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ein feines Tnch von ausländischer Arbeit hervorzog. „Setzt Eure Mütze ab, Mutter," sagte er zu ihr tretend, „sie ist naß und timt dies Tuch um Euren Kopf, ich hatte es für Euch gekauft damals — aber das ist jetzt gleich. Und trocknet Euch Gesicht und Hände, damit es Euch nicht schadet, daß Ihr im Regen draußen gewesen seid."
Sie antwortete nicht, aber sie hob ihre Augen zu ihm auf, ate ob sie sich überzeugen muffe, daß es wirklich Erich war, der so zu ihr sprach. Ihr stummer Bück schien seine Befangenheit von Neuem wachzurufen, denn er sagte schnell: „Es wäre am besten, wenn Ihr zur Ruhe ginget, Mutter, die Wärme würde Euch gut thun. Dort in der Kammer steht ein Bett."
Er öffnete die Thür und sie folgte ihm in den kleinen Raum, mechanisch seinen Worten gehorchend, als ob sie nur mit halbem Bewußtsein handele. Sie sah, wie er das Oberbett zurückschlug und das Fenster schloß, dann fragte er: „Kann ich Euch noch helfen?"
Sie fchüttelte den Kopf. „Nein," sagte sie, „A brauche nichts. Geh' jetzt, Erich, und nimm das Licht mit Dir, ich kann mich im Dunkeln zurechtfinden und es thut meinen Augen
das Geräusch, welches aus der Küche an sein Ohr drang und das er sonst in seinem einsamen Hause nicht zu hören pflegte.
Als er seine einfache Toilette beendigt hatte und ans der Kammer wieder in die Stube trat, fand er das Landbrod und die Butter, die er im Küchenschrank aufbewahrte, auf dem Tische stehen. So war also die Mutter in gewohntem Flech an die Bereitung des Frühstücks gegangen, und er sollte sich von ihr bedienen lassen? Er schüttelte leise wie verwundert den Kopf. Dann überblickte er noch einmal den Tisch. Seine neue Lage als Wirth kam ihm in den Sinn und ließ es ihm undenkbar erscheinen, daß die Mutter das einfache Mahl theilen sollte, das er für sich immer genügend gefunden hatte. Mor- aens Schwarzbrod zu effen, das war sie in Grashagen nicht gewohnt gewesen, dessen erinnerte er sich noch ganz genau. So verließ er denn das Haus, um drüben beim Backer, bet der ungewohnten Verschwendung wegen ganz erstaunt anschaute, frische Semmeln einzukaufen.
Es war ein herrlicher Morgen. Die Sonne strahlte in I den Tropfen, welche die Nacht über Baum und Strauch geschüttet hatte, Vögel sangen in den Zweigen und leise tönte das Rauschen der See über die Dünen. Em dem Herzen Erichs lange Zeit fremdes Gefühl war heute darin eingezogen; es war ihm, als ob die Nacht, die dunkel über feinem Leben ge- lagert hatte, noch einmal vergehen könne, als ob ein schwacher Dämmerschein des Morgenlichts an seinem Hnnmel her«» ziehe. Als er durch den kleinen, ziemlich vernachlässigten Garten zu- rückschritt, fühlte er den Duft der Goldlacks, der um Wege stand und den er noch nie bemerkt hatte. Er bückte sich und pflückte einen Stengel, den er vor die Mutter legte, welche er iebt in der Stube traf. Sie hatte zwei Taffen gebracht und vollgeschenkt, von denen sie ihm eine reichte. Mtt ungewohntem Behagen führte er sie zum Munde, dann schnitt er sich ein Stück von dem Brode, während er ihr die Semmeln zuschob.
„Ihr seid es nicht gewohnt, Mutter, sagte er dabei, „Ihr habt immer Weißbrod zum Frühstück gehabt.
1 9 Sie blickte ihn fragend an; hatte er wirklich nicht vergessen, wie viel sie immer darauf gegeben hatte? Und dann hielt er von Neuem seine Taffe hin.
„Es schmeckt doch ganz anders, wenn man nicht selber I Küchenmeister gewesen ist," meinte er in leichtem Ton.
Wieder schaute sie zu ihm hinüber, wie er rhr gegenüber saß. Sein schönes Gesicht schien, so ernst die Züge auch warm von innerem Licht durchstrahlt und aus den dun eln Augen leuchtete Mitleid und edelste Güte, als sie den ihrigen begeg neten. Sie konnte ihm kein Wort erwidern, das Lerz lag ihr wie unter einem schweren Bann und die Zunge versagte den
IX.
