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Wie von einem Traum umfangen, kehrte sie dann heim. War es denn möglich? Gestern Abend, vor einigen Stunden noch, war sie die Königin einer glänzenden Gesellschaft, geliebt, bewundert, glücklich, ohne das kleinste Wölkchen am Himmel; während sie jetzt unter der Last ihres Kummers fast zusammen» brach. Was würde Curt sagen, wenn er es wüßte? Und wie sollte sie dieses brennende Geheimniß bewahren? — Vor ihm, dem sie bis jetzt nicht einen Gedanken verborgen hatte? Was würde seine Mutter sagen, — sie, die so stolz auf ihren reinen, makellosen Namen und ihr edles Geschlecht war? Wie würde dieses kalte, stolze Gesicht erbleichen und erzittern, wenn sie hörte, daß die Gattin ihres Sohnes die Tochter eines Sträf« lings war? „O, wie soll das enden," dachte Martha voll Verzweiflung; „wenn sie erführen, wer ich bin, würden sie mich von sich stoßen und eine Andere würde meinen Platz ein» nehmen."
Der goldene Kopf senkte sich tief bekümmert. Sie war ganz allein, von einem grauen, farblosen Himmel und dichtem Nebel umgeben, kein Sonnenstrahl spottete ihres Schmerzes, kein Vogel sang sein munteres Lied. In dieser Stunde bitterer Sorgen stand ihr keine lebende Seele bei, sie zu trösten, sie mußte ihren Kummer allein tragen — und Martha lehnte sich gegen das eiserne Gitter und weinte — weinte, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben geweint hatte. Sie weinte über die tobte Mutter, über ihr eigenes entschwundenes Glück, über ihre zerstörte Liebe und ihre Hoffnungen.
Es war fast zehn Uhr, als sie das Haus erreichte, doch schien noch keiner der Gäste sein Zimmer verlaffen zu haben, und unbemerkt erreichte Martha ihr eigenes Gemach.
Sechszehntes Capitel.
„Martha," rief der junge Graf, sobald er seine Gattin erblickte, „was ist Dir? Du siehst aus, wie eine zerknickte Lilie! Das späte Schlafengehen und Tanzen bekommen Dir nicht- Sieh, wie frisch und rosig Melanie aussieht! — Wie Nanette mir sagte, hast Du schon frühzeitig einen Spaziergang gemacht, das hättest Du nicht thun sollen."
„Ich ging hauptsächlich aus, um eine arme Frau unten im grauen Häuschen bei den Weiden zu besuchen," erwiderte Martha, „dieselbe war schon seit mehreren Tagen schwer krank und starb heute früh, während ich bei ihr war."
„Gute, kleine Samariterin!" sprach Curt zärtlich. „Aber, liebes Kind, so sehr ich mich freue, daß Du Dich so um die Armen sorgst, darfst Du Dir doch auch nicht zu viel zumuthen. Komm', ruhe Dich ein wenig," setzte er hinzu, indem er ein paar weiche Kissen holte und es ihr recht bequem und behaglich auf dem Sopha machte. „So. Soll ich Dir nun etwas vorlesen? Die Mutter und Melanie werden unsere Gäste schon unterhalten, — oder willst Du lieber allein sein?"
„O nein, lies mir etwas vor," bat sie.
Da setzte Curt sich neben sie und legte unbewußt die eine Hand auf ihr goldenes Haar, wo noch kürzlich die Hand ihrer sterbenden Mutter gelegen hatte. Sanft zog sie seine Hand herab und preßte sie an ihre Lippen. Armes Kind! Alles, Alle» hätte sie dafür hingegeben, wenn sie ihm ihr Geheimniß hätte vertrauen können, aber ihr Gelübde versiegelte ihre Lippen.
Während Curts Stimme sanft an ihr Ohr schlug, wurden Martha die Lider müde; erschöpft von Kummer und Mangel an Schlaf schlossen sich ihre blauen Augen und eine Zeit lang vergaß die Arme all' ihre Sorgen.
Als Curt sah, daß sie eingeschlafen war, schloß er das Buch und betrachtete das schöne Gesicht, das er so innig liebte. Ungefähr eine halbe Stunde war verstrichen, als er sah, wie ihre Lippen erbebten und ein tiefer Seufzer sich ihrer Brust entrang, dann sprang sie auf und rief: „Curt, es war nicht meine Schuld, — ich wußte nichts davon! — Schicke mich nicht von Dir!"
„Mein Liebling," sprach Curt sanft, „Du träumst! Was ist Dir?"
„Ich glaubte, Du wärest mir böse," entgegnete sie verwirrt.
