Ausgabe 
15.7.1893
 
Einzelbild herunterladen

- 326

vagabondirenden Schreinergesellen. Wenigstens hatte er an dem Tode der alten Dame ein wesentlich größeres Interesse gehabt, als Jener, da er nach ihrem Ableben der alleinige Erbe ihres gesammten Besitzes war.

Von verschiedenen Seiten war dem Commissar bestätigt worden, daß zwischen der geizigen, als hartherzig und boshaft verschrieenen alten Jungfer und ihrem Neffen Paul Bergmann, ihrem einzigen lebenden Verwandten, schon seit Jahren ein sehr schlechtes Einvernehmen bestanden habe. Der junge Mann, der eine ziemlich bescheidene Stellung als Buchhalter inne hatte, war ein notorischer Verschwender, dessen kärgliches Gehalt kaum den vierten Theil seiner Bedürfnisse zu bestreiten vermochte und der sich darum seit langem in den Händen von Wucherern befand. Einigemal war ihm seine Tante wohl durch größere Geldgeschenke behiflich gewesen; dann aber, als sie die Ueber» zeugung gewonnen, daß er nicht den Willen oder die Kraft be­faß, seine Lebensweise zu ändern, hatte sie ihre Hand von ihm zurückgezogen und alle seine Bittgesuche um weitere Unter­stützungen rundweg abgeschlagen.

Nach meinem Tode mag er Alles haben und er mag das Geld dann meinetwegen zum Fenster hinauswerfen," hatte sie wiederholt zu dem Dienstmädchen, das in alle ihre Angelegen­heiten eingeweiht war, geäußert-Mit ansehen aber will ich es nicht und so lange ich lebe, bekommt er von mir nicht mehr einen Pfennig."

In der That hatte Paul Bergmann, da ein Testament nicht vorhanden war, alsbald nach der Ermordung des alten Fräuleins ungehindert die Erbschaft angetreten und von Allen, die ihn kannten, hatte wohl Keiner an die Aufrichtigkeit des tiefen Schmerzes geglaubt, welchen er bei der Kunde von dem schrecklichen Ereigniß und bei der Beerdigung seiner Tante zu Tage gelegt. Davon, daß er die Ermordete noch wenige Stunden vor ihrem Tode gesprochen, hatte er gegen Niemanden etwas erwähnt, obwohl eine solche Mittheilung unter den ob­waltenden Umständen doch sehr naheliegend gewesen wäre. Ein Zufall erst hatte diese Thatsache zur Kenntniß des Criminal- commiffars gebracht und sein Verdacht gegen Paul Bergmann war rege geworden, als derselbe jenen Besuch mit aller Be­stimmtheit in Abrede gestellt hatte, obwohl zwei glaubwürdige und von einander durchaus unabhängige Zeugen aussagten, daß sie ihn gegen vier Uhr Nachmittags in das Haus hätten eintreten sehen. Das Ergebniß der weiteren Erhebungen war nur danach angethan gewesen, den einmal erwachten Verdacht zu verstärken. Der Commissar hatte festgestellt, daß Paul Bergmann gerade an jenem Tage bedeutende Zahlungsverpflich­tungen zu erfüllen gehabt hätte und daß es ihm an den dazu erforderlichen Mitteln vollständig gefehlt. Die Vermuthung, daß er sich durch die verzweifelte That aus seiner bedrängten Lage zu befreien versucht habe, lag also sehr nahe, und nament­lich der Staatsanwalt mußte schon nach den ersten Meldungen des Commissars einen starken Verdacht gegen den jungen Buch­halter gefaßt haben, da er alsbald seine Verhaftung verfügt hatte.

Auch bei seiner verantwortlichen Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter hatte Paul Bergmann erklärt, seine Tante seit Monaten nicht mehr gesehen zu haben; aber als ihm dann jene Zeugen gegenüber gestellt wurden, die seinen Eintritt in das Haus beobachtet hatten und als vollends ein in dem Wohnzimmer des ermordeten Fräuleins vorgefundenes Taschen­tuch unzweifelhaft als fein Eigenthum recognoscirt wurde, war er doch genöihigt gewesen, seinen Besuch zuzugestehen. Er räumte ein, sich in Verlegenheit befunden und seine Tante um ein Darlehen gebeten zu haben; aber er wies mit Entrüstung den Verdacht von sich ab, als hätte er seine Hand zu einer so fürchterlichen That gegen sie erhoben. Nach seiner Darstellung hatte er sich kaum eine Viertelstunde in der Wohnung auf­gehalten und war im besten Einvernehmen von der alten Dame geschieden, nachdem sie ihm eine größere Summe für einen der nächsten Tage versprochen. Mit dieser letzteren Angabe war nun allerdings das Zeugniß der Zimmervermietherin, bei der Paul Bergmann wohnte, kaum in Einklang zu bringen. Denn diese Frau bekundete, daß ihr Miether an jenem Abend Spuren