Als die Sonne höher gestiegen war und ihr Licht voller und wärmer durch das Fenster ergoß, fuhr Erich von semem unbequemen Lager in die Höhe, Einen Augenblick sHuutt verwundert um sich; war's denn möglich, was ihm seme Er tnnerung In das Gedächtniß rief, oder konnte es e^ lebhafter Traum fein? Aber daß er die Nacht hier in der Stube ver bracht hatte, war eine Bestätigung der Wahrheit und ebenso
^^Mch dem Frühstück verließ er sie bald, um in's Freie zu geben und sie machte sich daran, Ordnung tm Zimmer und in der Kammer herzustellen und für ein ®infa<S;;(ir5tQe9reffiebnr zu sorgen. Als ob es sich von selbst verstehe, überließ er ihr die Haushaltungspflichten in feinem Haufe und sie verrichtet sie, als ob es nicht anders fein könne, aber nur ihre Händ machten mechanisch die ihnen so gewohnten Arbeiten, ihre See hatte keinen Theil daran, und wenn sie emmal wne hielt, sa preßte sie wohl die Hand gegen die Brust und seufzte aur angsterfülltem Herzen. Sa war der Vormittag dahingegangen und Erich kehrte von seinem Gange zurück. Sie fuhr er^rock n zusammen, als er in das Zimmer trat. In den Stunden feiner Abwesenheit war sie mit sich einig geworden, daß s vor Allem seinen ferneren Willen erfahren müffe, aber ich , wo er vor ihr stand, wollte kein Wort von ihren trockenen
I Livven Er erzählte ihr freundlich, wo er gewesen war, er hatte heute früh draußen bemerkt, wie klein der Holzvonath geworden sei und hatte mit dem Förster sprechen wollen sie hörte, aber sie verstand kaum, was « meinte. Jh" danken waren nur auf einen Punkt gerichtet und m ein Frage beschäftigt. Welche Absicht hatte er mit ihr? WUM er sie gehen heißen jetzt bei Tag und Sonnenschein, nachdm er sie bei Nacht und Nebel ausgenommeni hatte? Ihre a Heimath, wo noch entfernte Verwandte lebten, war uicht w von hier, sie konnte sie noch heute erreichen - aber dasverz
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' „Wie Ihr wollt," — und dann ging er, aber er ließ die Thür halb offen, so daß die freundlichen Lichtstrahlen aus der Wohnstube hineinfielen. Die zarte Rücksicht, die er auf ihre Bedürfnisse nahm, tijat ihr wohl, aber sie quälte sie Wgleich, so trat sie schnell hinzu und schloß sie hinter ihm. Die un- vorgelegte Lade des Fensters ließ sie genug erkennen, sie tastete I sich dorthin, wo sie vorher einen Stuhl gesehen hatte, und setzte I sich erschöpft nieder. |
Sie hörte Erich eine Zeit lang auf- und abgehen, als ob die Erregung, die ihre Seele erfüllte, auch ihn nicht zur Ruhe I kommen lasse, endlich verstummten seine Schritte und Dunkel- I Beit und Schweigen herrschten im Hause wie außer ihm. Sie dachte nicht daran, zu Bett zu gehen, sie blieb am Fenster I sitzen, einer klaren Erwägung unfähig, aber bestürmt von schnell I wechselnden Gedanken und Empfindungen. Stunde auf Stunde I verrann; am Himmel erblichen die Sterne, zu denen sie ihre I Augen aufgeschlagen hatte, das graue Licht der Dämmerung verbreitete sich vom Horizont aufwärts, es fing an, Tag zu werden. Als die ersten Strahlen der Morgensonne in das Fenster schienen, erhob sie sich langsam. Ihre Glieders schmerzten,^als ob sie eine lange Krankheit durchgemacht habe, während sie leise und vorsichtig auf die Thür zuschritt- Sie trat über die Schwelle und in Erichs Stube. Dort lag er, den Kopf auf den gebogenen Arm gebettet, auf der harten Ofenbank hingestreckt in tiefem Schlaf. Sie fdjritt nft^er und, in- | dem sie sich vorbeugte, ließ sie die Augen forschend auf seinem Gesicht ruhen. Er hatte sich verändert seit jenem Tage, als er ihr gedroht hatte, ihren Verrath herauszufinden und zur Rechenschaft zu ziehen. Er war älter geworden; eine klar erkennbare Linie zog sich zwischen den bunflen Augenbrauen quer durch die Stirn, die von dem länger gewachsenen Haar tiefer als sonst beschattet wurde. Die Wangen, auf denen die dunkeln Wimpern ruhten, waren schmäler, und um den geschloffenen Mund lag ein Ausdruck, wenn nicht der Hoffnungslosigkeit, so doch sicher des Leidens, des niedergehaltenen, mit starker Hand bekämpften Schmerzes. Aber nicht Härte oder Bitterkeit war in den klaren Zügen zu lesen, es lag Friede, erkämpfter Friede in dem Antlitz des ruhig Schlafenden. Die Mutter richtete sich empör'. Es zuckte um ihre Lippen. Sie legte ine Hand Über die Augen und kehrte leise in ihre Kammer zurück.


