Ausgabe 
16.2.1893
 
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bis der

auf.

bedächtig; die Dienstmädchen schluchzten, eine weibliche Stimme schrie laut, wie in unstillbarem Jammer.

Das war Adele; Ruth hörte es und schauderte.

Ihre Todfeindin!

Was soll aus unserer Jugend werden?

(Nachdruck verboten.)

. Wer hätte wohl nicht schon sogenannte altkluge, zehn, bis merzehniährlge Bengels beobachtet, wie sie mit herausfordern, den Blicken auf weniger belebten Straßen und Plätzen an den Erwachsenen vorübergehen und Cigarre oder Pfeife rauchen? Wer wäre wohl nicht schon einmal Zeuge gewesen, daß halb, wüchsige Burschen öffentliches und Privateigenthum beschmutzen und verhetzen? Schreiber dieses hat ost Gelegenheit gehabt, zu beobachten, daß ein Theil des erwachsenen Publikums sich über derartige Fläzereien noch freute, der geringere Theil achfel. zuckend vorübergeht, selten aber jemand jene Bengels zur Rede setzt. Woran mag dies wohl liegen? Nun, mit kurzen Worten: an der Erziehung. Unsere Jugend wird, namentlich in Städten, viel zu wenig beaufsichtigt und geräth, meist sich selbst über­lassen, in den freien Stunden in böse Gesellschaft und mit dieser auf schlechte Wege. Besonders in den Großstädten wirkt der Besuch der Tingeltangel von eben der Schule entwachsenen Burschen und Mädchen höchst verderblich.

Jetzt trug man die arme Cäcilie hinaus, plumpe Hände hatten den Körper berührt Ruth glaubte, daß sie sterben müsse vor bitterem, furchtbarem Weh.

In ihrer Tasche knisterte das Briefblatt mit den wenigen Worten von der Hand der Todten das wollte sie Erich Wolfram anvertrauen! Immer, wenn es galt, sich aus irgend einem Grunde recht fest und sicher anzulehnen, um des Schutzes ganz gewiß zu fein, dann hatte sie ja an ihn gedacht.

Die Männer mit dem grünverhangenen Korbe waren jetzt zur Hausthür gelangt und Hans Adam verabschiedete an Treppe die Gerichtspersonen.

Es sollte also keine Verhaftung erfolgen. Ruth athmete Wenigstens das Aergste blieb ihr erspart-

Sie horchte, ob der Baron zu ihr schicken würde?

Rach einer Viertelstunde kam ein Dienstmädchen und brachte ihr einige Zeilen von Adams Hand.Schlafe, Ruth," schrieb er,suche Deine Kräfte wieder herzustellen. Ich habe für meine sämmtlichen Hausgenossen die Bürgschaft übernommen Niemand von uns darf sich aus dem Schlosse entfernen, dafür hat aber auch vorläufig keine Verhaftung stattgefunden. Schlafe, Ruth, ich ordne das Alles."

Die Hand mit dem Papier sank müde herab; Ruth schau, bette.Ja schlafen, schlafen wer es nur könnte!"

I r,,k Adele sah ihm, während er sprach, unverwandt in's Ge- sicht.Und Fräulein Aßmann?" fragte sie.

. "e^^etin bleibt unter dem Schutze ihrer Tante selbstverständllch hier. Aber auch Ihnen, Fräulein Malten, will ich sehr gern für einige Wochen oder Monate das Gast- recht meines Hauses anbieten. Suchen Sie in aller Ruhe eine convenirende Stellung und bleiben Sie auf Moldt, bis diese gefunden ist."

Zusammen mit Fräulein Aßmann?" rief ste im Tone unterdrückter Leidenschaft.Niemals!"

Dann bedauere ich lebhaft. Die Schwester meiner armen Frau steht mir.natürlich näher als eine Fremde, selbst wenn diese die Gunst und das Wohlwollen der Verstorbenen m so hohem Maße besessen hätte, wie eben Sie, mein Fräu- lern. Das muß Ihnen begreiflich sein."

Adele neigte den Kopf.Unter Verhältnissen, wie die, welche hier thatsächlich vorliegen, Herr Baron?"

Jetzt lächelte er, aber so eiskalt, daß sie das vorschnelle Wort bereute.Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Malten."

«Dann kann füglich unsere Unterredung als beendet gelten.

Ich verlasse morgen das Schloß."

Hans Adam verbeugte sich kühl.Es thut mir leid, das nicht gestatten zu können, mein Fräulein. Bis auf Weiteres darf Niemand von hier fortgehen, also auch Sie nicht."

