Ausgabe 
16.5.1893
 
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Nntevhaltttngsblatt zuin Gietzsnev Anzeiger (Genernl-Anzeiger)

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Dienstag, den 16. Mai.

Das große Loos.

Origmal-Novcllc von Leo Werner.

---- (Nachdruck verboten.)

Der Commerzienrath Malten galt in der Residenz als einer der angesehensten und reichsten Männer der bürgerlichen Aristokratie, aber wenn alle diejenigen Leute, welche Malten wegen seines Reichthums, seines geschäftlichen Glücks und seiner bevorzugten Stellung beneideten, genau gewußt hätten, wie trügerisch das Glück des Commerzienraths in Wirklichkeit war, so hätten wohl wenige der Neider in seiner Haut stecken mögen. Wie nicht alle Leute wußten, verdankte Malten sein Vermögen nicht nur den großen Erfolgen seiner Maschinenfabrik, sondern er hatte es vor allen Dingen auch durch glückliche Speculationen und waghalsiges Börsenspiel erworben. Das Glück, auf wel­ches Malten so lange gebaut, hatte ihn aber im letzten halben Jahre bei seinen Speculationen gänzlich verlasien, Unsummen hatte er verloren, ja, sein ganzer Credit wäre vernichtet ge­wesen, wenn ein namhafter Vertreter der Geschäftswelt eine Ahnung davon gehabt hätte, wie groß die Verluste des Com- merzienraths Malten während der letzten sechs Monate gewesen waren. Derartige Erfahrungen konnten natürlich den einst vom Glücke so sehr verwöhnten Commerzienrath im Herzen nicht froh und zuversichtlich stimmen. Zwar der Welt gegen­über und auch meistens in seiner Umgebung beherrschte er sich vollständig, und zeigte wie immer sein stolzes Antlitz mit dem überlegenen Lächeln, aber im Herzen des Commerzienraths sah es wüst und öde aus.

Wenn Malten allein in seinem Privatcontor war oder ohne Begleitung sich in feinem schönen Garten befand, und den ungeheuer» Vermögensverlust der letzten Monate über­schaute, da rieselte es ihm eiskalt durch die Adern und seine Hände ballten sich krampfhaft. Doch Malten war ein viel zu kluger Mensch und gewiegter Geschäftmann, um sich trotz des furchtbaren Schlages, der sein Vermögen betroffen, ganz der Verzweifelung hinzugeben. Er wußte, daß es nicht außerhalb des Bereiches der Wahrscheinlichkeit war, daß ihm doch noch manche neue Speculation gelingen könne, und er glaubte noch an sein künftiges Glück, denn er war charakterfest genug, um den Kopf nicht zu verlieren und durch Rathlosigkeit seinen voll­ständigen Ruin herbeizuführen.

Mancherlei Möglichkeiten boten sich ihm dar, in kurzer Zeit fein Vermögen oder seinen Credit zu vermehren. Maltens einziger, sehr tüchtiger Sohn Ludwig, der ein ausgezeichneter Maschinen-Jngenieur vom Fach des Vaters war, gedachte sich demnächst öffentlich mit der einzigen Tochter des begüterten

Bergwerksbesttzers Matthias Hülseman zu verloben. Diese Verlobung war eigentlich eine schon längst abgemachte und auch in den Freundeskreisen der Famllien Malten und Hülsemann bekannte Angelegenheit, und man hatte den Tag der officiellen Bekanntmachung der Verlobung nur deßhalb um ein halbes Jahr hinausgeschoben, weil Frau Hülsemann, die innig geliebte Mutter der Braut, plötzlich an einem Herzschlage verstorben war, und man erst die Zeit des größten Schmerzes und der tiefsten Trauer im Hülfemann'fchen Haufe verfließen lassen wollte, ehe man das freudige Ereigniß aller Welt verkündigte.

Ohne eine bedeutende Mitgift würde natürlicher Weife Herr Hülsemann seine einzige Tochter auch nicht als junge Frau in das Malten'schei Haus einziehen lassen, das war klar. Dann boten sich aber dem Malten'schen Geschäfte durch die neue bevorstehende Familienverbindung auch noch weitere Vor­theile, denn die Malten'sche Maschinenfabrik war eine bedeutende Abnehmerin der Kohlen des Hülfemann'fchen Bergwerkes.

Der Commerzienrath Malten hatte ferner mit gewohntem Scharfblick ein für Dampfkesselanlagen werthvolles Patent von einem englischen Ingenieur erworben, und konnte damit vielleicht Hunderttausende verdienen. Auch hoffte Malten noch immer darauf, daß die Actien eines Gußstahlwerkes, in denen er hauptsächlich große Summen engaairt hatte, doch allmälich wieder steigen würden, und schließlich dachte er auch sein sonst sprichwörtliches Glück mehr als er sonst gewohnt war in der Landeslotterie zu versuchen.

Bei dem ihm befreundeten Banquier und Hauptcollecteur Buchhold hatte Malten gestern drei Vollloose bestellt, und heute Vormittag, als der Commerzienrath vor seinem Gange in die Maschinenfabrik noch bei dem Frühstück und hinter den Zei­tungen saß, meldete der Diener die Ankunft des Herrn Buch­hold selbst.

Ueberrascht erhob sich Malten vom Sopha, um den selt­samen Gast zu begrüßen.

Guten Morgen, lieber Herr Commerzienrath", rief der eintretende Banquier lebhaft.Wollte mich nur einmal nach Ihrem Befinden erkundigen, wir sahen uns, wenn ich nicht irre, seit zwei Monaten nicht. Bringe Ihnen auch gleich selbst die bestellten drei Loose. Es sind lauter Glücksnummern, ich kann sie Ihnen wirklich empfehlen."

Besten Dank für Ihre Freundlichkeit," erwiderte Malten in jovialem Tone.Wir werden ja bald sehen, was an den drei Glücksnummern ist.

Nun, alle drei können freilich nicht das große Loos ge­winnen, aber vielleicht gewinnt es eine von den drei Nummern. Bei Ihrem sprichwörtlichem Glück ist kein Ding unmöglich," schloß der Banquier.