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Tage schon miteinander auskommen. Fahren Sie bald nach der Stadt zurück, Herr Steindorf?"
Er blickte nach der Uhr.
„Ich werde mich von hier aus direct nach der nächsten Eisenbahn-Station fahren kaffen," erwiderte er, „habe, wie ich sehe, keine Zeit mehr zu verlieren. Falls Sie noch heute nach der Stadt zurück wollen, könnten Sie meinen Wagen benutzen, Tante Hanna! — Oder wird Fräulein Holten sich das nicht nehmen laffen?"
„Schicken Sie uns nur Ihren Wagen, Herr Steindorf!" entschied Hanna, „da derselbe doch sonst leer zurückfahren müßte."
Herr Julius verbeugte sich zustimmend und nahm von den Damen, sowie von seinem Töchterchen Abschied. Ec wußte es einzurichten, mit Lotta noch einige Minuten allein zu sein, um ihr ein zärtliches Lebewohl und einige Verhaltungsmaßregeln zuzuflüstern, worauf der Wagen vorfuhr und bald mit ihm davon rollte.
Lotta sah demselben regungslos nach. War es Comödie oder wirkliche Betrübniß, was ihre Wangen plötzlich erbleichen ließ und ihr große Thränen auspreßte?
„Kommt Papa gewiß wieder?" fragte sie, sich langsam zu der verwunderten Armgard umwendend.
„Weshalb sollte er nicht wiederkehren, Kind?" rief Jene erschrocken. „Wie kommst Du überhaupt auf diesen Gedanken?"
„Ich weiß nicht, es war mir auf einmal, als sähe ich den guten Papa nie, nie wieder. Das wäre schrecklich!"
Armgard führte die Kleine in's Haus, wo Tante Hanna sich kopfschüttelnd zu ihr gesellte und ihre geheimen skeptischen Gedanken darüber hatte.
„Ist das Wahrheit?" fragte sie sich. „Ist eilte solche Comödie bei einem siebenjährigen Kinde denkbar?"
Lotta setzte sich in einen Winkel, theilnahmslos vor sich hinstarrend. Alle Bemühungen, sie hervorzulocken/ blieben vergeblich und rathlos standen die beiden Frauen wie vor einem Räthsel.
Als der Wagen von der Station zurückkehrte, um sich zu Tante Hannas Verfügung zu stellen, war Lotta bereits zu Bett gebracht, da sie sich in Krämpfen wand und wahrhaft erschreckende Thränen-Ausbrüche bekam. Der Kutscher erhielt die Weisung, nach Hause zu fahren und dort einen Brief an den Arzt, welcher seit Jahren Armgards Vertrauen und die Gutspraxis besaß, sogleich zu besorgen.
„So," murrte Tante Hanna, „nun hat Herr Julius Steindorf doch seinen Willen durchgesetzt. Er scheint die alte Zaubermacht noch immer zu besitzen."
„Aber, Tante Hanna," rief Armgard beinahe entrüstet, „Sie glauben doch nicht etwa, daß wir es mit einer kleinen Simultantin zu thun haben?"
„Mein liebes Kind," versetzte Hanna sehr ernst, „was ich glaube oder nicht, kommt gar nicht mehr in Betracht der That- sache gegenüber, daß Herr Steindorf trotz alledem und alledem seinen Zweck erreicht hat. Nur mit dieser schwerwiegenden Thatsache haben wir jetzt zu rechnen. Sie haben das Kind dieses Mannes, welcher Sie einst so tief beleidigt und sich nicht entblödet hat, noch heute Ihre Liebe für ihn als unzweifelhaft hinzustellen, wie man zu sagen pflegt, am Halse. Wissen Sie, was dies für Herrn Julius und was es der Welt gegenüber für Sie bedeutet, liebe Armgard?"
Diese schwieg einen Augenblick. Dann aber richtete sie sich stolz auf und antwortete mit fester Stimme: „Was jener Herr denkt und deutet, kann mir persönlich sehr gleich sein, Tante Hanna! — Für mich bedeutet die Geschichte nichts weiter, als ein wenig Samariterthum gegen ein fremdes krankes Kind, weshalb das Urtheil der Welt mir hier ganz gleichgiltig sein kann."
„Dann bin ich beruhigt," sprach Hanna mit einem tiefen Athemzug, „und kann leichten Herzens nach Hause reisen."
„Nein, Tante Hanna, ich lasse Sie nicht fort," rief Armgard bittend, „Sie versäumen zu Hause nichts und könnten mir hier die sicherste Mauer gegen jede üble Nachrede bilden. Wenn Sie zum Exempel die Pflege der Kleinen übernehmen —"
Hanna sah sie forschend an und nickte dann recht nachdenklich.
