Ausgabe 
16.3.1893
 
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AntevhMtrrirgSblatt sum Gietzenev 2lnzeigev (Gensval-2lnzeigev)

Nr. 32

1883

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Donnerstag, den 16. März.

Tante Hannas Geheimniß.

Original-Roman von E. v. Linden.

(Fortsetzung).

Als Armgard in die Laube trat, sah sie zu ihrem grenzen­losen Erstaunen sich Herrn Julius Steindorf gegenüber, der ganz behaglich am Tische Platz genommen halte. Er hatte eine ihrer seltensten Rosen im Knopfloch und plauderte mit feinem Töchterchen, da« ihm von dem schönen Hause der Tante Armgard nicht genug zu erzählen wußte.

. Ich ging so lange in Ihrem schönen Park umher, bi« sich Ihr Besuch empfohlen," nahm er sogleich das Wort,und muß gestehen, daß sich Ihr Besitz seit meiner Abwesenheit er­staunlich verschönert hat, meine Gnädige! Ich weiß in der That nicht, was ich mehr bewundern soll, Ihren Geschmack selbst in landschaftlichen Anordnungen oder Ihren praktischen Verstand."

Bedaure, Ihre Bewunderung ablehnen zu müssen, Herr Steindorf!" erwiderte Armgard mit kühler Zurückhaltung. Mein Gärtner und meine Verwalter verdienen dieselbe, nicht ich. Schade, daß Sie nicht hier blieben," setzte sie, sich an Tante Hannas Sette niederlassend, ruhig hinzu, «ein Deutscher aus Amerika war mit Herrn Marbach von Rotenhof hier. Vielleicht hätten Sie ihm über einen gewissen Herrn Prien aus Chicago berichten können."

Sie sah ihn bei diesen Worten fragend an. Er zuckte lächelnd die Schultern.

Damit hätte ich ihm leider nicht dienen können, meine Gnädige! Man kann unmöglich jeden Deutschen in Amerika kennen, obwohl ich mich dort einer ausgebreiteten Bekanntschaft rühmen darf. Ein Mann dieses Namens ist mir übrigens drüben auch niemals begegnet. Wie nennt sich Herr Marbachs Freund?"

Warneck."

Ist mir ebenfalls unbekannt, auch bedaure ich's deshalb nicht, seine Bekanntschaft verscherzt zu haben, da man in der Regel drüben sich als Deutsch-Amerikaner aus dem Wege geht. Apropos, mein gnädiges Fräulein I" fuhr er nach einer kleinen Pause fort.Ich möchte mir eine recht große Bitte erlau­ben. Darf ich dieselbe aussprechen?"

Weshalb nicht?"

Ganz recht, weshalb sollte einem alten Freunde eine Bitte verwehrt sein?" sagte Steindorf lächelnd.Ich empfing ein Telegramm, das mich noch heute zu einer wichtigen Ge­schäftsreise nach der Hauptstadt zwingt. Dieselbe dürfte acht

Tage in Anspruch nehmen. Wollen Sie meine Lotta so lange in Ihrer Obhut behalten, mein gnädiges Fräulein? Ich fuhr mit dem Gedanken daran hierher und hoffte fest auf Ihre mir nur zu wohl bekannte Liebenswürdigkeit."

Er blickte sie bittend an, bei den letzten Worten einen Seufzer unterdrückend.

O, ich will gewiß artig sein, Tante Armgard, sehr artig!" schmeichelte Lotta, sich durch einen fragenden Blick mit ihrem Vater verständigend und sich dann wieder zärtlich an sie schmiegend.

Armgard antwortete nicht, sondern warf einen fast flehen­den Blick auf Tante Hanna, welche auch sofort das Wort nahm.

Das geht nicht, Herr Steindorf!" sagte sie fest.Be­greife nicht, wie Sie Fräulein Holten so etwas zumuthen können. Wir leben hier nicht nach amerikanischem Muster, sondern nach alter deutscher Sitte, welche es einer jungen un- verheiratheten Dame verbietet, das Kind eines Wittwers, wenn auch nur zeitweise, als ihr eigenes bei sich aufzunehmen."

Ist das auch Ihre Meinung, meine Gnädige?" wandte sich Steindorf achselzuckend an Atmgard.Sollte meine Bitte an kleinlicher Prüderie scheitern? Das glaube ich nicht, da mein Maßstab für echte Frauenwürde sonst bedenklich zusammen- schrumpfen würde."

Bedaure, trotz alledem die Meinung meiner Freundin theilen zu müssen," erwiderte Armgard mit einem leisen Beben in der Stimme,ich bin nicht emancipirt genug, um mich über das Urtheil der Welt erheben zu können, wenn diese Welt auch eine sehr beschränkte ist. Mein guter Ruf ist mein kost­barstes Kleinod, derselbe würde an Reinheit einbüßen, falls ich Ihrer an und für sich ganz harmlosen und ungefährlichen Bitte nachgeben würde."

Wenn es Ihnen recht ist, Herr Steindorf," nahm Tante Hanna wieder das Wort,dann vertrauen Sie mir Ihre Kleine an, obgleich sie keine sonderliche Vorliebe für mich offen­bart. Mein Alter schützt vor jeglicher Nachrede."

Sie kommen meiner Bitte zuvor, welche ich nicht an Sie zu richten wagte," rief Steindorf, seinen Aerger mit einer ge­rührten Maske verdeckend.Ich danke Ihnen, Tante HannaI Lotta, bitte die liebe Tante um Vergebung, falls sie Ur­sache haben sollte, sich über Dich zu beklagen."

Das schien Lotta allerdings sehr schwer anzukommen, doch fügte sie sich gehorsam dem Gebot, was Tante Hanna als ihren größten Vorzug anerkannte, da sie das Kind für feine Dressur nicht verantworüich machte.

Lotta wollte sich ihrer Aufgabe theatralisch entledigen, doch Hanna schnitt ihr das Wort ab, streichelte ihre Wange und sagte ruhig:Laß gut sein, Kind, wir werden die acht