1893
k
&
*■’* n.
ÄW
SSiiai lur'll’Vf ■—
Nntevbsrltnngsblatt 311m Gietzenev Anzeigen (General-Anzeiger)
Samstag, den 16. December.
Die beiden Schwestern.
Novelle von F. Sutau.
(Nachdruck verboten.)
I.
„Es ist ein Unglück, eine schöne und eine häßliche Tochter zu besitzen. Das habe ich schon tausendmal empfunden und fühle es heute mehr denn je, Valentine," sagte Profeffor Halm im ärgerlichen Tone zu seiner neben ihm in der Gartenlaube sitzenden Gattin. „Heute findet nun das Sommerfest der Concordia statt, welchem wir mit unseren Töchtern beiwohnen müffen, und da können wir erleben, daß Helene, welche die Natur mit äußeren Vorzügen aller Art ausgestattet hat, von den jungen Herren der Gesellschaft ausgezeichnet, die häßliche Johanna aber vollständig ignorirt oder gar wie eine Vogelscheuche behandelt werden wird. Das find dann sehr gemischte Freuden für ein Vaterherz!"
„O, glaubst Du, Georg," erwiderte Frau Valentine und mischte eine Thräne aus ihren roch schönen braunen Augen, „daß ich es nicht schon seit Jahren bitter empfinde, daß zwischen unseren Töchtern äußerlich eine so große Ungleichheit besteht, aber als ein Unglück kann ich es nicht ansehen, vor solchen Gedanken soll mich der Himmel bewahren! Johanna ist zwar Helenen gegenüber ein Bild der Häßlichkeit, Johanna ist aber sehr brav, sehr fleißig und sehr talentvoll und kann durch ihre Tugenden und reichen Geistesgaben viel von dem Mangel an äußerer Schönheit ersetzen."
„Ach, nach solchen Tugenden fragt die heutige Männerwelt bei den Damen leider nur wenig," gab der Profeffor verdrießlich zurück. „Das Losungswort in Bezug auf die Verehrung der Damen heißt bei unseren jungen Herren nur „Schönheit" oder „Reichthum", und wo keins von beiden anzutreffen ist, da findet man auch keine Verehrer."
„Nun, Johanna braucht sich ja nicht unbedingt zu ver- heirathen, um glücklich zu werden, heutzutage gibt es für talentvolle und characterstarke Mädchen nöthigenfalls noch andere ehrenvolle Berufe, als den der Gattin," entgegnete die Frau Profeffor.
„O, Du denkst wohl wieder daran, Johanna Gouvernante oder Lehrerin an einer höheren Mädchenschule werden zu laffen?" frug der Profeffor Halm gereizt. „Ich glaube doch, Du wirst in dieser Hinsicht meine pädagogischen und socialen Grundsätze genügend kennen- Ich betrachte es stets als ein Unglück, wenn ein Mädchen den ihr von der Natur der Dinge angewiesenen Kreis des Hauses und der Familie verlaffen und auf dem stürmischen Ocean des Lebens ihr Glück suchen muß."
„Es hat aber schon manches Mädchen da draußen im Leben ihr Glück gemacht," bemerkte die Frau Profeffor ruhig.
„Ja, von den wenigen Glücklichen unter solchen Mädchen und Frauen, die draußen in der rauhen Welt um ihr Dasein und Glück kämpfen müffen, spricht man mit Vorliebe, aber von den ungezählten Tausenden, die der Thorheit, dem Leichtsinn, der Verführung, der Noth und dem Elend zum Opfer fielen, von denen redet man gewöhnlich nicht."
„Nun, zu den Mädchen, welche leicht der Thorheit und der Verführung zum Opfer fallen werden, gehört unsere Johanna nicht, das weißt Du so gut wie ich, Georg. Die Sache wäre offenbar zu überlegen, zumal Johanna allen oberflächlichen Vergnügungen abhold ist und schließlich auch heute gern von dem Sommerfeste wegbleibt."
„Das wäre noch besser!" rief jetzt eine kräftige, beinahe kreischende weibliche Stimme dazwischen und eine ältere Dame, die Tante Hopfen, die verwittwete kinderlose jüngste Schwester der Mutter der Frau Profeffor Halm, trat mit vor Erregung geröthetem Antlitz in die Gartenlaube. „Johanna muß unbedingt an dem Sommeifeste theilnehmen, denn es wäre eine ganz unverdiente Zurücksetzung, das gute, brave Mädchen wie weiland Aschenbrövel zu Hause zu lassen. Ich kann es mir schon denken, Ihr streitet wieder einmal darum, was mit einem solchen häßlichen Mädchen anzufangen sei. Nun, ich will es Dir sagen, verehrter Neffe, daß die Lösung der Frage, die Deine akademische Weisheit schon seit Jahr und Tag vergeblich sucht, von Eurer Tante Hopsen bereits gefunden ist. Ich wollte es Euch eigentlich erst gelegentlich sagen, da die Angelegenheit mit einigen Vorbedingungen verknüpft ist, aber da Johannas Häßlichkeit heute wieder ein Familienärgermß zu werden droht, so will ich mit meinem Plane nicht hinter dem Berge halten."
„Wie meinst Du das, Tante?" frug Professor Halm ganz erstaunt und rückte seine Brille zurecht.
„Nun, die Sache ist für Jedermann, der Urtheil besitzt, sehr einfach. Die Grazien haben allerdings Johanna nicht in der Wiege geküßt, das kann Jeder sehen, aber die Musen haben an Johannas Wiege gesessen und sie mit genialen Gaben bedacht, das kann nicht Jeder sehen."
„Du sprichst in Räthseln, Tante!" rief der Professor und ! erhob sich ungeduldig von dem Gartenstuhle, während feine Gemahlin der Tante Hopfen einen verständnißvollen Blick zu« ■ wandte.
„Nun, lieber gelehrter Neffe, ich will Dich nicht länger auf die Folter spanne,! und Dir mittheilen, daß Johanna ein musikalisches Genie und eine herrliche Stimme besitzt und daß wir die beste Aussicht haben, daß Johanna unter der Huld-