„Gut, es wird wohl das Beste sein, das Kind, wie ich beabsichtigt, auch hier unter meine Flügel zu nehmen. Möchte aber doch erst mal heimkehren, um mein Haus zu bestellen. Ich könnte mit dem Doctor zurückfahren —"
„Und ich lasse Sie morgen Vormittag wieder abholen, Tante Hanna!" fiel Armgard sichtlich erleichtert ein.
Der Arzt kam erst spät Abends, da er einen Pfingst« Ausflug mit seiner Familie gemacht hatte. Er hatte einige Medikamente mitgebracht, welche Lotta mit Widerstreben nahm und dabei fortwährend nach ihrem Papa jammerte, wobei sie Armgards Hand krampfhaft festhielt und sie anflehte, bei ihr bleiben zu dürfen, da sie lieber sterben, als mit der unfreund« lichen alten Tante wegreifen wolle.
„Ein nettes kleines Pflänzchen," brummte der Doctor, nachdem er Alles erfahren, „komme selbst wie Tante Hanna auf den Gedanken, daß wtr's mit einer Simulantin zu thun haben. Na ja, Herr Julius war als junger Mann auch nicht ohne, erinnere mich seiner ganz wohl. Hätten noch einige Monate fortbleiben sollen, Fräulein Holten, zum Henker, Eden- Heim wäre noch nicht zu Grunde gegangen."
Armgard erröthete und verließ dann schweigend das Zimmer.
„Er hat sie ja am Rhein getroffen," sprach Hanna leise, „und ist, als sie vor seiner Annäherung geflohen, ihr hierher gefolgt. Der Elende legt es darauf an, sie in sein Netz zu locken."
„Um ihr Vermögen zu erhalten, natürlich. Hoffentlich wird die alte Liebe hinreichend eingerostet sein und ihr Stolz dem Abenteurer die Rechnung durchkreuzen, denn sonst —"
Der Doctor stockte und blickte besorgt in Hannas nachdenkliches Gesicht.
„Freilich, freilich," murmelte der Arzt, „sie ist ja ein Frauenzimmer, von welchem man nun einmal jede Dummheit erwarten kann, unberechenbar wie ein Apriltag. Dieser Stein- darf hat eine gute Verbündete in seinem Töchterlein, das, wie ich fürchte, nach genauer Instruction schon zu handeln versteht. — Sie sollten hier bleiben, Tante Hanna!"
„Kehre morgen schon wieder hierher zurück, Herr Doctor I — Fräulein Holten hat mich bereits darum ersucht."
Der Doctor stieß einen langgezogenen Pfiff aus und lachte dann spöttisch auf.
„Dachte es mir," brummte er, „Eine ist wie die Andere, eine hübsche. Fratze wirft alle Grundsätze über'« Haufen."^
„Sie sind boshaft, Doctor!" sprach Hanna unwillig. „Verurtheilen Sie nicht zu früh. Was kann sie dafür, daß dieses Kind plötzlich krank wird? Ich bleibe hier, um dem Gerede der Menschen die Spitze abzubrechen und die Kleine zu pflegen. Ob diese mich nun um sich haben mag oder nicht, sie bleibt in meiner alleinigen Obhut, darüber können Sie und die übrigen guten Freunde sich beruhigen."
„Recht so, Tante Hanna!" erwiderte der Doctor zufrieden. „Die Geschichte ist so verdammt schlau eingefädelt, daß die guten Freunde, sie mögen wollen oder nicht, ein Haar darin finden müssen. Der Kerl hatte stets Routine in solchen Dingen, hat in Amerika aber sein Talent zur Blüthe gebracht und den Goldfisch im ersten Anlauf schon im Netze, wenigstens vor der Welt schon zur Stiefmutter seines talentvollen Töchterchens gezwungen. Das macht ihm so leicht Keiner nach. Uebrigens, Tantchen," setzte er leiser hinzu, „wüßte ich eine Karte, um sein Spiel zu übertrumpfen. Fräulein Armgard müßte auf der Stelle wieder verreisen."
„Das hieße Furcht zeigen, kluger Doctor, und das Spiel aus der Hand geben," bemerkte Hanna ruhig. „Hier packen Sie Ihre Recepte nur ein und vertrauen Sie dem weiblichen Stolz, der nicht so leichtfertig in die Brüche geht, wie Sie glauben."
In diesem Augenblick erschien Armgard wieder mit einem offenen Briefchen in der Hand.
„Von Herrn Steindorf," sagte sie, „er hat diese Zeilen einem Freunde, den er auf einer Zwischenstation getroffen und


