Ausgabe 
16.11.1893
 
Einzelbild herunterladen

538 ~

Stunde, wo sie sich um eines sündigen Gattens willen von ihrem einzigen Kinde trennte.

Jetzt/' schloß sie ihre traurige Erzählung,gehe ich schnell meinem Ende zu, darum nenne mich noch einmal Mutter."

Martha bog sich zu der Sterbenden hinab und berührte die bleiche Stirn zärtlich mit ihren warmen Lippen.

Mutter," flüsterte sie,jetzt fange ich an, mich Deiner zu erinnern. Ich liebe Dich und habe Dir nichts zu vergeben. Mutter," setzte sie nach einem kurzen Moment hinzu,ich will zu meinem Gatten schicken, damit er komme und Dich sehe."

Nein, geliebtes Kind," erwiderte diese erschrocken,das darf nicht sein. Ich habe Dich nicht rufen lassen, um Dich zu mir herabzuziehen, um Schmach auf Dein Haupt zu bringen um die in ihrem Stolz zu demüthigen, denen Du jetzt an­gehörst. Bewahre Dein Geheimniß, wie ich es bewahrt habe. Ich bin nur hierher gekommen, um Dich noch einmal zu sehen, um noch einmal das Wort Mutter von Deinen Lippen zu hören, um noch einmal Dein Gesicht zu küssen und noch ein­mal mit meiner Hand Deine goldenen Locken zu berühren. Ich werde an einem Orte begraben werden, wo Du bisweilen hin­kommen kannst, aber meine Lebensgeschichte darf Niemand er­fahren. Martha, schwöre mir, daß Du nie verrathen wirst, was Du jetzt weißt."

Am Sterbebette ihrer Mutter legte die Gräfin Martha von Roddeck das feierliche Gelübde ab, daß sie ihr Geheimniß treu bewahren und gegen Niemand ein Wort von dem, was vorgefallen, verrathen wolle.

Du bist schön, sehr schön," sagte Magdalene Horst und strich zärtlich über die goldenen Locken,bist Du auch glücklich liebt der Graf Dich?"

Als Antwort erzählte Martha unter lieblichem Erröthen ihre einfache Liebesgeschichte.

Hat er nie nach Deinen Eltern gefragt?" sprach die Kranke.

Nur seine Mutter hat danach gefragt," entgegnete Martha, doch daran denkt jetzt wohl Niemand mehr."

Möge es dabei bleiben," sagte Magdalene Horst;es würde doch nur Kummer verursachen, wenn Alles bekannt würde. Bevor die Sonne untergeht, werde ich zur ewigen Ruhe eingegangen sein, und Niemand soll je wissen, wer in dem namenlosen Grabe ruht, für das Du sorgen mußt. Jetzt muß ich Dir noch ein paar Worte über Deinen Vater sagen; nicht will ich bei seinem sündigen Leben verweilen seine Strafe blieb nicht aus. Als er seine Strafe verbüßt hatte, ging er nach Amerika, um Gold zu graben. Dort ging es ihm sehr schlecht und er verlangte nach mir. Die Gräfin Scherwiz hörte von meinem Unglück und gab mir Geld, daß ich nach Amerika reisen konnte. Mein Mann versuchte, mir dort eine neue Ein­richtung zu gründen, aber e» gelang ihm nicht. Dringend bat er mich, mit einem Theile des Geldes, welches mir die Gräfin Scherwiz gegeben hatte, nach Europa zurückzukehren, und eines Tages war mein Mann verschwunden, mir nur einen Brief zurücklaffend, in welchem er mir mittheilte, daß er nach Mexiko gereist sei, um dort sein Glück zu machen, und daß ich in meine Heimath zurückkehren solle."

Ach, Martha, damals war mein innigster Wunsch, zu sterben."

Die Kranke schwieg, wie überwältigt von der Rückerinne­rung an all' den Jammer, den sie erlebt, und es währte meh­rere Minuten, ehe sie weiter zu reden vermochte.

Aber der Tod erbarmte sich meiner nicht," fuhr sie dann fort,ich lebte weiter und kehrte nach Deutschland zu­rück. Nach sechs Jahren kam ein Brief von meinem Mann ein grausamer Brief; aber ich war abgestumpft er ver­mochte nicht, mir wehe zu thun. Er theilte mir mit, daß das Glück ihm günstig gewesen sei und er mit großem Erfolg Gold gegraben habe. Er sei im Begriff, in die Heimath zurückzu­kehren und sich nach der Residenz zu begeben, um Dort die gesellschaftliche Stellung wieder einzunehmen, die er durch seine Heirath mit mir seiner Zeit habe aufgeben müssen. Wenn ich mich an seinen Anwalt in R. wenden wollte, würde ich ein

