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ging ja erst ganz kürzlich mir selbst ebenso," seufzte er. „Dergleichen Tage sind schrecklich."
Dann wandte er sich zu dem jungen Mädchen. „Sie sehen sehr schlecht aus, Fräulein Aßmann. Sind Sie krank?"
Ruths Lippen bebten so sehr, daß sie kaum sprechen konnte.
„Ich bin vielleicht auch ein wenig krank, Herr Wolfram, aber darauf kommt es nicht an. Man hat mich so furchtbar, so unerhört beleidigt."
Eine Blutwelle trat plötzlich in Erichs Gesicht. „Beleidigt?" wiederholte er. „Wer wagte das?"
„Thorheitl" warf Hans Adam ein.
„Bitte, Fräulein Aßmann, erzählen Sie mir Alles."
Ruth schauderte. „Es handelt sich um Adele Malten," sagte sie. „Die Person möchte mich zur Giftmischerin stempeln, sie bezeichnete mich in Gegenwart des Arztes als die Mörderin meiner Schwester."
„Was?"
Und Wolfram sah von Einem zum Andern. „Das ist doch wohl ganz unmöglich, Hans Adam?"
„Es ist wirklich so, wirklich, Herr Wolframl" rief Ruth, indem sie die gefalteten Hände zu ihrem Vormund emporhob. „O, fügen Sie mir ein gutes Wort, aber ehrlich, ganz aus Herzensgrund, halten Sie mich solcher Abscheulichkeit fähig?"
Er faßte plötzlich ihre gerungenen Hände. „Ruth, welche Frage! Wie kann Ihnen ein solcher Gedanke überhaupt nur beikommen? Und wenn die ganze Welt Sie für schuldig hielte, so wüßte ich doch mit voller Gewißheit, daß auch nicht einmal ein gehässiges Gefühl in Ihrer Seele Raum hätte — um von Tollheiten, wie die eben gehörte, nicht erst zu sprechen."
Ruth weinte heiße Thränen „Ich danke Ihnen, Herr Wolfram," schluchzte sie. „O, ich danke Ihnen tausendfältig."
Erich wandte sich wieder zu dem Schloßherrn. „Du hast der Person natürlich gleich Dein Haus verboten, Hans?" sagte er. „Wo finde ich sie jetzt?"
Der Baron zuckte die Achseln. „Sie ist noch hier, Erich. Dergleichen kann man doch nicht über das Knie brechen. Was wolltest Du denn auch von ihr?"
„Ich will sie zur Rechenschaft ziehen," war die in etwas scharfem Tone gegebene Antwort. „Du wünschest doch sicherlich nicht, daß eine Beleidigung wie diese ungerügt bleiben möge?"
Hans Adam lächelte. „Ereifere Dich nicht, Erich," fagte er äußerst gelasien. „Du meinst es ja gut, das wissen wir, Ruth und ich, aber fei völlig überzeugt, daß die Verteidigung meiner Schwägerin mir sehr am Herzen liegt und daß ich sie ernstlich nicht angreifen lasien würde. Scandale dagegen möchte ich nach Möglichkeit vermeiden, das wirst Du ja begreifen."
Erich zuckte die Achseln. „Richt auf Ruths Kosten, Hans."
„Durchaus nicht, mein Lieber. Aber Fräulein Aßmann und ich sind in allen Stücken so ganz einig, daß Du Dir jedes Echauffement füglich ersparen kannst. Laß uns jetzt übrigens von etwas Anderem, dringend Rothwendigem reden," setzte er dann hinzu. „Du bist ohne Zweifel hierher gekommen, um Deiner Mündel anzuzeigen, daß Dir Leopold AßmannS Nachlaß, ihr Erbe also, durch das Amtsgericht für sie übermittelt worden ist, nicht wahr?"
Es war, als habe eine kalte Hand plötzlich das Gesicht des Gutsherrn von Dornau versteinernd berührt. Er neigte mehr förmlich, al» freundschaftlich den Kopf. „Allerdings," versetzte er. „Diese Anzeige ist zwar nicht nothwendig, aber ich betrachte dieselbe als persönliche Artigkeit."
„Natürlich, natürlich, mein Bester. Wir können also über das Geld jetzt gleich einige unerläßliche Worte sprechen."
Wolfram sandte dem Schloßherrn einen ruhigen, ja kalten Blick. „Es gibt da meines Wissens nichts zu erörtern," versetzte er. „Dar Geld ist in guten Hausposten angelegt und kann bleiben, wo es bisher war."
