Ausgabe 
16.5.1893
 
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Wissen Sie so genau, daß ich immer Glück habe?" frug Malten jetzt forschend.

Buchhold blinzelnde jetzt einen kurzen Moment mit seinen klugen, grauen Augen auf die lauernde Miene des Commer- zienraths, als wollte er in dessen Seele lesen, dann antwortete er aber kurz und scheinbar ohne jede Berechnung:Erst heute morgen habe ich es wieder erfahren, was Sie für ein Glück haben, Herr Commerzienrath."

Heute Morgen?" gab Malten erstaunt zurück.Was soll ich denn heute Morgen oder gestern Abend für ein Glück gehabt haben, Herr Buchhold? Sie sprechen in Räthseln."

«Also Sie wissen nichts von dem großen Glück, welches Sie oder vielmehr Ihr Herr Sohn, nein, zweifellos beide haben," frug Buchhold lauernd.

«Ich verstehe Sie nicht. Reden Sie endlich deutlich," entgegnete beinahe ärgerlich Malten.

Nun, Sie wissen nicht, daß Matthias Hülsemann, mit dessen Tochter sich Ihr Herr Sohn zu verloben gedachte, seit letzter Nacht so gut wie bankrott ist. Ist das nicht ein großes Glück für Sie und Ihren Sohn?"

Mensch, das nennen Sie Glück?" brauste Malten auf. Das betrachten Sie als Glück für mich, weil Hülsemann sein Vermögen verloren hat. Sind Sie bei Sinnen- Sie reden ja wie ein Rasender. Ist es überhaupt wahr, was Sie da verkünden."

Einige Augenblicke Geduld, Herr Commerzienrath, ich rede die Wahrheit und Sie scheinen mich mißzuverstehen. Matthias Hülsemann steht thatsächlich vor dem Bankrotte, denn in letzter Nacht ist in seinem Bergwerke ein Schacht eingestürzt, der ganze Bergbach fließt in das Bergwerk, die Wasserwerke sind zerstört und die ganze Felix-Grube ist für lange Zeit außer Betrieb gesetzt, ja vielleicht vernichtet."

Starr, mit weit aufgerissenen Augen blickte der Commer­zienrath den Unglückspropheten an und erwiderte kein Wort. Da fuhr Buchhold in seiner unverfrorenen Weise fort:Und da ist es doch als ein großes Glück zu bezeichnen, Herr Com­merzienrath, daß Ihr Herr Sohn noch nicht mit Fräulein Hülsemann osfieiell verlobt oder gar schon verheirathet ist."

Der Commerzienrath brach in ein wildes Lachen aus und rief dann empört:Und das nennen Sie Glück, Herr Buch­hold? Sie sollten sich schämen, mir in so taktloser Weise das schreckliche Unglück rnitzutMen."

Sie wollen mich eben nicht verstehen, Herr Cornrnerzien» rath," entgegnete Buchhold kaltblütig.Das Unglück Hülse- mann's ist gewiß sehr bedauerlich, aber noch bedauerlicher wäre es, wenn das Unglück drei Monate später eingetreten, wenn Ihr Herr Sohn bereits mit Fräulein Hülsemann ver­heirathet wäre, bann gab es keine reiche Partie mehr für ihn. Reden wir offen mit einander, Herr Commerzienrath I Ich weiß, daß Sie in letzter Zeit einige sehr große Verluste er­litten haben, ich bin jetzt nicht Ihr Schuldner, sondern Ihr Gläubiger, und schlimme Folgen könnten daraus für die be­rühmte Malten'sche Maschinenfabrik entstehen, wenn Ihr Herr Sohn bereits mit Käthe Hülsemann verheirathet wäre. Aus der Heirath wird es nun doch nichts. Ihr Herr Sohn wird sich mit Bedauern zurückziehen und rechtzeitig eine gute Partie machen."

Ja, das sagen Sie, aber mit solchen Grundsätzen wird mein Sohn schwerlich einverstanden sein, Geld und Reichthurn spielen bei ihm nicht die Rolle wie bei anderen Leuten. Zu­dem ist er bereits im Stillen mit Käthe Hülsemann verlobt, und wird es für schändlich finden, wegen des Unglücks des Vaters sich von dem armen Mädchen loszusagen."

Kennt Ihr Herr Sohn die großen Vermögensverluste, welche Sie im letzten Jahre erlitten, Herr Commerzienrath?" frug Buchhold halblaut und zudringlich.

Malten erbleichte einen Moment, dann rollten feine Augen zornig, und es schien, als wollte er dem Banqnier eine scharfe Zurechtweisung wegen dieser dreisten Einmischung in seine Privatverhältnisse erteilen, aber der gequälte Mann, welcher jetzt nicht mehr der Gläubiger, sondern der Schuldner Buch- holds war und es mit ihm nicht zum Bruche kommen lassen

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wollte, beherrschte sich dann und erwiderte ruhig:Mein Sohn kennt die Größe meiner Verluste allerdings nicht."

