Ausgabe 
15.7.1893
 
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theidiger, der ihm an Geschicklichkeit augenscheinlich so weit überlegen fei, sicherlich geschlagen werden würde. Als er sich dann aber im Laufe der Verhandlung einmal erhob, um in schlichten, doch treffenden und eindringlich wirkenden Worten die immer wiederholten Versuche des Doctor Stirner, den Josef Lechner als den Schuldigen erscheinen zu laffen, zurückzuwetsen, und als er dann auf eine heftige Entgegnung des Vertheidi« gers mit unveränderter Ruhe, aber mit wahrhaft vernichtender Schärfe der Gründe antwortete, da gab es sowohl in den Reihen der Zuhörer wie auf den Bänken der Geschworenen eine nicht geringe Ueberraschung, und man sah dem Ausgang des Dramas mit noch höherer Spannung entgegen als zuvor.

Run hatten auch die gerichtlichen Sachverständigen ihre Gutachten abgegeben. Der Phystkus hatte bekundet, daß der Tod der alten Dame ohne jeden Zweifel durch mehrere kraft­voll geführte Schläge mit einem stumpfen Instrument einem Hammer oder irgend einem anderen eisernen Gegenstand verursacht worden sei; und die Erklärung eines Chemikers, welcher sowohl die Kleidungsstücke des Josef Lechner als die­jenigen des jetzt Angeklagten untersucht hatte, war dahin aus- gefallen, daß er Spuren von Menschenblut weder in dem einen, noch in dem anderen Falle mit Bestimmtheit habe nachweisen können. Die Beweisaufnahme wurde damit geschlossen und nach einer Pause von wenig Minuten, während deren kein Ein­ziger der Zuschauer seinen Platz verließ, ertheilte der Präsident dem Staatsanwalt zur Begründung der Anklage das Wort.

In dem weiten Saale war es todtenstill, als Bernhard Rodewaldt fein Plaidoyer begann. Er sprach nur mit halb­lauter, ruhig und gleichmäßig klingender Stimme, unter Ver» zrcht auf alle theatralischen Wirkungen und in knappen, wort- kargen Sätzen. Aber jeder dieser Sätze war wie ein Keulen- schlag auf das Haupt des Angeklagten, und Diejenigen, welche retzt zu Paul Bergmann hmübersahen, bemerkten wohl, wie sein Kinn immer auf die Brust herabsank und wie das con- vulsivffche Zittern in immer kürzeren Zwischenräumen seinen Körper überlief. Einmal neigte er sich zu dem vor ihm sitzen- den Vertheidiger hinab und flüsterte ihm etwas zu. Es mußte eine Frage gewesen sein, denn Doctor Stirner schüttelte mit zornigem Stirnrunzeln den Kopf und bedeutete ihn durch eine ungeduldige Handbewegung, zu schweigen. Denselben Eifer, den er während des ganzen Tages bewiesen hatte, bekundete der Rechtsanwalt auch jetzt. Mit seinem langen Bleistift machte er sich unaufhörlich Notizen und als der Staatsanwalt feine nahezu einstündige, meisterhafte Rede mit der an die Geschwo­renen gerichteten Aufforderung geschloffen hatte, den Angeklagten des vorbedachten und überlegten Mordes schuldig zu sprechen, da sprang er wie von einer Feder geschnellt empor und wartete kaum auf die vorgeschriebene Ermächtigung von Seiten des Präsidenten ab, um mit seiner Erwiderung zu beginnen.

Nach den Begriffen der großen Menge war er ohne Zweifel ein viel glänzenderer Redner, als der öffentliche An­kläger. Mit großer dialectischer Gewandtheit und mit einem anscheinend unerschöpflichen Vorrath an klangvollen Tiraden trat er für die Unschuld seines Clienten ein, der nach seiner Darstellung das beklagenswerthe Opfer eines unseligen Jrr- thums und eines verhängnißvollen Uebereifers der Anklage- behörde geworden war. Dabei vermied er geflissentlich jedes tiefere Eingehen auf die von dem Staatsanwalt hervorgehobenen Belastungrmomente. Die gefährlichsten derselben ließ er ganz unberührt und was er zur Widerlegung der übrigen vorbrachte, bestand mehr in schwungvollen pathetischen Redensarten, als in logischen und überzeugenden Gegengründen.

Trotzdem war die Wirkung, welche er auf die Geschwo­renen erzielte, unverkennbar eine sehr bedeutende. Er hatte bei Beginn der Sitzung von dem ihm gesetzmäßig zustehenden Ablehnungsrechte mit kluger Berechnung dahin Gebrauch ge­macht, daß die Jury jetzt vorwiegend aus einfachen Leuten von geringerer Bildung zusammengesetzt war, und einem alten Er­fahrungssatze folgend, wandte er sich nun viel mehr an das Gemüth, als an den Verstand dieser schlichten, von dem Gefühl ihrer schweren Verantwortung fast erdrückten Männer. Sein feuriger Appell an die Stimme ihres Herzens, feine immer

wrederholte Versicherung, daß er selber von der Unschuld dieses unglücklichen jungen Mannes so fest überzeugt sei wie von seiner eigenen, konnte nicht ohne Eindruck auf die Geschworenen bleiben, und als er sich zum Schluß mit erhobener Rechten auf den ewigen Richter über den Wolken berief, da gab es im Zu­schauerraum viel hörbares Schluchzen und auf den Bänken der zur folgenschweren Entscheidung berufenen Männer viel nach- denkliche und bewegte Gesichter.