„Im Großen und Ganzen vielleicht, obgleich ich auch das kaum glaube. Die Kapitalien sollen anstatt der armseligen pier Procent deren fünfzig tragen. Doch davon später. Eine
verhältntßmäßig kleine Summe muß indessen sofort flüssig gemacht werden."
„Ich verstehe Dich nicht, Hans."
„Dann werde ich deutlicher reden. Meine Schwägerin hat mir die Verwaltung ihres gesammten Vermögens, die Verwendung in meinem persönlichen Interesse ausdrücklich übertragen. Ist es nicht so, liebe Ruth?"
Das junge Mädchen weinte noch immer- „Ja, Hans, nimm Alles hin. Ich gebe es Dir mit Freuden."
„Siehst Du, Erich."
Der Gutsherr zuckte die Achseln. „Wenn Fräulein Aßmann mündig geworden ist, kann sie eigene Verfügungen treffen, Hans, aber früher nicht. Das solltest Du wissen, denke ich."
Der Baron wechselte die Farbe. „Natürlich weiß ich es. Aber mit dem Justizrath Gebhardt wird man ja fertig werden, ich war schon bei ihm und habe ihn halb und halb gefügig gemacht. Dann kommt es einzig und allein auf Dich an, Erich! — Und ich sollte meinen, daß Du einem alten Freunde Deinen Beistand nicht versagen werdest. Sechstausend Thaler muß ich haben, ich sage es Dir, ich muß — koste es denn, was es wolle."
Erich blieb durchaus ruhig. „Es ist nicht die rechte Stunde, um über dergleichen Dinge zu verhandeln," sagte er ablenkend. „Wohin begibt sich Fräulein Malten, wenn sie Dein Haus verläßt, Hans?"
„Das weiß ich nicht. Sage mir lieber, ob Du einwilligst, sechstausend Thaler sogleich flüssig zu machen, Erich? Es hängt an der Beantwortung dieser Frage weit mehr, als Du Dir träumen läßt."
Erich reichte seiner Mündel zum Abschiede die Hand. „Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein Aßmann. Seien Sie versichert, daß ich nichts unterlassen werde, was in Ihrem Interesse etwa früher oder später geboten erscheint- Fräulein Malten wird der Verantwortung nicht entgehen."
Dann wandte er sich zu dem Schloßherrn. „Adieu, Hans!"
„Und Deine Antwort, Erich?"
„Die hast Du längst erhalten. Auch zu Gunsten eines Freundes kann ich mit meinem Gewissen keinen Pact abschließen."
„Ach, sollten Deine Gründe in der That so uneigennütziger Natur fein, mein guter Erich?"
„Adieu, Hans, ich bin zu jeder Zeit und an jedem anderen Ort gern bereit, Dir Rede zu stehen, das vergiß nicht."
Noch ein kühler Gruß, dann ging Wolfram fort, obwohl ihn der Baron zurückzuhalten suchte. „Du hättest Dich für mich verwenden können, Ruth," sagte dieser in einem beinahe anklagenden Tone. „Ich muß die sechstausend Thaler nothwendig haben."
„Hans — und daran denkst Du heute?"
Er war im Begriffe, aufzufahren, besann sich aber noch zur rechten Zeit- „Hielt da nicht unten ein Wagen, Ruth?"
„Vielleicht derjenige Wolframs."
„Nein — er kam zu Pferde."
Hans Adam horchte- „Schwere Schütte auf der Treppe," flüsterte er.
Ruth hielt die Hände gefaltet. „Wenn man mich ver- haften will, Hans — muß ich dann nothwendig folgen?"
„Nichts, nichts l" antwortete er. „Geh' fort, Ruth, bleibe in Deinem Zimmer und komm' gar nicht zum Vorschein, hörst Du?"
Sie ging, ohne ihn anzusehen, Frostschauer in allen Adern. Jetzt wollte man Cäciliens Leiche von hier entfernen, .sie wußte es.
Durch die halbverschloffene Thür drangen alle diese Schreckenslaute zu ihren aufgeregten Sinnen. Han» Adam empfing auf dem Corridor mehrere Herren, die ihn dann in sein Arbeitszimmer begleiteten. Wieder wurden die schweren Schritte hörbar, eilige Flüsterworte gingen von Mund zu Mund, man brachte Lichter und öffnete und verschloß verschiedene Thüren.
Zuletzt trugen die Männer eine schwere Last, langsam