In den Augen der Gesellschafterin blitzte es plötzlich auf. ! «Eines etwaigen Zeugnisses wegen?" rief sie.

»Ja. Eines eidlichen Zeugnisses wegen."

Sie wich zurück wie unter der Androhung eines Schlages. ®ut! Gut!" murmelte sie fast tonlos.

Er grüßte sehr förmlich und ging aus dem Zimmer, es ihr überlassend, ob sie länger bleiben oder endlich die Ruhe suchen wolle. Adele sah starr auf den Fleck, an dem er ge- standen; sie stützte sich immer noch gegen den Tisch, unfähig, das nervöse Zittern zu beherrschen.

Die Schritte des Barons verhallten auf dem Corridor, er schloß feine Thür und dann wurde Alles still.

Wie geistesabwesend sah Adele vor sich hin. Ihre Ge. danken durchlebten zum tausendsten Male jette Stunde, in der Hans Adam und sie im Kahn auf schaukelnder Fluth allein waren, sein Arm um ihren Nacken geschlungen, sein lächelnder Blick so nahe, nahe dem ihrigen. Damals berauschte der Ton seiner schmeichelnden Stimme ihr Herz, damals glaubte sie ihm heimlich theuer zu fein--und heute---

, ,, Irischen war Cäcilie gestorben und Ruth hatte eine halbe Million geerbt, Ruth, die der Baron bisher wie ein bloßes Kind behandelte, die er vollständig übersah.

Adele schlich fast taumelnd in ihr eigenes Zimmer. Sie warf sich vor dem Bette auf ihre Kniee, um den Kopf in den Kiffen zu verbergen und zu schluchzen wie eine völlig Ver­zweifelte. (Fortsetzung folgt)

Sie wies, als ihr die alte Haushälterin durchaus einige Erfrischungen aufdrängen wollte, Alles zurück, schloß Thüren und Fenster und zog die Decke bis über das Gesicht hinauf. Schlafen! - Schlafen! Wenigstens aber doch nichts sehen und hören."

* *

Es waren einige Stunden später, als der Baron von einem abendlichen Parforceritt aus der Stadt zurückkehrte. Er hatte nicht allein verschiedene Telegramme aufgegeben, sondern auch dem unbezwinglichen Verlangen nach Luft und Bewegung Rechnung getragen. Einen ganzen Tag im Hause zu ver­bringen, nichts Anregendes zu hören und gar noch unangenehme Einzelheiten zu erörtern, das war seiner Natur unmöglich.

Er verabschiedete an der Hausthür den Bedienten und ging die Treppen hinauf, um sich in sein Schlafzimmer zu be- geben, da glänzte ihm aus der zollweit geöffneten Thür des kleinen Salons ein schwacher Lichtschimmer entgegen er blieb stehen und sah in den heute gar nicht benutzten Raum hinein.

Am mittleren Tisch lehnte Adele; sie schien ihn zu er. warten.

®6. war ein böses, hartes Lächeln, das secundenlang die Mundwinkel des Barons umspielte; er schien zu zögern, sich abwenden zu wollen, dann öffnete er vollends die Thür und trat, dieselbe hinter sich in's Schloß ziehend, ein.

»Fräulein Malten? Sie haben nach diesem aufgeregten I Tage die Ruhe noch nicht gesucht?"

Die Gesellschafterin mochte wohl eine andere Anrede et* wartet haben; dunkles Roth überflog ihr Antlitz. Sie trug ein schwarzes Kleid und ebensolchen Ausputz; das einzige Helle an ihr war jenes Medaillon, das, offen zur Schau gestellt, aus den Falten der Spitzenkrause hervorsah.

Herr Baron," sagte sie mit bebender Stimme,darf ich um einige Minuten Gehör Bitten?"

Hans Adam blieb neben ihr stehen, ohne für sich selbst oder sie einen Sessel herbeizuziehen.Bitte, mein Fräulein."

Adele zitterte so stark, daß sie ihre Hand auf die Tisch. ? ?lre wußte.Was haben Sie mit Bezug auf mich beschlossen, Herr Baron? In Ihrem Hause kann ich schwerlich noch länger bleiben?"

boch einige Tage," antwortete er.Ich schickte einer Tante meiner verstorbenen Frau ein Telegramm, infolge dessen sie ohne Zweifel morgen hier eintreffen wird. Damit sind die Forderungen des äußersten Anstandes, wie ich hoffe, erfüllt."