Ausgabe 
16.5.1893
 
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£>, das hat doch keine Eile, mein lieber Buchhold," be­merkte Malten freundlich.

O, doch," entgegnete der Banquier lebhaft, ich muß zur Börse und da ist keine Zeit zu versäumen. Ein anderes Mal bleibe ich länger und hoffentlich führt uns künftig ein freudiger Anlaß recht häufig zusammen. Guten Morgen! Auf Wieder« sehen I"

Malten geleitete zuvorkommend den kleinen Banquier hinaus, und als er wieder in das Zimmer getreten war, seufzte er tief auf und sank wie erschöpft auf einen Seffel.

Das waren zwei böse Ueberraschungen und zwei De- müthigungen auf einmal," flüsterte Malten dann leise,das Unglück Hülsemanns und die Creditkündigung Buchholds, das indirecte Etngeständniß meiner Insolvenz und die Annahme des Vorschlages Buchholds. O, was kann der Mensch nicht in einer einzigen Stunde erleben! Wo ist mein Glück, mein Stolz, meine Standhaftigkeit geblieben! O, ich könnte ihn Haffen, diesen kleinen, schlauen, geriebenen Mann, der mir sein kleines, häßliches, unbedeutendes Mädchen, an der mein Sohn schwerlich Gefallen finden wird, als Schwiegertochter aufhalsen will. Und doch, wenn ich mir Alles ruhig überlege, kann ich Buchhold gar nicht so sehr Haffen. Er wirkt mit der Macht, die ihm gegeben ist, für seine Tochter, er, der Empor« kömmling, will sein Kind an einen angesehenen Mann ver- heirathen, will in feine Kreise gelangen, das kann man Buch­hold nicht so sehr verargen. Aber fatal, sehr fatal wird die Angelegenheit für mich doch, wenn mein Sohn sich weigert, Buchholds Tochter zu heirathen, dann kennt Buchhold sicher keine Rücksichten mehr und wird mich zu ruiniren trachten."

Malten lief, sehr erregt von dem letzten Gedanken, un­ruhig in seinem Zimmer auf und ab, dann aber stieg in seinem Herzen doch manche Hoffnung auf, wie er auf diese oder jene Art in den sechs Monaten Rath und Hülfe werde schaffen können, um Buchholds Forderung zu decken, wenn die Heirath nicht zu Stande kommen würde. Das Glück konnte ihm ja wieder günstig sein, er konnte mit dem Patent ein gutes Ge- schäft machen, die entwertheten Actien konnten wieder im Course stergen, und selbst in der Lotterie konnte Malten Glück haben, denn zum bloßen Zeitvertreib hatte er die drei Vollloose doch nicht genommen.

Der Commerzienrath erinnerte sich jetzt daran, daß es nunmehr höchste Zeit sei, um sich nach der Fabrik zu begeben und dort die gewohnten Geschäfts zu erledigen. Er schellte alsbald dem Diener, nahm Hut und Stock und schritt eilig nach derFabri welche nur ungefähr fünfhundert Schritte von der Villa Mattens entfernt lag.

In der Fabrik angekommen, besichtigte der Commerzien« rath nut scharfem Kennerblick zunächst die Maschinenhäuser, um sich zu überzeugen, daß dort Alles in Ordnung war. Dies galt eigentlich als selbstverständlich, denn Mattens hochbefähig, ter und ganz ungewöhnlich fleißiger und gewiffenhafter Sohn war ,a der erste Ingenieur in des Vaters berühmter Maschinen« ? u!Lb mit großer Befriedigung und berechtigtem Stolze W. GommerjknratÖ, wie sein Sohn auch heute in vor- trefflichster Weise die Triebmaschinen überwachte und in leistungs- fähigem Zustande erhielt.

Mattens Augen suchten den Sohn. Dort stand Ludwig Ma ten am Eingänge eines Maschinenhauses und war eifrig bemüht, zwei Monteure über die Aufstellung einer neuen Dampfmaschine zu instruiren-

Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des Commerzienraths auf der stattlichen Erscheinung des Sohnes, der hoch von Ge- statt und ein Bild blühender Manneskraft war. Sehr herzlich begrüßte der Vater den Sohn und dieser stattete seinen ge« wohnten Bericht über die technischen Angelegenheiten der rfavttk ab.

R^te.n sich alsdann nach den Comptoirräumen, um sich dort die Geschäftsbriefe und einige Geschäftsbücher vor­legen zu lassen. Als diese Arbeit erledigt war, zog sich der Commerz,enrath in sein Privatcomptoir zurück, um dort allein einige Arbeiten zu erledigen.

Ludwig weiß noch nichts von dem Unglück, welcher !

