Ausgabe 
15.6.1893
 
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Satanische Bosheit spiegelte sich in Ernas Zügen, während sie die fünf vierzeiligen Verse überflog. Sie erinnerte sich, wie merkwürdig still die sonst so vorlaute kleine Schwester gestern gewesen. Und Herr von Götz hatte zur selben Zeit dies tolle frivole Gedicht gemacht. Sie hatten sich also ent­zweit! Das konnte aber nur der Fall sein, wenn sie vorher einig gewesen. Und die schlaue Kleine hatte sich nichts merken laffen.

Der grauende Morgen sah Erna vergnügt. Das mokante, überlegene Lächeln, das ihrem Gesicht ein so unangenehm characteristisches Gepräge gab, spielte um ihre Lippen. Die Jungfer mußte ihr den Cacao in ihr Boudoir bringen. Sie leide nach dem gestrigen Trubel an nervösem Kopfweh und bitte, ihr Fehlen am Frühstückstifch zu entschuldigen, ließ sie ihrem Mann sagen. Dann schickte sie den Burschen mit einigen Zeilen für ihre Mama nach der Friedrichstraße und drückte ihr den Wunsch aus, Asta unbedingt zu Tisch bei sich sehen zu müssen; sie habe mit ihrem Mann eine kleine Verdrießlich­keit gehabt und die Gegenwart eines Dritten verhindere ein nochmaliges Daraufzurückkommen am besten.

Es war keine leichte Aufgabe für Frau von Schönholz, Asta zum Ausgehen zu bewegen, aber schließlich brachte sie es durch Bitten und Ueberredung doch dahin, daß sich die Kleine, wenn auch schmollend und verdrossen, zu ihrer Schwester begab.

Es ging heute sehr schweigsam zu beim Mahl. Einer war wortkarger als der Andere. Erna klagte über Kopf­schmerzen, Hans sah übellaunig aus, sprach wenig und wandte sich dann meistens an Asta, die am liebsten den Mund nicht geöffnet hätte, so vollauf war sie von ihrem eigenen Leid in Anspruch genommen.

Man trank gleich nach dem Dessert eine Schale Kaffee und Erna zog sich hierauf mit ihrem Besuch auf ihr Zimmer zurück.

Mach' Dir's bequem, Kleine," schmeichelte sie mit affec- tirtem Wohlwollen und strich ihr dabei glättend mit der Hand über's Haar- Sie schob ihr den Schaukelstuhl zu und placirte ihn geschickt derartig, daß die volle Helligkeit vom Fenster in der Schwester Gesicht fiel. Sie selber nahm auf der Causeuse Platz. Von da aus konnte sie Asta am bequemfien beobachten. Nimm von dem Confect, Liebe," bat sie,Du naschst ja gern ein wenig. Sieh' zu, ob Du etwas nach Deinem Geschmack findest. Die weißen länglichen Stücke haben Ananasfüllung. Bist Du auch noch so müde von gestern, wie ich?"

Diese Müdigkeit hinderte sie jedoch nicht daran, eine lange heiße Philippika über die Schlechtigkeit der Männer loszulassen und Asta dringend an's Herz zu legen, sie solle um Himmels­willen nicht heirathen.

Asta nickte, sich wiegend, geschlossenen Auges zu Allem, was ihre Schwester sagte; ab und zu gähnte sie leicht. Sie hörte kaum hin; sie grübelte immer noch und fand es nicht aus, weshalb der kleine Lieutenant sie durch absichtliches Ueber- sehen gekränkt habe.

Und glaube mir, sie sind Alle so, Alle, ohne Ausnahme," eiferte Erna.Da heirathet man, das Herz voller Illusionen, und hinterdrein hat man die Enttäuschungen. Die Ehe folgt der Brautzeit, wie der Katzenjammer dem Rausch I Ich spreche nicht von meinem Manne allein; er ist nicht besser und nicht schlimmer, als die anderen. Aber nimm zum Beispiel einmal diesen Herrn von Götz! Scheint er nicht der reine Tugend­spiegel? Jeder hält ihn für ein Ideal von Ritterlichkeit und Zartgefühl, und er schreibt Dir Verse, man sollte es nicht in ihm suchen"

Asta hatte im Schaukeln inne gehalten. Mit groß ge­öffneten Augen blickte sie auf die Schwester.Verse macht er?" wiederholte sie lebhaft.

Erna lächelte malitiös; die Kleine war auch zu dumm, sie konnte sich nicht ein Bischen verstellen. Roch hatte sie von Götz kein Gedicht erhalten, sie hätte sonst nicht so freudig er­staunt aufgeschaut; aber gleichgiltig war er ihr nicht, das ver- rieth Astas Erröthen und ihr lebhaftes Mienenspiel zur Ge­nüge.Verse," sprach sie, jede Silbe abwägend,Verse, so unmoralisch wie möglich!"

