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t nahm'der Capellmeister schon draußen im Vorsaal die eifernde
Vier Jahre sind vergangen, in welchen Johanna Halm fast gänzlich der Musik und ihrer gesanglichen Ausbildung ge- lebt hat. Ihre energische Tante war mit ihr nach der Residenz gezogen und dort hatte sie erst bei dem Unterrichte de» Profesiors Weber und später unter der Leitung des Capell- Meisters Braun, besonders in den letzten zwei Jahren, überraschende Fortschritte gemacht. Sie war jetzt vollständig ausgebildet und galt als eine Künstlerin von großer Zukunft.
Der Herzog hatte gnädigst ein Engagement Johannas am Hoftheater bewilligt, allerdings mit dem Vorbehalt, die Stimme der jungen Sängerin erst selbst einmal zu hören.
Dieses für die junge Künstlerin entscheidende Ereigniß hatte der Hofcapellmeister Weber nun schon seit längerer Zeit auf alle Weise hinauszuschieben versucht.
War doch der Herzog, der Johanna noch nicht gesehen und damals in der Audienz nur deren Tante empfangen hatte, ein feiner Kenner und Verehrer der Schönheit, wie sollte da Johanna vor seinen prüfenden Blicken mit ihren unschönen Sügen bestehen? Schließlich waren jedoch alle Ausreden und Ausflüchte des Capellmeisters erschöpft. Der Herzog hatte auch heute befohlen, ihm die, junge Sängerin vorzustellen, und schweren Herzens stieg der Capellmeister Braun in diesem Augenblick die steile Treppe hinauf, die nach der bescheidenen Wohnung von Fräulein Johanna Halm führte, um seine Schülerin zu dem wichtigen Gange nach dem Schlofle abzuholen.
Die kluge Tante Hopfen hatte schon von diesem Ereigniß gehört und war bereits dabei, Johanna festlich zu schmücken, i was freilich der guten alten Tante schlecht gelang.
..Diese Rose mußt Du noch in’s Haar steckenI" so ver-
Stimme Johannas. .
„Ach was, blau und roth paßt bet einem Mgen Mädchen immer zusammen," erwiderte die Tante, welche in ihrem Geschmacks sehr conservativ nach der guten alten Zeit geblieben.
Jetzt öffnete der Capellmeister, da sein Klopfen nicht ge-
vollen Protection Seiner Hoheit des Herzogs eine große Künstlerin und berühmte Sängerin werden wird."
„Johanna, große Künstlerin, berühmte Sängerin? nef Profeffor Halm kopfschüttelnd und lächelte spöttisch. „Das Mädchen ist selbst zum Singen zu häßlich I"
„Selbst zum Singen zu häßlich?" rief zetzt Tante Hopfen und lachte laut. „Da kann man fehen, daß Eure Gelehrsamkeit Euch oft für andere Dinge ganz blind macht. Wer wird bei einer solchen herrlichen Stimme, wie sie Johanna besitzt, nach der Häßlichkeit ihres Gesichts fragen. Uebrtgens ist auch $u hoffen, daß die weitere Entwickelung Johannas und etwas Toilettenkuost die unschönen Züge ihres Gesichtes mildern
ter 'als Stern erster Größe am herzoglichen Hoftheater glänzen wird, dann werdet Ihr sagen: Das dankt sie allein ihrer alten
Tante!" ,, .. ,,,
„Gewiß, wir werden Dir immer dankbar fein, hebe Tante!" rief Frau Valentine gerührt. Ihr Gemahl jedoch schien nichts von Dankbarkeit zu empfinden- ,
„Verzeihe, beste Tante," sagte er, „Du kommst mir aber
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„Run, wo hast Du denn aber auf einmal die Entdeckung her, Tante, daß Johanna wirklich eine solche bedeutende Stimme besitzt," frug der noch immer mißtrauische Profeffor.,
,O, da müßte ich nicht, ehe ich ein zweites Heim rn Eurem Hause fand, elf Jahre in der Residenz gelebt und in Opern und Concerten Stimmen zu beuriheilen Gelegenheit gehabt haben!" rief Tante Hopfen mit Pathos. „Außerdem bm ich ja auch musikalisch und habe in Johannas Stimme schon vor Jahren eine große, wunderbare Kraft und Schönheit entdeckt. I Am letzten Samstag verschaffte ich mir über meine Entdeckung I Gewißheit. Ich reiste bekanntlich an diesem Tage mit Johanna in die Residenz und ließ, was ich Dir, lieber Neffe, bisher verschwiegen habe, die Stimme Johannas von dem Hofcapell- meister Braun prüfen und diese Prüfung fiel geradezu glänzend aus. Der Capellmeister war ganz begeistert für Johannas wundervolle Stimme, welche zwei Octaven umfaßt. Ich schilderte dem Herrn Hofcapellmeister gleich die Verhältnisse, gab an, daß der Vater des jungen Mädchens vier Kinder besitze und von diesen zwei Söhne studiren laffe, es also nöthig sei, die hohe Protection des Herzogs anzurufen, um die Stimme Johannas von berühmten Lehrern der Gesangskunst ausbilden zu laffen. Wir müffen also um eine Audienz bei dem Herzoge nachsuchen, und ich werde sie nachsuchen, wenn Du es nicht thun magst, lieber Reffe." t
Der Professor Halm war schließlich mit dem Plane der Tante Hopfen, in welchen die Frau Profeffor bereits eingeweiht war, einverstanden, und so konnte die ganze Familie Halm m beruhigter Stimmung an dem Sommerfeste, welches der schönen Helene neue Verehrer und der häßlichen Johanna manche verstohlene spöttische Bemerkung einbrachte, theilnehmen.
