- 4ä5 ss
erbebte ihr bei dem Gedanken, daß sie sich losreißen sollte von dem Einzigen, an dem sie mit voller Liebe hing, von ihrem Enkel. Eine entsetzliche Angst, sie wagte kaum zu denken, weshalb, hatte sie seinetwegen überfallen, sie durfte sie Erich nicht mittheilen, aber sie mußte ihn fragen, ihn bitten — und doch! Was hatte sie von ihm verdient, als ein hartes, kaltes Nein, und wie sollte sie das ertragen!
Aber während sie so sann, wurde die Hausthür ungestüm aufgemacht, laute Kinderschritte kamen schnell durch den Flur, dann stand er auf der Schwelle und mit einem Sprung war er neben ihr, der dunkeläugige Junge, der Stolz und das Glück ihres Herzens.
Und es war auch eine Freude, ihn anzusehen, die kräftige Gestalt, das offene, gebräunte Gesicht mit den rothen, frischen Backen, die freie Stirn, auf die das dunkle Haar dicht und lockig herabfiel. Für die Großmutter hatte er heute nur eine kurze Begrüßung, ehe er sich zu Erich wandte. Mit einem förmlichen Freudenruf eilte er an seine Seite und legte die Arme um den Hals des noch am Mittagstisch Sitzenden. Dann sah er triumphirend zu ihr herüber. „Die Kathrine hat mir's heute früh gesagt, daß Du fortgegangen wärest, Großmutter, da dachte ich mir gleich, wo Du sein würdest! Ich bin so froh, daß Du bei Onkel Erich geblieben bist," und wieder wandte er sein leuchtendes Antlitz diesem zu. Erich lächelte. „Wenn Du mich gern sehen wolltest, Ering, so war's doch nicht so weit von Grashagen bis hierher," meinte er, indem er mit freund, licher Hand das Haar aus der erhitzten Stirn strich.
„Aber das ging ja nicht," rief der Junge frohlockend, „Großmutter hatte es verboten, und nun — nun hat sie's selber gethan."
Erich war sehr ernst geworden, ein vorwurfsvoller Blick streifte das Gesicht der Mutter, deren Augen auf den Tisch geheftet waren. Er war der Meinung gewesen, daß des Vaters Gebot den Knaben fern gehalten hatte, es schmerzte ihn, zu erfahren, daß es das ihre gewesen war. Ering bemerkte nichts davon.
„Siehst Du, Onkel Erich, ich wäre am liebsten heute früh gleich zu Dir gelaufen und zu Großmutter, aber Vater hätte es vielleicht verboten, wenn er's bemerkt hätte. Aber nun war er in die Stadt gefahren, und Kathrine hat mir's erlaubt und — Onkel Erich, Du hast mir's einmal versprochen, als Mutter noch lebte, nicht wahr, Du nimmst mich heute mit Dir im Boot hinaus?"
Erichs Ton klang ungewöhnlich scharf, als er langsam erwiderte: „Ich weiß nicht, ob Großmutter Dich mir anvertrauen wird."
Sie blickte schnell empor, scheu und bittend, aber ehe sie antworten konnte, rief Ering mit fröhlichem Lachen: „Aber, Onkel Erich, sie weiß ja doch, daß Du der beste Schiffer in ganz Crumbach bist. Wir wollen oft zusammen fahren, denn ich will immer zu Dir kommen und zur Großmutter, wenn in Grashagen erst die Stiefmutter ist; die sind immer böse, hat die Kathrine gesagt."
Eine Pause entstand, ehe Erich mit seltsam stockender Stimme sagte: „Stiefmütter sind nicht immer böse, Ering, aber man muß ihnen gehorchen und — und sie lieb haben. Wenn Du das thust und recht artig bist —"
„Aber, Onkel Erich, es steht doch in dem Märchenbuch, und Du hast es mir auch erzählt von Aschenbrödel. Ich mag die Stiefmutter nicht und ich kann sie nicht lieb haben, und ich will immer zu Dir kommen, wo keine Stiefmutter ist."
Ein ganz leichtes Lächeln flog über Erichs Gesicht, während die Lippen der Mutter leise zuckte«. Er stand auf und trat an das Fenster, dänn kam er zu ihr zurück.
„Ich muß hinaus und nach den gelegten Netzen sehen," sagte er leise. Er beugte sich tief, um in ihr Gesicht zu schauen, das sie nicht zu ihm erhob, als er hinzusetzte: „Der Tag ist herrlich und die See ganz ruhig; darf ich Erings Wunsch erfüllen?"
Jetzt hob sie den Blick und senkte ihn in seine Augen. „Er kann nirgends bester oder sicherer sein, al» bei Dir, Erich," war ihre Antwort.