Jahrgeld erhalten, das mich vor Armuth und Mangel schützte. Ich wollte aber sein Geld nicht anrühren und ließ seinen Bries unbeantwortet. Doch es harrte meiner ein neuer Kummer. Als ich eines Tages durch eine Straße der Residenz in dem entlegensten Stadtviertel schritt, kam mir Dein Vater entgegen, in lebhafter Unterhaltung mit noch drei Herren. Er sah fast so hübsch, so elegant aus, wie damals, als ich ihn zum ersten Male sah. Ach, Kind, mein ganzes Herz schlug ihm entgegen; ich vergaß, wo ich war ich hatte nur einen Gedanken: daß ich den Geliebten vor mir sah, und kaum wissend, was ich that, rief ich: Werner, kennst Du mich nicht mehr? Ach, ich dachte nicht daran, daß meine Schönheit geschwunden war, daß ich eine arme, elende, dürftig gekleidete Frau war- Als er seinen Namen nennen hörte, drehte er sich um und warf mir einen bösen, zornigen Blick zu- Dann verabschiedete er sich hastig von seinen Freunden und ging schnellen Schrittes auf eines der großen, eleganten Häuser zu. Ich folgte ihm die breite Treppe hinauf; die Corridorthüren öffneten sich, er trat ein und ich stand auf der Schwelle.

Werner," bat ich,sprich nur ein Wort zu mir und ich will Dich nie wieder belästigen."

Statt aller Antwort rief er laut nach seinem Diener.

Johann," sprach er dann zu dem Herbeieilenden,sehen Sie sich diese Frau genau an, damit Sie sie wiedererkennen. Sie ist eine Schwindlerin. Wenn sie wiederkommt, so schlagen Sie ihr die Thür vor der Nase zu oder rufen die Polizei herbei."

Der kalte, harte, grausame Ausdruck, der dabei auf seinem Gesichte lag, schmerzte mich mehr als seine Worte. Mit wan­kenden Schritten verließ ich das luxuriöse Haus meines Mannes. Vox der Thür fragte ich einen Diener nach dem Namen seines Herrn.

Herr Lambrecht," gab er mir zur Antwort, und da wußte ich, daß Werner Horst seinen Namen geändert hatte.

Er kannte mich genugsam, um zu wissen, daß ich mich nicht an die Polizei oder das Gericht wenden würde, um mein Recht zu erlangen. Ich hätte mich an ihm rächen, ich hätte Schimpf und Schande auf sein Haupt bringen können, aber dazu hatte ich ihn noch zu lieb."

Die schwache Stimme der Kranken ward noch schwächer, und Martha strich liebkosend über das bleiche Gesicht und bat die Kranke, ein wenig zu ruhen.

Ich muß Dich noch vor etwas warnen," sprach diese nach kurzer Pause weiter.Er wird jetzt suchen, Dich zu ent­decken. Er weiß, daß Du von einer reichen Dame adoptirt wurdest; wenn er nun erfährt, daß Du die Adoptivtochter der verstorbenen Gräfin Scherwiz warst, wird er Dich als Deine Tochter beanspruchen. Wenn Du kannst, vermeide ein Zu­sammentreffen mit ihm."

Die Kranke schwieg und eine tiefe, feierliche Stille trat ein- Der Tod näherte sich, sein unheimlicher Schatten warf eine geisterhafte Blässe auf die Kranke und trübte ihr Auge. Und wie dieser Schatten sich tiefer und dunkler herabsenkte, lag Marthas goldener Kopf so nahe, daß der Mutter Hand das schöne Gesicht berühren konnte. Martha hatte keine Scheu; all' ihre Gedanken concentrirten sich in dem einen Bewußtsein, daß sie endlich ihre wirkliche Mutter gefunden hatte.

Martha," hauchte die Sterbende,wenn Du ihn je sehen solltest, sage ihm, daß ich ihm verziehen, daß ich ihn bis zu meinem letzten Athemzuge geliebt habe."

Heiße Thränen entströmten Marthas Augen, als sie die weißen Hände über der Brust kreuzte und das noch immer goldene Haar von der wachsbleichen Stirn strich.

Adieu, Mutter," sprach sie und drückte ihre warmen Lippen auf das kalte, tobte Gesicht.

Adieu; im Leben warst Du mir verloren, im Tode habe ich Dich gefunden. Ruhe sanft, bis wir uns wiedersehen!"

Ich bin froh, daß sie nach mir schickte," sagte Martha zu Frau Seidel mit so kalter, ruhiger Stimme, daß sie selbst davor erschreckte;sie hat mich in meiner Jugend gepflegt, ich war ihre einzige Freundin- Sie sind wohl so gütig und sorgen für alles Nöthige, für die Bestattung sorge ich."