Nun, so wird er vielleicht, wenn er erfährt, daß fein Vater mehr als eine Million verlor, einsehen, daß er für die Ehre und Zukunft des Malten'schen Geschäftes durch eine geeignete Heirath eintreten muß."

Herr Buchhold, Sie gehen zu weit," brauste jetzt Malten auf.So schlimm steht es mit mir nicht, daß mich mein Sohn nur noch durch eine reiche Heirath retten könnte."

Regen wir uns nicht auf, mein lieber Commerzienrath," erwiderte Buchhold.Wir sind alt und erfahren genug, um die Angelegenheit in Ruhe zu besprechen. Können Sie mir die 400000 Mark, die Sie mir schulden, heute, morgen ober meinetwegen auch erst in acht Tagen b^ahlen, so brauche ich mich um bie Art der Verheiratung Ihres Herrn Sohnes allerdings gar nicht zu bekümmern. Sind Sie aber nicht im Stande, mir diese Summe in dieser Zeit zurückzuerstatten, so sollten Sie es mir Dank wissen, wenn ich bestrebt bin, Ihnen in freundschaftlicher Weise einen Weg zu zeigen, der Sie und voraussichtlich auch Ihren Herrn Sohn von allen Calamitäten befreit."

Malten schwieg lange Zeit mit gesenktem Haupte, dann sagte er kleinlaut und mit leiser Stimme:Bitte, sprechen Sie, Herr Buchhold, ich möchte Ihren Vorschlag hören."

Die kleine magere Gestalt des Banquiers schien jetzt zu wachsen, seine grauen Augen leuchteten seltsam und sich weit nach Malten vorbeugend, zischelte er wie eine Schlange:Ich habe auch eine Tochter, Herr Commerzienrath, und ich gebe meiner Tochter eine Mitgift von einer halben Million, wenn sie sich nach meinen Wünschen verheirathet. Ihr Herr Sohn, der brav und tüchtig ist, wäre mir ein angenehmer Schwieger­sohn, und wie ich hoffen darf, bei seinem stattlichen Aeußeren, auch ein gern gesehener Freier bei meiner Tochter. Sie sehen, ich führe nichts Schlimmes gegen Sie im Schilde. Auf diese Weise sind schon Tausende von Verheirathungen und selbst in den vornehmsten Häusern zu Stande gekommen. Darf ich darauf rechnen, daß Sie Ihren Einfluß als kluger Vater bei Ihrem Herrn Sohn zur Geltung bringen ?"

Ich werde mein Bestes thun und hoffe, daß mein Sohn auf meinen Rath hören wird," sagte aufathmend der Com­merzienrath.Eine Bedingung muß ich allerdings stellen, mein lieber Buchhold: Haben Sie einige Monate Geduld! Ich kann bei dem besten Willen die Angelegenheit nicht über's Knie brechen, denn mein Sohn hängt vielleicht mehr an dem Mädchen seines Herzens, als wir denken, und er besitzt außer­dem einen sehr festen, selbstständigen Charakter, ich werde ihn also nicht nur ganz allmählich durch Vernunftsgründe beein­flussen können."

Das leuchtet mir ein, mein lieber Commerzienrath," ent­gegnete Buchhold ganz vertraulich,doch können wir bei keiner solchen allgemeinen unter Umständen ganz werthlosen Verein­barung in dieser ebenso ernsten als wichtigen Angelegenheit stehen bleiben. Mein Einsatz ist ebenso groß wie der Ihrige und wir müssen zu einem klaren Vertrage kommen- Daß Ihr Herr Sohn sich in vier oder sechs Wochen mit meiner Tochter verlobt, dafür können Sie keine Bürgschaft geben, das sehe ich ein, aber wir können uns ein anderes Versprechen geben, wel­ches mir eine Bürgschaft dafür ist, daß die Angelegenheit nicht nutzlos in bie Länge gezogen wirb. Wenn Ihr Herr Sohn sich binnen heute unb sechs Monaten mit meiner Tochter Erna verlobt, so ist Ihre Schulb von 400 000 Mark bei mir getilgt unb ich gebe noch extra bem jungen Paare 100000 Mark Mitgift. Findet indessen die Verlobung bis zu dieser Zeit, also bis zum 7. October, nicht statt, so haben Sie an ge­nanntem Tage Ihre Schuld an mich zu tilgen. Hier ist meine Hand, ich halte mein Versprechen!"

«Und ich werde nach Kräften das Meinige thun, um bie Abmachung zu verwirklichen," antwortete Malten unb legte seine Rechte in diejenige Buchholds.

Also Alles ist abgemacht!" rief dieser lachendund ich kann mich empfehlen."