großer Aufregung gezeigt habe und bis lange nach Mitternacht wie ein Verzweifelter in seinem Zimmer auf- und niedergestürmt sei- Den Rest der Nacht müsse er dann ebenfalls durchwacht haben, denn sein Bett sei am nächsten Morgen unberührt ge­wesen und er habe ausgesehen wie Jemand, der soeben von einer schweren Krankheit erstanden sei. Auch andere Verdachts­momente hatten sich gefunden und so war nach einer Vorunter­suchung, welche sich über mehrere Monate erstreckt hatte, trotz seines beharrlichen Leugnens und obwohl ein directer Beweis sür seine Schuld nicht erbracht werden konnte, die Anklage nicht gegen Josef Lechner, sondern gegen ihn erhoben worden.

Wie bei allen früheren Vernehmungen war Paul Berg­mann auch bei der heutigen Hauptverhandlung dabei geblieben, daß er unschuldig sei und von der Ermordung seiner Tante zuerst aus einem Extrablatt Kenntniß erhalten habe, das am Morgen nach der That auf den Straßen verkauft worden fei. Eine große Anzahl von Zeugen war vorgerufen worden, und wenn die Aussagen der einen sehr bedenklich für bett Angeklag­ten erschienen, so waren die Bekundungen Anderer wiederum danach angethan, den Glauben an feine Schuld zu erschüttern. Sein Benehmen während dieser für ihn so bedeutsamen und zugleich qualvollen Procedur konnte nur zu seinen Gunsten sprechen. Er folgte den einzelnen Aussagen mit großer Auf­merksamkeit, und wenn er hier und da eine Aeußerung, die ihn schwer belasten konnte, zu berichtigen oder zu entkräften suchte, geschah es jedesmal mit einer ruhigen Bescheidenheit, welche die Geschworenen nothweudig für ihn einnehmen mußte. Er schien der Entscheidung des Gerichtshofes mit zuversichtlichem Vertrauen auf einen für ihn günstigen Ausgang entgegenzusehen und nur die fahle Bläffe seiner Wangen und das nervöse Zittern, welches zuweilen seinen Körper schüttelte, mochten aus­merksamen Beobachtern die Vermuthung nahe legen, daß diese Zuversicht eine erheuchelte fei.

Der Präsident leitete die Verhandlung mit Unparteilich­keit und Ruhe; aber er war doch schon wiederholt genöthigt gewesen, den Vertheidiger des Angeklagten in höflicher Form zurechtzuweifen, wenn derselbe bei dem Bestreben, die Glaub­würdigkeit der Belastungszeugen zu verdächtigen, einen gar zu weit gehenden Eifer an den Tag gelegt hatte. Ueberhaupt konnte sich Paul Bergmann über einen Mangel an Interesse bei seinem Rechtsbeistand wahrlich nicht beklagen. Der lange, schmalschulterige, etwa zweiunddreißigjährige Mann, dem der schwarze Amtstalar in unschönen Falten um die hageren Glieder schlotterte, war von einem Feuer und von einer Beweglichkeit, wie wenn es sich um die Vertheidigung seines eigenen Schick­sals handle. Seine scharfen, grauen Augen hefteten sich durch­dringend auf das Gesicht jedes Zeugen, dessen Worte eine un­günstige Wendung in dem Geschick seines Clienten herbeizuführen drohten, und wenn er sich dann von dem Präsidenten die Er- laubniß erbeten hatte, selbst zu inquitiren, so wußte er diese durch die düstere Majestät des Gerichtssaales ohnedies befangen gemachten Personen mit seinen Kreuz- und Querfragen jedes­mal in die vollste Verwirrung zu treiben.

Schon seit zwei Jahren galt Doctor Julius Stirner für einen her schneidigsten und rücksichtslosesten Rechtsanwälte der Stadt; aber er hatte doch kaum je zuvor so erstaunliche Proben seiner Gewandtheit abgelegt, als gerade bei dieser Verhandlung. Man konnte sich keinen ausfälligeren Gegensatz denken, als den zwischen seinem übereifrigen Benehmen und der vornehmen Ge­lassenheit des Staatsanwalts, der in unerschütterlicher Ruhe hinter seinem Pulte saß und nur selten mit einem kurzen Wort in den Gang der Zeugenvernehmung eingriff. Er mochte noch um einige Jahre jünger sein, als der Vertheidiger, oder sein hübsches, offenes Gesicht, sein dichtes, welliges Haar und seine jugendlich kraftvolle, elastische Gestalt ließen ihn doch wenigstens jünger erscheinen. Er war erst vor Kurzem in das verant­wortliche Amt des öffentlichen Anklägers berufen worden, und das große Publikum hatte bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, sich mit seiner Person zu beschäftigen. In den Reihen der Zuschauer hätte man heute mehr als einmal die flüsternde Be­merkung hören können, daß dieser Staatsanwalt sich seine Auf­gabe eigentlich gar zu leicht mache und daß er von dem Ver-