Ausgabe 
15.4.1893
 
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Samstag, den 15. April.

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Tante Hannas Geheimniß.

Original-Roman von E. v. Linden.

(Fortsetzung).

Ein freudiges Aufleuchten glitt über das Gesicht der Kranken. Sie lächelte sie an und strich ihr sanft über die Stirn.

Mein Liebling," sagte sie zärtlich,ich weiß jetzt, daß Du es bist, habe nur Geduld, es ist mir oft so dunkel hier in der Stirn," sie deutete geheimnißvoll daraufund dann möchte ich etwas festhalten und kann es doch nicht, das macht mir große Pein. Jetzt weiß ich aber, daß Du Armgard bist, es ist hier gerade hell."

Und nun kennen Sie auch mich, Tante Hanna!" sprach der Arzt, sie fest anblickend.Halten Sie Ihre Gedanken recht beieinander, dann wird's schon gehen und Sie werden auch Ihren alten Doctor Peters wieder kennen."

«Ja, ja," erwiderte sie nach einer Pause,ich kenne Doctor Peters, aber meine Armgard doch noch besser. Ist dies mein Zimmer?"

Nein, Tantchen, Sie waren ja lange krank," sagte Arm­gard, den Doctor fragend anblickend.

Natürlich.sparen Sie krank, kleine Tante," nahm jener rafch das Wort,'haben es ganz vergessen, daß der Blitz in Ihr Haus fuhr, dasselbe in Brand steckte und Sie sich bei dem Fall aus dem Bett den Kopf verletzten. Da haben wir Sie natürlich in ein fremdes Haus bringen müssen, und das hielt schwer, weil sich Hunderte um die gute Tante Hanna rissen."

Sie hatte aufmerksam zugehört und eine immer ängstlichere Miene angenommen. Zuletzt sahen ihre Augen ganz starr wieder vor sich hin, so daß der Doctor sich erschreckt zu ihr niederbeugte, da er fürchtete, sie in den alten Zustand versinken zu sehen.

Der Blitz," murmelte sie plötzlich,ich sah ihn ganz deutlich halt er trug er nahm etwas ab, ich sah sein Gesicht nun wird's wieder dunkel, ich kannte ihn ach, mein Kopf schmerzt so schrecklich ich seh' ihn jetzt nicht mehr, nur noch den Blitzstrahl."

Die Greisin stöhnte tief und schloß die Augen. Armgard blickte den Doctor an, der ganz bleich und erregt aussah.

Sie hat noch Fieber," flüsterte sie dann traurig

Nein, nein, nur still, lassen wir sie jetzt ruhen, sie wird einschlafen."

Wirklich hörten sie es bald an ihren regelmäßigen Athem- zügen, daß sie sanft schlummerte. Sie gingen Beide geräusch­

los zurück, während die Wärterin wieder ihren gewohnten Platz bei der Kranken einnahm.

Schweigend schritt der Doctor neben Armgard, um sie hinauszubegleiten.

Glauben Sie wirklich an eine volle Genesung der Armen, lieber Doctor?" fragte sie, ihm zum Abschied die Hand reichend.

Ganz bestimmt, mein Fräulein!" erwiderte er, ihre Hand fest in der seinen haltend.Sie haben sich doch selber davon überzeugt, wie die Erinnerung in ihr erwachte. Haben Sie aber auch darauf geachtet, wie die Erinnerung an jene Ge­witternacht in ihr Bewußtsein zurückkehrte?"

O gewiß, es war ja, als ob sie an eine Erscheinung er­innert worden wäre."

Allerdings, aber an eine ihr bekannte Erscheinung, welche irgend eine Verkleidung an sich gehabt. Ich hoffe, daß sich dieses Räthsel bald lösen wird, da die Arme jetzt nur noch mit der Verdunkelung ihrer Denkkraft zu kämpfen hat, das Licht bereits mit sichtlicher Angst festzuhalten sucht."

qDas ist wahr, Herr Doctor!" erwiderte Armgard leb­haft.Dieses Ringen und Kämpfen war erschütternd anzu­sehen. Sie erinnerte sich eines Gesichts und bevor sie die Er- innemng daran ganz erfaßt, wurde es wieder dunkel in ihr. Sollte es aber nicht dennoch nur eine Fieber-Vision fein? Wie könnte ein Mensch in jener Nacht sich in ihrem Zimmer befunden haben? Vielleicht war's ein lebhafter Traum, welcher sich in ihrem Gehirn festgesetzt und jetzt erst wieder lebendig in ihr wird."

Möglich, mein Fräulein," sagte der Doctor, sie zerstreut anblickend,es sind eben jetzt nur Muthmaßungen, welche uns neue Räthsel des Geistes aufgeben. Apropos," setzte 4 er rasch hinzu,ist es wahr, daß Ihr Aufgebot bereits erfolgt ist, Fräulein Holten?"

Sie wechselte die Farbe, blickte zu Boden und antwortete erst nach einer Weile:Weshalb sollte es nicht wahr sein, Herr Doctor? Ist meine Verlobung oder mein Aufgebot etwa ein Verbrechen vor Ihren Augen?"

Bitte um Verzeihung, mein Fräulein, so war s doch nicht gemeint," sprach der Doctor ernst,mich wundert nur die Ueberstürzung, welche sonst ihrem Character so fremd ist."

Nun, lieber Doctor, ich habe mich doch lange genug auf meine Verheirathung besonnen, daß man mich in diesem Punkte schwerlich einer Ueberstürzung zeihen kann."

Sie drückte ihm die Hand, machte einen vergeblichen Ver­such zu lächeln und entfernte sich eiligst.

Doctor Peters blickte ihr mit finster zusammengezogenen Brauen nach und stieß ein halblautes Wort hervor, das just nicht schmeichelhaft klang. In diesem Augenblick schritt der