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Polizeieommiflar Frenzel rasch auf ihn zu, streckte Hm die Hand I zum Gruß entgegen und fragte beinahe athemlos: „War Frau« (em Holten bei Tante Hanna?"
„Ja, versuchte ein Experiment, das mich außerordentlich
„Hab's mir gedacht. — Wissen Sie, ob sie gleich nach Hause fährt, Herr Doctor?" ,
„Weiß nicht, ist immerhin möglich, was haben Sie denn, Herr Commiffar?" .
„Wir sind dem Thäter auf der Spur, em unvorsichtiges Wort kann ihn warnen. Wenn Fräulein Holten ihrem Verlobten über diesen Krankenbesuch schreibt, dann wäre Tante Hannas fortschreitende Genesung kein Geheimniß mehr, was wir doch im Jnteresie unserer Nachforschungen bislang treu bewahrt haben. — Man muß ihr klaren Wein emschenken und ihr die Zurückhaltung, selbst ihrem Verlobten gegenüber, zur strengsten Psiicht machen." ,
„Ich verstehe, Herr Commiffar," sprach der Doctor nachdenklich, „und Ihr Verdacht scheint auch guten Grund zu haben, wenigstens was Tante Hannas Verletzung anbetnfft. Sie sprach bereits von einem bekannten Gesicht, das sie m Mer Gewitternacht gesehen, und das etwas abgenommen, also irgend eine Maskirung beseitigt habe. Soll ich Fräulem Holten darüber aufklären?" _
Ach, Sie wollen mir wirklich den Gefallen thun, Herr Doctor, Md jetzt gleich zu ihr gehen? — Ich mochte Sie kaum
mit welchem sich ihre Gedanken in den letzten Lagen mehr als mit Julius Steindorf beschäftigt hatten. Der Name Leonhardt Marbach stand auf dem Papier, unbewußt hatte ihre Hand denselben niedergeschrieben, weil sie das Bild des todtkranken Mannes nicht aus der Seele los werden konnte. Fortwährend sah sie sein flehendes Auge auf sich gerichtet, hörte seine Bitte „Heirathen Sie Ihren Verlobten nicht, bevor er Ihren Wimsch, den Kinnbart glatt wegrasiren zu laffen, erfüllt hat- Wenn Sie »wischen Mund und Kinn einen rothen Strich erblicken, dann sagen Sie es dem Criminal-Commiffar Frenzel und sie sind vor dem Schrecklichsten bewahrt." . r
Diese wahnsinnigen Worte hatte er noch zweimal mit schwindender Kraft, zuletzt mit kaum verständlicher Stimme an sie gerichtet, und sie hatte es ihm gelobt, um ihn zu beruhigen, und aus der aufregenden Nähe des Fieberkranken zu kommen.
Wie kam es nur, daß sie seitdem stets an den Unglücklichen hatte denken müffen, daß seine Fieberphantasie, denn für etwas Anderes konnte sie jene Bitte nicht halten, fortwährend in ihr widerhallte und alle anderen Gedanken zu verdrängen
br°^$ßar es vielleicht die Ueberzeugung, welche sich ihr an seinem Lager hatte aufdrängen muffen, daß er ^ liebte und seine Träume und Phantasten sich stets mit 'hr beschäftigten? Sie hätte am Ende kein Weib sein müffen, um bei solcher Ec- kenntmß ganz gleichgültig zu bleiben. . „
„Gott steh' mir bei, daß ich nicht auch wahnsinnig werde, flüsterte sie, den Bogen mit Marbachs Namen in den Schreibtisch werfend und diesen verschließend. „Aber gleichviel, setzte sie mit entschloffener Mene hinzu, „möge er es seltsam von mir finden, ich werde ihn dennoch darum ersuchen, Men Bart- schmuck am Kinn zu entfernen, weil derselbe mir häßlich erscheint. So will ich die Bitte des Unglücklichen erfüllen und mein gegebenes Wort hallen." ,,
Die Frau des Hausverwalters erschien, um ihr zu melden, daß der Wagen schon eine ganze Weile auf das Fräulein warte. Sie hatte diesen bequemen Posten einem alten verHei- ratheten Dienerpaar, das bereits ihren Eltern ^b Jahre ireu gedient, nicht nur als eine Belohnung, sondern als pflichtschuldig
liebe I-gte sch
Fräulein sind doch noch rechl schwach meinte die alte Frau bekümmert, „sollten lieber ein Gläschen Wein trinken. ’ Ja, es ist wahr, ich fühle mich zuweilen sterbensmüde, als ob ich wieder kiank würde. Eine Luftveränderung^ mrd mir gut thun, ich denke, später eine Zeitlang im Süden zu blei6e,^a,5Dber°MiTcmüt einverstanden," tönte die Stimme des Genannten von der offenen Thür her. "Ich traf keüie leben Seele, um mich anzumelden, meine Gnädigste, und mußte Sie deshalb nolens volens überfallen." ,
9 Die alte Frau Lorenz verließ das Zimmer und Doctor ^b^^Jch"mußbSie nämlich noch einmal sprechen, liebes Fräu' lein," fuhr er rasch fort, „und befürchtete schon, zu spät zu kommen. Sieh', da liegt ein Brief an Ihren^ Verlobten p bereit zur Abfahrt," setzte er, auf den Schreibtisch deutend, ungenirt hinzu. „Haben Sie in demselben etwas von Tante Hanna geschrieben?"