Wäre jetzt der Wahrspruch erfolgt, so würde sich kaum die erforderliche Mehrheit für die Verurtheilung des Angeklag­ten gefunden haben. Aber der Staatsanwalt gab durch eine höfliche Geberde gegen den Präsidenten hin zu erkennen, daß er noch einmal das Wort zu ergreifen wünsche und schon nach dem ersten Satz, den er gesprochen, lag es abermals wie Grabesstille über dem von Menschen dicht erfüllten Raum. Er ahnte auch jetzt nicht die comödiantische Art des Verteidigers nach; aber er folgte seinen Ausführungen Schritt für Schritt, und er widerlegte sie in seiner klaren, schlichten Weise mit geradezu zermalmender Schärfe.

Auch ich wende mich an Ihr Gewissen, meine Herren Geschworenen," schloß er,und auch ich mahne Sie wie der Herr Vertheidiger an die Rechenschaft, welche Sie einem un­bestechlichen und allwissenden Richter dereinst abzulegen haben werden. Wie die Verhältnisse einmal liegen, würde Ihr Ver­biet, das diesen Angeklagten von Verbrechen und Strafe freispricht, fast gleichbedeutend sein mit einer Schuldigerklärung jenes Anderen, der bereits Monate lang schwer genug unter dem furchtbaren Verdacht des Mordes gelitten hat. Und die Verantwortung dafür so meine ich können Sie unmöglich auf sich nehmen. Sie sind nicht berufen und nicht berechtigt, Mitleid zu üben und eine Barmherzigkeit, die int Widerspruch stände mit Ihrer innersten Ueberzeugung, wäre nicht nur eine Feigheit, sondern sie wäre zugleich ein schwerer Verstoß gegen Ihre beschworene Pflicht. Aber ich wende mich nicht nur an Sie, sondern ich wende mich auch an den Angeklagten selbst, der in diesem Augenblick noch die Macht hat, jeden Schatten schimpflichen Verdachts von einem Unschul­digen hinweg zu nehmen und zugleich sein eigenes Schicksal um so viel milder zu gestalten, als ein offenes und reumütiges Bekenntniß es noch zu mildern vermag. Denken Sie an Ihre im Grabe ruhenden Eltern, Bergmann! Denken Sie an die Lehren, die Sie als Kind von den Lippen Ihrer Mutter ver­nommen haben! Werfen Sie die furchtbare Last von Ihrem Herzen und gestehen Sie Ihre Schuld!"

Gerade weil er bis dahin mit wenig erhobener, fast nüch­tern klingender Stimme gesprochen hatte, brachten diese seine letzten Worte einen gewaltigen Eindruck auf alle Hörer hervor. Laut und feierlich waren sie von den Wänden des Saales widerhallt und der tiefe Ernst in dem edel gebildeten Gesicht des Redners hatte ihnen eine noch tiefere Wirkung gegeben.

Ein leises Rauschen und Murmeln ging durch den Raum. Niemand hatte dem jungen Staatsanwalt diese Schlagfertigkeit und die bewunderungswürdige Gabe der Rede zugetraut.

Mit finster zusammengezogenen Brauen stand Doctor Stirner zu einer Erwiderung auf; aber noch ehe das erste Wort über seine Lippen gekommen, klang es über seinen Kopf hinweg dumpf in den Saal hinein:Ich bekenne mich schuldig, meine Herren Richter!"

Leichenfahl, aber straff aufgerichtet und mit hoch erhobe­nem Haupte stand Paul Bergmann an der Schranke der An­klagebank. Seine blutlosen Lippen, die soeben das inhaltschwere Wort gesprochen, waren fest zusammengepreßt und seine Augen, in denen es jetzt wie Fiebergluth brannte, waren unverwandt auf das Gesicht des Staatsanwalts gerichtet.

Ein paar Augenblicke hindurch war es still geblieben; denn das Unerhörte, Unfaßliche des Vorganges schien alle An­wesenden in lähmende Erstarrung gebannt zu haben. Dann aber ging eine mächtige, geräuschvolle Bewegung durch den Saal, jeder der Hörer die Richter selbst mit einbegriffen fühlte das Bedürfniß, seinem Erstaunen, seiner tiefen seeli­schen Erschütterung irgend einen Ausdruck zu geben, und in dieser allgemeinen Erregung, von der nicht ein Einziger aus-