie aber sehr!" Solche unb ähnliche Steuerungen gingen von Mund zu Mund, bis dann endlich eines Tages Johannas Name auf dem Theaterzettel stand und nun alle Kunstfreunde ber Residenz nach dem Tempel Thalias sirömten, um selbst zu hören, zu urtheilen und zu kritisiren.
Es war eine der ersten Vorstellungen der Saison und ber Zuschauerraum schon vor Beginn ber Ouvertüre bis auf ben letzten Platz gefüllt, auch ber herzogliche Hof war sehr zahlreich erschienen unb überall herrschte Spannung unb Erwartung.
Die größte Erregung aber spiegelte sich auf ben Gesichtern ber Insassen einer kleinen Seitenloge ab, in welcher die ganze Familie des Professors Halm, bie Eltern, bie schöne Tochter Helene, die beiden Söhne und bie Tante Hopfen natürlich mit einbegriffen, versammelt war.
Manch' berounberttber Blick flog zu bem reizenben Blonb- köpfchen Helene Halms empor. Trotzbem bie junge Dame an berartige Bewunderung längst gewöhnt, blickte sie jedoch mit ben großen blauen Kinderaugen so unschuldig und erstaunt um sich, als wäre sie ein frisch vom Himmel gefallener Engel. Nur ei» sehr feiner Beobachter unb Menschenkenner hätte hier zu tmrchschauen vermocht, daß diese ganze zur Schau getragene Kindlichkeit durchaus nicht natürlich war und Helene bie Kunst bes Kokettirens schon recht gut verstäub.
(Fortsetzung folgt.)


