Ausgabe 
16.2.1893
 
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Hierfür giebt es nur ein Mittel. Strengste Aufsicht durch die Polizeibehörden und für Schulpflichtige durch die Schulbe­hörden. Aber die Polizei erfährt leider nicht alles, steht schließlich den Ausschreitungen jugendlicher Frevler ziemlich machtlos gegenüber und muß die erforderliche Bestrafung der Schule zuweisen. Daß aber von jeher seitens solcher Eltern, die entweder nicht die Kraft oder auch die Lust haben, ihren Kindern eine gedeihliche Erziehung zu geben, obendrein noch die Schuld auf den Lehrer bezw. auf die Schule geschoben wird, ist wohl allgemein bekannt. Und wehe dem Lehrer, der einmal einem argen Früchtchen das Fell ordentlich gegerbt hat I Da kommen Vater und Mutter gerannt undstecken" es dem Gerbermeister" in schönster Form. Warum hat er sich aber auch an dem Früchtchen vergriffen! Eines aber bedenken viele und besonders jene Leute nicht, daß die Schule nicht nur die Aufgabe hat, Kenntniffe zu vertheilen, sondern daß ihr Zweck auch darin besteht, Erziehung und Disciplin zu verbreiten, und daß dies ohne Beistand der Eltern, der Behörden und des ge­jammten Publikums kaum erfüllt werden kann.

Mittel und Wege nun, der Verrohung der Jugend ent­gegen zu arbeiten, sind schon viele genannt worden. Man hat die Gründung von Vereinen vorgeschlagen, die, aus Männern und Frauen bestehend, ihren Mitgliedern die Pflicht auferlegen, den auf offener Straße vorkommenden Unarten, Rohheiten und Sittenlosigkeiten der Kinder bezw. der Jugend überhaupt, durch Wort und That entgegen zu treten und nöthigenfalls bei der Polizei, den Eltern oder Lehrern Anzeige zu erstatten.

Das klingt wohl sehr schön, und kleine Erfolge werden nicht ausbleiben. Wie aber jetzt die Dinge stehen, werden Ver­weise Erwachsener meist nur mit Hohnlachen und Spott ausge­nommen, sobald Derjenige, der die Rüge ertheilt, nicht durch Körperstärke oder sociale Stellung imponiert. Frauen können es heutzutage kaum wagen, dergleichen Rohheiten entgegen zu treten. Setzen sich diese doch der Gefahr aus, mit unflätige« Reden bedient zu werden, und Stein- oder Schneeballwürfe sind noch nicht das Aergste. In den Dunkelstunden aber sind die Frauen ganz besonders allen möglichen Insulten der ver­wahrlosten Jugend ausgesetzt.

Anders ist es bei den Männern. Gerade sie sollten bei solchen Vorgängen nicht theilnahmslos vorüber gehen und die Bürschchen in ihre Schranken zurückweisen. Hilft das nichts, dann kann den Eltern Anzeige gemacht werden. Schlägt end­lich auch dies nicht an, nun so bleibt noch immer Meldung des Vorgekommenen an die Lehrer und schließlich an die Polizei­behörde übrig. Zu dem letzteren Mittel aber soll nur bei ganz schlimmen Fällen oder im Wiederholungsfälle geschritten werden.

Hat nun einVerein gegen Verrohung der Jugend" ein Register über die Namen und Adreffen der Widerspenstigen, so hat er auch die Mittel, manches zu beffern. Es können solche rohe Buben dann z. B. bestraft und in Aussicht darauf gebessert werden, wenn sie erfahren und erleben, daß solch rohes Betragen ausschließt von der Theilnahme an Schulfesten und Prämien, an öffentlichen Schulaufzügen, an Weihnachts- bescheerungen und dergl. Den Hieb eines Vorübergehenden, ja selbst eine gehörige Tracht Prügel gönnen manche Eltern ihren rohen Bengels recht wohl und sehen darin vielleicht ein Straf- und Heilmittel für sie, das sie selbst der Sorge enthebt, ihnen selbst fernerweit aufzupaffen. Manche Eltern aber stimmen mit ein in das Geheul ihres auf frischer That bestraften Herrn Jungen" und der Strafer muß ohnehin für seine gute That ehrverletzende Reben einstecken, wenn er nicht gar von einem für das angeblich leibliche Wohl seines ungezogenen Sprößlings zu sehr besorgten Vaters wegen thätlicher Beleidig­ung dem Strafrichter zur Anzeige gebracht wird.