Das ist nicht wahr!" rief Asta hitzig. Ihr ganze» Innere gerieth in Aufruhr.

Aber, Liebe, ich bitte Dich, weshalb so aufgeregt?" spottete Erna.Unnützes Echauffement ist ein überflüssiger Verbrauch von Kräften und macht vor der Zeit alt. Dich gehen ja die Gedichte gar nichts an! Rur der Curiosität halber will ich Dir eines davon mittheilen. Bei jedem Verse absetzend und ihr Gegenüber mit grausamer Bosheit musternd, las sie ihr des LieutenantsBekenntniß".

Asta saß regungslos da, den Oberkörper weit vorgebeugt, mit beiden Händen die Lehnen des Stuhls fassend, als halte sie gewaltsam an sich, um nicht aufzufahren. Sie sah leichen­blaß aus, aber aus ihren Augen sprach eine unheimliche Lebendigkeit; der bräunliche Schimmer war aus ihnen ver­schwunden, sie funkelten wie die Augen einer Katze, die zum Sprung bereit liegt. Ein Frösteln überrieselte Erna; sie hatte die Empfindung, die Kleine müsse sich im nächsten Augenblick raubthierartig auf sie stürzen.Nun, was meinst Du zu diesem zarten Bekenntniß?" fragte sie, nachdem sie geendet.

Hans hat gesagt, Herr von Götz habe das Gedicht ge­macht," erwiderte Asta tonlos.

Liebe Unschuld, hier, überführe Dich! Siehst Du den Namen auf dem Deckel?" Erna hob das Buch und hielt es ihr entgegen.Ungläubiger Thomas, kennst Du nicht vielleicht feine Handschrift aus der Tanzordnung?" Sie fuhr doch nervös zusammen, als die Kleine nun mit einem Satz bei ihr stand und ihr das Buch aus der Hand riß.

Ein kurzer Blick nach dem Namen auf dem Deckblatt, ein Laut wie ein ersticktes Schluchzen, und Asta wandte sich von der Schwester ab und starrte auf das verhaßte Gedicht.

Erna trat zu ihr, legte zärtlich den Arm um ihre Schulter und flüsterte:Ja, nicht wahr, eine vornehme Seele?--

Aber nun gib mir da« Buch zurück!" Sie griff hastig danach; denn es war ihr plötzlich die Furcht gekommen, die Schwester möchte die ihr gewidmeten Sonetten finden. Bei der Berührung mit Astas Hand schauderte sie.Du hast reine Froschfinger, Kleine, man erschrickt, wenn man Dir zu nahe kommt!"

Asta öffnete die Lippen zu einer Erwiderung, brachte aber keinen Laut hervor.

Erna ging mit zufriedenem Lächeln zum Schreibtisch, das Notizbuch über Seite zu legen. Sie wußte, Asta würde nichts vor ihr voraus haben, sie würde dem kleinen Lieutenant das Gedicht nie verzeihen.

Am Fuß der Riesentreppe des Dogenpalastes standen zwei Damen, die sich augenscheinlich nicht Rath wußten. Ein halbes Dutzend der herumlungernden Führer umdrängten sie und boten ihre Dienste für den Sitz des Dogen an. Im wirren Durch­einander klang schlechtes Deutsch, Französisch und Englisch; denn Fremde hatte man vor sich, von welcher Nation, hatten die auf ein paar Geldstücke speculirenden Geister noch nicht weg. Die größere, eine hochgewachsene Blondine mit etwas stumpfer Nase, üppigen Lippen und wundervollem Jncarnat, schüttelte ungeduldig den Kopf und machte Miene, den Rückzug anzutreten; ihre um Haupteslänge kleinere Gefährtin, welche weniger elegant, aber nicht minder auffallend gekleidet war, sprach eifrig auf sie los. Ihr Blick wies beredt auf den elegant gekleideten Herrn, der sich schnellen Schrittes ihnen näherte. Es war Paul Werner, der, ihre Verlegenheit wahr­nehmend, ihnen zu Hülfe kam.Wollen die Damen sich meiner Führung anvertrauen?" fragte er auf Englisch.

Die Blondine lächelte freundlich.Wir nehmen Ihr An­erbieten mit Dank an," erwiderte sie in fließendem Deutsch. Nach Ihrem Englisch halte ich Sie für einen Deutschen- Habe ich Recht?"

Paul nannte Namen und Vaterstadt- Sie schien an­genehm überrascht und stellte sich ihm als Mrs. Etti Webster vor. Die kleinere, schwarzbraune und ungefähr sechs bis acht Jahre ältere Dame war ihr Gesellschaftsfräulein.

Sie müssen wissen", sprach Mrs. Webster,mit einem