„Nein," erwiderte Armgard befremdet.
„Na, das freut mich, weil ich die Bitte vergaß, kemem Menschen, wer immer es auch sei, von der voraussichtliche Genesung der alten Dame nur das Geringste mitzutheuen.
Armgard schüttelte verwundert den Kopf.
„Das begreife ich nicht, Herr DoctorI - Sie thun j«, als ob es sich hier ebenfalls um ein Verbrechen handele.
„So ist es auch, meine Gnädige," versetzte der Doctor sehr ernst, „um meiner Bitte Nachdruck zu geben, muß ich mW wohl dazu bequemen, Ihnen ein Geheimniß anzuvertrau , dessen strenge Bewahrung ich Ihnen zur Pflicht mache-
Er erzählte jetzt von dem bis zur Gewißheit sAige Verdacht eines Verbrechens, das in der Gewltternacht g fl
darum bitten." .
„Ja, so etwas wittert man doch gleich heraus, mein Bester! — Sie sehen, ich bin schon mit Hut und Stock bewaffnet. — Kommen Sie nur, haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?" .,
Sie schritten eiligst dahin und der Commiffar bat ihn I noch, sich so wegelängs bei ihr zu erkundigen, ob sie sich hier oder auswärts trauen laffen wolle.
„Jnteressirt Sie das so besonders?" sragte der Doctor, stehen bleibend und ihn fest anblickend.
„Mich interefsirt Alles, Herr Doctor I" erwiderte der Beamte lächelnd. „Also auch die Trauung eines solchen. be- gehrenswerthen Goldfisches, welcher dem schönen, flatterhaften I Julius so mühelos in's Netz gelaufen ist."
Ja es ist haarsträubend," brummte der Doctor, hastig weiterstrebend, „aber ich sagte es gleich, daß fein Töchterchen ihm sehr gelegen verunglückt sei. Die Todte hat die Kette geschmiedet für die stolze, thörichte Armgard Holten.
Sie glauben also nicht an die Macht der alten Liebe? I
Larifari, — der wäre ein Mädchen von solchem Kaliber sicherlich nicht erlegen- Die Geschichte kommt mir ordentlich unheimlich vor; dieser Mensch muß ein Hexenmeister sein oder ihr einen Liebestrank bereitet haben." .
Und das behauptet eine ärztliche Autorität! sagte der I Commiffar belustigt. „Bah, mein bester Herr Doctor, wir I Menschen haben alle eine schwache Seite und die Weiber durch die Bank zwei. - Fräulein Holten wird keine Ausnahme von dieser Regel machen, mag sie sonst auch ihre speciellen Tugen- iden besitzen. Daß der Tod des ihrem Schutze anvertrauten | Kindes einen außerordentlichen Eindruck auf ihr Gemüth her vorgebracht, mag feine Richtigkeit haben, im Ganzen genommen aber wird dis alte Liebe doch den Löwenantheil an diekr ra chen Veilobung beanspruchen. — So, weiter will ich Sie lieber nicht begleiten, das Fräulein möchte wunders glauben, was wir für Geheimniffe hätten, Herr Doctor!"
Er grüßte höflich und schlug eine andere Straße em, während Doctor Peters sehr nachdenklich, da chn das Benehmen des Commiffars stutzig machte, dem Markte zuschritt, wo sich Armgard Haltens stattliches Haus befand.
Ihr Wagen hielt bereits vor der Thür. Sie selber saß zur Heimfahrt fertig vor ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Bries niederstarrend, deffen Adresse ihre Handschrift trug und an den Verlobten Suchtet war- Noch hielt ihre Rechte die Feder, mit welcher sie letzt mechanisch auf einen weißen Bogen kritzelte- Sie erröthete, als ihr Auge sich fester auf das Geschriebene heftete und einen Namen las,