Ering hatte aufmerksam beobachtet, was vorging, jubelnd sprang er in die Höhe. „Ein ander Mal bleibe ich bei Dir, Großmutter, aber heut' ist es so schön und ich danke Dir viel- mal. So komm', Onkel Erich," und eilfertig, wie die Jugend ist, sprang er ihm voran aus der Thür. Erich wollte ihm folgen, aber eine leise, fast unmerkliche Bewegung, ein Ton, wie eine scheue Frage, rief ihn an die Seite der Mutter. Sie wollte sprechen, aber sie wagte es nicht, ihre Lippen öffneten sich und schloffen sich wieder.
„Was ist es, Mutter," fragte er voll Theilnahme mit ihrer Unruhe,» „könnt Ihr mir nicht sagen, was Euch beunruhigt ?"
„Darf ich bleiben?" rang sich jetzt die gewichtige Frage aus ihrem Herzen, während sie die Hände zusammenpreßte und mit athemloser Angst in sein Gesicht schaute. Es war ernst und blaß, als er erwiderte: „Ich danke Euch dafür, Mutter." Einen Augenblick fühlte sie, wie seine Finger sich um ihre Hand schloffen, dänn hatte er sie verkästen, und als sie an das Fenster getreten war, wohin ein Ruf Erings sie gelockt hatte, sah sie ihn mit dem Knaben an der Hand durch den Garten gehen. Er blickte noch einmal zurück und grüßte sie, während Ering jubelnd seinen großen Strohhut zu ihr her überschwenkte.
(Fortsetzung folgt.)
Wie lange währt ein Hraum?
Es spricht die höchste Wahrscheinlichkeit dafür, ja, Erfahrung und Selbstbeobachtung bestätigen es geradezu, daß Traumbegebenheiten nur von secundenlanger Dauer sind. Die Täuschung besteht darin, daß die betreffenden Erlebnisse in Wirklichkeit so lange dauern würden und wir nunmehr die im wachen Leben gemachten Erfahrungen in das Traumleben mit hinübernehmen. Nach einer anstrengenden Fußwanderung durch den Harz schlief vor etlichen Jahren mein Begleiter, auf einem Holzstoß sich' niederlaffend, vor meinen Augen ein. Genau nach einer Minute, vom Zufallen seiner Augen und vom Herniedersinken seines Hauptes an gerechnet, weckte ich den Schläfer, um ihn vor Erkältung zu schützen, sowie auch um unseres noch fernen Reisezieles wegen, aus seiner kurzen Ruhe. Mit einem Seufzer über den gestörten Traumgenuß begann er während der Weiterwanderung seine Traumerlebniffe zu erzählen und endigte erst damit, nachdem der Zeiger auf meiner Uhr sich 26 Minuten weiter bewegt hatte. Eine langathmige Tanzgesellschaft daheim mit allen möglichen Vor- und Nachbegebenheiten, Eifersuchtsscenen u. s. w. hatte in den wenigen Minuten das müde Haupt eines Wanderers durchzogen. Dr. Fr. Scholz berichtet aus seinen Erfahrungen Folgendes: Nach schweren körperlichen Ermüdungen und einem geistig wie gemüthlich sehr anstrengenden Tage begab ich mich, nachdem ich noch die Uhr aufgezogen und auf den Tisch gestellt hatte, zu Bett und schlief bei noch brennender Lampe sofort ein. Alsbald befand ich mich auf hoher See an Bord eines mir bekannten Schiffes. Ich war wieder jung und stand am Ausguck. Ich hörte das Meer rauschen und goldene Lichtwolken umwogten mich. Wie lange ich gestanden, weiß ich nicht; aber es war eine unendliche Zeit. Da änderte sich die Scene. Ich war am Land und meine längst verstorbenen Eltern kamen, um mich zu begrüßen; sie führten mich zur Kirche, wo lauter Orgelton erklang. Ich freute mich, wunderte mich aber zu gleicher Zeit, dort meine Frau und Kinder zu sehen. Der Geistliche bestieg die Kanzel und predigte, aber ich konnte nichts verstehen, da die Orgel immer noch gespielt wurde. Ich faßte nun meinen Sohn an der Hand, um mit ihm den Kirchthurm zu besteigen; aber wiederum verwandelte sich die Scene. Statt neben meinem Sohne stand ich neben einem mir früher bekannten, in Wirklichkeit längst verstorbenen Offizier. Ich bin als Militärarzt beim Manöver und wundere mich eben darüber, daß unser Major ein so jugendliches Aussehen hat, als ganz in meiner Nähe unvermuthet eine Kanone abgefeuert wird. Erschrocken fuhr ich in die Höhe, mache auf und merke, daß der vermeintliche Kanonenschuß seine Ursache in dem Oeffnen und wieder