Mit bewunderungswerthem Eifer betrieb Tante Hopsen in den folgenden Tagen ihren Plan betreffs der Zukunft ihres Schützlings. Sie reiste abermals mit Johanna nach der nahe gelegenen Residenz und erwirkte dort eine Audienz beim Herzog. Gnädigst wurde von dem hohen Herrn nun auch eine Prüfung des jungen Mädchens durch den berühmten Director des Con- servatoriums angeordnet. Diese Prüfung fiel sehr glänzend aus. Es war unverkennbar, daß eine außerordentlich schöne und kräftige Stimme in der Kehle des jungen Mädchens steckte und der Director des Conservatoriums erbot sich sofort, den Unterricht Johannas selbst zu übernehmen, weil diese ja unter Protection des Herzogs selbst stand, als dieser die vie versprechende Stimme und Begabung Johanna Halms inzwischen auch von seinem Hofcapellmeister Braun hatte rühmen hören.
Triumphirend kehrte die Tante von ihrem Ausflug nach der Residenz in die kleine Universitätsstadt zurück.
Ich habe Alles in's glückliche Fahrwaffer gebracht, ‘ ver
hört wurde, die Thür. .
„Blau und roth," murmelte er ingrimmig zwischen den
wirklich jetzt vor wie die berühmte Martha mit dem Milchtopf. Du siehst unsere Johanna bereits als berühmte Opernsängerin, während ich mir das häßliche Mädchen noch nicht einmal als bescheidene Concertsängerin vorstellen kann. Ihr Frauen schwärmt eben für die unmöglichsten Dingel"
Mit diesen Worten verließ der ungläubige Profeffor Halm hohnlächelnd das Zimmer und ein böser Blick der verhöhnten Dame folgte ihm.
Während dieser Unterredung lehnte Johanna schweigend am Fenster und blickte hinauf zu dem sternbesäten Himmel.
So war denn über ihr Schicksal entschieden, sie, die Häßliche, sollte hinaustreten in die Oeffentlichkeit, in der Ausübung einer Kunst, die den Einsatz der ganzen Person erforderte. - Wohl dünkte es sie unendlich verlockend, sich der geliebten Kunst gänzlich hinzugeben und damit jene Bahnen zu betreten, die zu den Höhen des Lebens führen. Aber würde sie dieselben auch erreichen, wo ihr alle j ne Reize fehlten, die doch gewöhnlich der Frauen höchste Macht sind? Würde, und wenn sie das Vollkommenste in der Kunst leistete, die Welt es bei ihren Leistungen vergeffen, daß sie häßlich, daß ihr Aeußeres von der Natur aufs Stiefmütterlichste bedacht war? Wirr und unklar zogen solche Gedanken durch Johannas Hirn, denn noch war sie jung und unerfahren, um die ganze Tragweite derselben zu erfaffen. Noch lag das Leben vor ihr, in jene rosigen Schleier gehüllt, mit welchen die Jugend und ihr Hoffen es umkleiden. Ach, wenn diese Schleier vom rauhen Schicksal zerrissen werden, dann versinken auch die holden Jugendträume und mit ihnen die schönste Zeit des Erdendaseins. Sollte auch Johanna nur einen kurzen Traum des Glückes träumen?
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