„Da siehst Du, wie thöricht Träume sind," lächelte Curt, „ehe das geschieht, müßten Hügel zu Thälern und Meere zu Wäldern werden."
„Könnte nichts Deine Liebe zu mir verringern?" fragte Martha ernst.
„Nichts, meine kleine Glockenblume," antwortete er, „ich glaube nicht, daß ich Dich mehr lieben könnte, weniger aber sicher nicht. — Jetzt aber muß ich Dich verlaffen; ich muß nach S. fahren; vielleicht kannst Du noch ein wenig schlafen."
Er schloß sie in seine Arme, küßte ihr bleiches Gesicht und flüsterte ihr Worte der Liebe in's Ohr, die ihr Herz seltsam, halb sreudig, halb schmerzlich bewegten.
„Wenn er es wüßte," dachte die Arme, „wenn er es nur wüßte! — Wenn ich mich nicht zusammennehme, werden sie bald Verdacht schöpfen!"
Und ein kalter Schauder durchzuckte sie, als sie sich die Folgen einer solchen Entdeckung vergegenwärtigte.
Die Angst hiervor war ihr behilflich. Sie wählte ein elegantes Kleid und einen glänzenden Schmuck, der die Bläffe und Veränderung ihres schönen Gesichts verdeckte, und als ihr Gatte wieder heimkehrte, war er glücklich, seinen Liebling frisch und munter wie immer zu finden. Ja, Martha konnte wieder lächeln, konnte wieder plaudern und lachen, sie konnte singen, als sie darum gebeten wurde — aber ihre Gedanken weilten bei der tobten Mutter im grauen Häuschen.
* *
Der Monat Februar war da, die kleinen Schneeglöckchen streckten schon ihre Köpfchen hervor, und Curts Mutter und Melanie verweilten noch immer auf dem Schlosse. Der junge Graf wollte sie nicht fortlassen; er fing an, sich um Martha Sorge zu machen und wünschte, daß Jene sie zerstreuten.
Er begriff nicht, was mit der Geliebten vorgegangen war. Aller Frohsinn war aus ihrem schönen Gesicht verschwunden, nur noch selten umspielte ein Lächeln ihre Lippen; so oft er sie allein fand, war sie so ernst und traurig, daß es ihm wehe that, ihre Heiterkeit erschien ihm unnatürlich und erzwungen.
Eines Abends hatte Curt eine Ballade vorgelesen.
„Die Erzählung gefällt mir nicht," bemerkte seine Mutter am Schluß derselben. „Der Fürst hätte sich eine ihm ebenbürtige Gemahlin wählen sollen: solch' ungleiche Heirathen sind nie glücklich."
„Bist Du derselben Meinung?" fragte Martha ihren Gatten, ohne von der Stickerei aufzublicken.
„Gewiß," erwiderte dieser leichthin, „ich rede ungleichen Heirathen nie das Wort."
„Nun, angenommen: Du hättest ein Mädchen geheirathet, das tief unter Dir steht," fuhr Martha fort, „und Du entdecktest das erst, wenn sie schon Deine Frau ist — was würdest Du thun?"
Mit bleichen Wangen und bang klopfendem Herzen erwartete sie seine Antwort.
„Was ich da thun würde?" versetzte er in scherzendem Tone, „ich würde sie einfach zu ihren Verwandten zurückschicken."
Diese leichthin gesprochenen Worte vernichteten den letzten Hoffnungsstrahl in Marthas Brust; mit jedem Tage ward das schöne junge Gesicht bleicher und schwermüthiger, daß ihr Gemahl bald ernstlich besorgt wurde und einen berühmten Arzt von W. consultirte, aber auch dieser hatte keine Erklärung für das Leiden der Gräfin.
„Sie meinen, die Gräfin habe keinen Kummer, keine Sorge, die auf ihr lasten könnten?" fragte er den Grafen.
„Ich glaube, sie weiß gar nicht, was Kummer oder Sorge heißt," entgegnete der Graf, über des Arztes Idee lächelnd, „was ihr auch fehlen mag, Kummer ist es jedenfalls nicht."
Trotz all' seiner Geschicklichkeit konnte der Arzt keine Lösung für das Räthsel, keinen Grund für die Schwäche und das allmälige Hinschwinden seiner schönen Patientin finden. Er verordnete Luftveränderung und nach einiger Zeit begab der junge Graf sich mit seiner Gattin auf Reisen, die dieser, wie er hoffte, ihre frühere Kraft und Gesundheit wiedergeben sollten.
(Fortsetzung folgt.)