Wie aber schon die Schuljugend gegenwärtig arg verroht ist, so ist dies in noch größerem Maße mit den Lehrlingen der Fall. Deren Rohheit und Trägheit übersteigt mitunter alle Begriffe. Niederträchtige Streiche, wie absichtliche Zerstörung der Werkzeuge u. s. w., zeigen die Richtung der Sinnesart dieser kaum der Schule entwachsenen Rüpel an. In den Abend­

stunden treiben sie sich alsdann, Cigarren rauchend, mit halb­wüchsigen Mädchen Unfug treibend, in den entlegensten Theilen der Promenaden umher.

Wir fragen nun: Was soll daraus werden und was folgt aus solchen trüben Erfahrungen?

Das Beste kann natürlich nur gethan werden durch Heb­ung der allgemeinen Sittlichkeit und Gottesfurcht, und wo heutzutage Schule und Kirche nicht mehr ausreichen, müssen Volksbildungsvereine sie zu unterstützen suchen. Nicht darin liegt deren Hauptaufgabe, einzelne wiffenschaftliche Themen zu behandeln und eine falsch verstandene Ausklärung unter den Männern zu vertreten, sondern darin, Männer und Frauen immer wieder daran zu mahnen, daß es nur dann in der Welt besser werden kann, wenn jeder Einzelne an sich arbeitet und über sich und seine Umgebung wacht, und daß jeder Mensch erst Pflichten zu erfüllen hat, ehe er daran denken kann, ein Recht auf Genuß und Freiheit zu haben.

Anderntheils aber ist es auch eine weitere gebieterische Pflicht, sich der Lehrlinge überall anzunehmen, zu sorgen für die Wahl guter Lehrmeister, für Abfassung richtiger Lehrver­träge, für Veranstaltung von Unterhaltungsabenden für Lehrlinge. Hier müssen Innungen und Ortsvereine helfend eingreifen. Um alles in der Welt aber lasse man sich durch einige Mißerfolge nicht abschrecken. Sicher fallen auch einige Körnchen auf guten Boden, und steiniger Acker läßt sich in ertragsfähiges Land umgestalten.

Wer Ohren hat zu hören, der hörel

Egon W.

Vermischtes.

Jdeen-Association. Richter (in den Acten blät­ternd):Sie sind schon vorbestraft wegen . . . wegen . . . wie heißen Sie?" Angeklagte:Eva ..." Richter (unterbrechend):Ach ja, ich weiß, Sie sind bestraft wegen Obstdiebstahls!"

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Er kennt sie! Hausfrau (zum neuen Dienstmädchen): Also Ausgangtag haben Sie alle vierzehn Tage!" Mann: Na, Du thust ja, als ob das Mädchen eine halbe Ewigkeit bei uns bleiben sollte!" *

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Feldwebel:Schmalzmeier, wenn Sie nicht gleich Ihr Maul zumachen, dann laff' ich zur Straf' die Compagnie an halben Tag d'rinn 'rummarschiren I"

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Nach dem Essen. Gast (in einem vornehmen Hotel): Kellner, zahlen!" Kellner:Für Suppe 45, ein Fleisch garnirt 1.50, eine Omelette 2.30, Wein 3.80 . . . Bitte, was haben Sie noch?" Gast (dumpf):Hunger!"

Reinlichkeit.Hier, diesen Brief bringen Sie fort, Johann; aber waschen Sie sich erst die Hände, sonst müssen Sie auf der Post noch Ueberporto bezahlen!"

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Au! Schuster:Sie wünschen ein Paar Stiefel, viel­leicht gefallen Ihnen diese Zugstiefel?" Kunde:Wo denken Sie hin? Zugstiefel bei meinem Rheumatismus!"

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Der gute Jagdherr. Alter Wilderer (zu einem Collegen):Unser Herr Graf ist doch ein seelenguter Mann. Jetzt, wo einem der ewige Wildbraten zum Hals 'raus wächst, setzt er Fasanen aus. Gibt's doch endlich einmal eine Ab­wechselung im Küchenzettel!"

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In der Neujahrsnacht. Student (bezecht):Herr Gendarm,können Sie mir zu meinem Schlüssel nicht die papassende Wohnung suchen?"

Redaction: A. Schcyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.