Ausgabe 
16.9.1893
 
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Samstag, den 16. September.

Nr. 109

1893

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Antevhattungsbl^tt zunr Gietzenev Anzergev (General-Anzeiger)

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Das Erbe.

Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.

(Fortsetzung.)

Das Haupt tief gesenkt schritt sie weiter. Sie hatte nicht auf den Weg geachtet, aber unwillkürlich hatte sie denjenigen eingeschlagen, der die Badegäste von Crumbach nach Grashagen führte. Als sie jetzt die Stelle erreichte, wo der schmale Pfad auf die breitere Straße trat, mußte sie die Wendung in der Dunkelheit zu kurz genommen haben, denn ihr Fuß stieß heftig an einen der hohen Steine, die zum Schutze der Felder gegen das Hinüberfahren von Wagen an beiden Seiten aufgerichtet waren. Mit einem leisen Schrei glitt sie aus und sank zu Boden und blieb, als ob ihr der Muth fehle, sich wieder auf- zurtchten, auf der Erde liegen- Einige Minuten mochten ver­gangen sein, als sie plötzlich gewahr wurde, wie Jemand aus der Dunkelheit zu ihr trat. Eine Hand legte sich auf ihren Arm und eine leise Stimme fragte:Habt Ihr Euch verletzt, Mutter?"

Sie antwortete nicht, aber sie setzte sich aufrecht. Einen Augenblick herrschte das Schweigen der Nacht, dann wurde es durch die bebende Frage unterbrochen:Bist Du es, Erich? Sprich noch einmall"

»Ich sah Euch den Garten verlasien," sagte er und es klang, als ob er mit einer Art Verlegenheit kämpfe,und bin hinter Euch gegangen. Es ist kalt und naß auf der Erde, wollt Ihr nicht aufstehen?"

Sie gehorchte seinem Worte und schritt wieder langsam vorwärts. Sie waren jetzt auf dem breiten Wege und gingen schweigend neben einander. Plötzlich blieb die Mutter stehen: Wie kommst Du hierher, Erich?" fragte sie. Er antwortete nicht sogleich, und erst, als sie schon im Begriff war, auf seine Erwiderung zu verzichten, kam sie in stockender Stimme:Die Sehnsucht nach meinem Vaterhause war über mich gekommen. Ihr wißt, daß ich mich bei Tage in seiner Nähe nicht sehen laffen darf."

Sie schritt wieder vorwärts und er sprach erklärend weiter:Ich hörte in der Stille rings umher den lebhaften Wortwechsel im Hause und sah dann, daß Ihr herauskamet."

Hast Du verstanden, um was es sich handelte?" fragte sie athemlos und tief erschrocken.

Ich bin nicht gesunken genug, um den Horcher zu spielen," war seine beruhigende und doch bittere Entgegnung.

In ununterbrochenem Schweigen setzten sie ihren Gang fort, bis sie das Dorf erreichten und vor Erichs Haufe an­

gelangt waren. Dort blieb er stehen, wie zögernd.Gute Nacht, Mutter," sagte er dann in gezwungenem Ton, ehe er sie verließ und über die Schwelle trat. Sie blieb draußen in der Nacht allein. Ein Gefühl körperlicher Erschöpfung kam über sie und tiefste Niedergeschlagenheit bemächtigte sich ihrer Seele. Was hatte sie anders erwarten dürfen, als sie von seiner Hand empfing? Ausgestoßen I Das Licht flammte in Erichs Stube auf, während sie mit trockenen, heißen Augen hineinblickte durch das unverfchloffene Fenster. Er stand un­beweglich am Tisch und sie wandte sich ab. Was hatte sie denn gehofft? Nichts, was sie verdiente, nichts, was ihr ge­worden war! Es schien, als ob sie sich nicht von dem Schimmer jene« freundlichen Lichtes losreißen könne oder von dem An­blick jener füllen Gestalt, und doch, was nutzte es, hier zu weilen? Aber, wie kam es, daß die Füße ihr den Dienst ver­sagen wollten, als ob die nassen Kleider ihr das Vorwärts- kommen unmöglich machten? Noch einmal wandte sie den Blick zurück. Erich stand noch ebenso an den Tisch gelehnt und mit einem erstickten Ton tief beweglicher Klage, schwer, als ob ihr jeder Schritt eine Qual sei, ging sie in die Dunkelheit hinein. Und dann hörte sie plötzlich schnelle, feste Tritte hinter sich, Erich stand von Neuem neben ihr.Wo geht Ihr hin, Mutter?" fragte er schnell.

Ich weiß es nicht," antwortete sie matt,vielleicht in's Wasser, vielleicht

Er unterbrach sie.Vergebt mir, Mutter, daß ich Euch nicht sogleich aufforderte" er stockte, ehe er hinzufügte: Wollt Ihr zu mir kommen?"

Sie blieb stehen.Sage es noch einmal," bat sie leise, und als er jetzt fester und klarer seine Frage wiederholte, kam ihre in gebrochener Stimme gegebene Antwort:Ich danke Dir, Erich."

Sie traten zusammen über die Schwelle seines Hauses und in die einfach eingerichtete Stube, welche er bewohnte. Der Ofen war nach alter Sitte an drei Seiten von der Bank um­geben, der Tisch, auf welchem die Lampe brannte, stand in der Mitte, einige Stühle, ein Kleiderschrank, eine Commode, auf der Bücher standen und lagen, das war die ganze Ausstattung. Aber was sie auch gesehen hätte, es wäre ohne Eindruck auf die Mutter gewesen. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, als ob das Licht sie blende, und war an der Thür stehen ge­blieben. Erich schaute sie aufmerksam an. Von ihren Kleidern liefen einzelne Tropfen nieder, sie flössen aus dem grauen Haar über das todtblasse, erschöpfte Gesicht. Ein Ausdruck de« tiefsten Mitleids lag auf seinen Zügen, als er anfing, in einem seiner Schubfächer zu suchen. Er mußte die Lampe zu Hüfe holen, ehe er fand, was er wünschte und unter anderen Sachen