Ausgabe 
16.11.1893
 
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Donnerstag, den 16. November.

1893.

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Herzenskämpfe.

Roman von Theodor Schmidt.

(Fortsetzung.)

Und seltsam, wie Marthas Blick länger darauf ruhte, kamen ihr die Züge eigenthümlich bekannt vor, als habe sie das Gesicht vor Jahren in ihren Träumen schon gesehen und geliebt.

Sind Sie Gräfin Martha von Roddeck?" hörte sie da die matte Stimme weiter.

Ja," entgegnete sie,die bin ich."

Sie waren die Adoptivtochter der Gräfin von Scher- wiz?" fragte die Kranke weiter.

Ja," versetzte Martha ruhig,sie war meine Adoptiv­mutter und ich habe nie eine andere gekannt."

Die Lippen der Kranken stießen einen wilden Schrei aus und das bleiche Gesicht wandte sich der Gräfin mit einem Ausdruck von Todesangst, die fast an Verzweiflung grenzte, zu.

Was ist Ihnen?" fragte Martha in gütigem Ton.Sie werden sich kränker machen. Was kann ich für Sie thun?"

Die Kranke streckte ihre abgezehrte Hand aus und um­schloß die zarten Finger der Gräfin; dann hielt sie dieselben gegen das Licht und betrachtete die kostbaren Ringe, die daran glänzten.

Zeigen Sie mir Ihre andere Hand," bat sie.

Den dritten Finger umschloß ein einfacher Goldreif, als die Kranke den sah, preßte sie leidenschaftlich ihre Lippen da­rauf.

Wer gab Ihnen diesen Ring?" fragte sie.

Meine Mutter, Gräfin Scherwiz, steckte ihn mir an meinem sechszehnten Geburtstage an den Finger. Warum fragen Sie darnach? Was wisien Sie von mir?"

Statt aller Antwort schauten die traurigen Augen der Kranken sie an, als wollten sie jeden Gedanken in Marthas Herz lesen.

Ich konnte nicht sterben, bis ich Sie gesehen hatte," sagte sie.Wie habe ich nach einem Blick auf Ihr Gesicht, nach einem Wort von Ihren Lippen gelechzt I Mein Herz hat sich nach Ihnen gesehnt, daß ich nicht sterben konnte. Ich breche meinen Eid, aber es war ein grausamer; auch muß ich wisien, was ich antworten soll, wenn ich vor dem Allmäch­tigen stehe. Gott gab mir ein kostbares Juwel und ich über­ließ es Anderen. Er wird mich fragen, was ich damit gethan habe. Was soll ich sagen?"

Martha glaubte, die arme Frau spreche im Fieberwahn,

und sie legte ihre Hand auf die brennende Stirn. Und doch schienen die traurigen Augen einen jeden Wechsel ihres Gesichts zu beobachten.

Als ich jenes Juwel fortgab," sprach sie weiter,schwor ich, nie wieder Anspruch darauf zu machen; aber ich kann nicht sterben, bis es wieder mein ist. Sie wird in einer andern Welt vielleicht erfahren, daß ich den Eid brach, aber ich kann nicht anders. Martha, schau' mich an! Erinnerst Du Dich meiner nicht? Hast Du mich nie zuvor gesehen?"

Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor," antwortete die junge Gräfin, verwundert über diese seltsame Ansprache,mir ist, als hätte ich es öfters im Traume gesehen."

Das ist Alles?" rief die Kranke, und ein leidenschaft­liches Schluchzen rang sich von ihren farblosen Lippen.Lebt keine Erinnerung mehr an die langen, süßen Nächte, wie Dein goldener Kopf an meiner Brust ruhte, an die langen Tage, wie ich Dich in meinen Armen wiegte, an die Thränen, mit denen ich Dich netzte ist nichts, was Dir von meiner Liebe, meinem Kummer, meiner Verzweiflung spricht? Ach, wie viele Jahre ist es her, seit ich mein Kind an's Herz drückte, um es zum letzten Male zu sehen. Martha, auf den Knieen möchte ich Dich um Vergebung flehen; glaube mir, ich that Alles in bester Absicht."

Die junge Gräfin war sehr blaß geworden, ihre Lippen bebten und ihre Augen wurden trübe.

Noch verstehe ich Sie nicht," hauchte sie,sagen Sie mir deutlicher, wer Sie sind."

Da füllten die großen, traurigen Augen der armen Frau sich mit Thränen.

Beuge Dich zu mir herab, Geliebte," sprach die Kranke dann mit matter Stimme,tiefer noch; sieh'mich an und ver- gieb mir. Ich bin Deine unglückliche Mutter und Du mein

einziges Kind."

Meine Mutter?" wiederholte die junge Gräfin weich. Wäre das möglich? Ist es wahr?"

Es ist wahr," erwiderte die Sterbende.Vor achtzehn Jahren gab ich Dich, mein einzig geliebtes Kind, einer Anderen, aber ich konnte nicht sterben, bis Dein Mund mich noch ein­mal Mutter genannt hat. O, Heißgeliebte, wende Dich nicht von mir, sage, daß Du mir vergibst, damit ich in Frieden

sterben kann."

Da beugte Martha sich über das sorgenschwere Gesicht.

Erzähle mir mehr," sagte sie sanft,ich weiß ja von nichts."

Und an dem grauen, trüben Wintermorgen erzählte Mag­dalene Horst ihre ganze traurige Geschichte, von ihrer frohen Jugend in den Bergsdorfer Wäldern bis zu der schweren