I Hiilsemann betroffen hat," wiederholte sich dort in seinen Ge­danken der Commerzienrath und dies war ihm jetzt sehr an­genehm, denn dadurch wurden neue Aufregungen noch eine Zeit ihm fentLgehalten und er konnte inzwischen auf Mittel sinnen, um den Sohn über das Unglück, welches den ^-u?^on dessen auserwählter Braut betroffen, zu beruhigen. Freilich, solch ein Mittel, rote er es eigentlich gewünscht hatte, vermochte der sonst so findige Commerzienrath heute nicht zu finden, denn das Versprechen, welches er dem schlauen Buchhold heute gegeben, lastete nun doch wieder wie ein Alp auf seiner Brust und machte ihn dem Sohne gegenüber unsicher und zag« haft. Aber die eiserne Rothwendigkeit zwang Malten, doch wenigstens einen Versuch zu machen, um den Sohn in Buch- holds Sinne, der ja auch eine sichere Rettung von einer der Malten Ichen Fabrik drohenden Katastrophe bot, zu beeinflussen und er faßte seinen Entschluß. '

Noch heute Nachmittag wollte sich Malten übrigens nach dem Hülsemann'schen Bergwerke begeben, um die Größe des durch den Schachteinsturz herbeigeführten Schadens zu prüfen, denn vielleicht hat der verschlagene Bankier Buchhold aus nabe- liegenden Gründen das Unglück Hülsemanns übertrieben und dann war ja leicht ein ganz anderer Ausweg zu finden.

Der Comptoirdiener trat jetzt ein und meldete, daß ein alter Arbeiter, der Maschinenschlosser Engelhard, um eine Unter­redung mit dem Herrn Commerzienrath bitte. Es sei eine eigenthümliche Angelegenheit, in welcher nur der Herr Com« merzienrath selbst helfen könne.

Matten befahl dem Diener, den Arbeiter eintreten zu laffen, und bald stand ein älterer, respectabel aussehender Mann in blauer Arbeiterblouse vor dem Fabrikherrn.

Was wünschen Sie von mir, Engelhard?" frug Matten in herablaffendern Tone.Wenn ich Ihnen rathen oder helfen kann, so soll es geschehen, aber fassen Sie sich kurz, denn iS habe heute wenig Zeit."

Herr Commerzienrath, ich wollte Ihnen nur melden, daß sich in dem Gesangvereine Concordia, welchen wir Arbeiter unter gütiger Beihilfe unserer Herren Prinzipale gegründet haben em ganz grober Mißbrauch mit den Ueberschüssen der Mttgliederbeiträge eingeschlichen hat."

Was muß ich hören?" frug Malten erstaunt.Hat Je­mand Unterschleife verübt?"

Rein, solche Dinge fanden Gott sei Dank nicht statt," fuhr der alte Mann fort,aber einige der jüngeren Mitglieder sind auf die tolle Idee gekommen, die circa zweihundert Mark jährlichen Ueberschuß zum Ankäufe eines Lotterielooses zu be­nutzen und die Mehrheit der Mitglieder hat dem Vorschläge zugestimmt. Heißt das nicht in unsinniger Weise unsere Vereinskasse schädigen? Einen größeren Gewinn werden wir doch nicht machen und sollte dennoch ein Gewinn gemacht wer­den, so geht er in hundertdreiundvierzig Theile und da wird auf den Einzelnen nicht viel kommen. Außerdem ist zu be- fürchten, wenn ein größerer Gewinn auf das Vereinsloos fallen sollte, so werden wohl viele Arbeiter das gewonnene Geld zu allerhand Tollheiten mißbrauchen, so daß hinterher der Schaden größer sein wird, als der Nutzen. Der wahrscheinlichste Fall aber wird derjenige sein, daß das Vereinsloos nichts gewinnt, I denn es sind doch erschrecklich viele Nieten in jeder Lotterie und dann ist doch eine hübsche Summe vergeudet."

Betroffen und mit wachsendem Interesse hatte der Com­merzienrath auf diese Worte des schlichten Arbeiters gehört und in seltsamem Tone frug er:Aber was soll ich dabei thun, um die Leute von dem Vorhaben, ein Lotterieloos zu kaufen, abzuhatten?"

Nun, Herr Commerzienrath, Ihre Meinung und Ihr Rath gilt noch etwas bei vielen Arbeitern, und wenn Sie die Güte haben wollten, den Leuten das Thörichte ihrer Absicht klar zu machen, so käme der Entschluß vielleicht in's Schwanken. Außerdem hätten Sie auch ein Machtmittel, um den thörichten Entschluß rückgängig zu machen. Sie spenden großmüthig Be­leuchtung und Heizung für den Saal an den Vereinsabenden der Concordia und Sie könnten drohen, diese Wohtthat dem