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war und in der Anstalt für ganz unschädlich schwermüthig galt, war sogleich in sein Zimmer g-führt worden, während der Director fich in das ihm angewiesene Fremdevstübchen begab, um sich vor der Ankunft des Oberförsters, der dem Begräb- niffe des Fürsten beiwohnte, etwas anrzuruhm und den Staub abzuschütteln.
Am offenen Giebelfenster seines Zimmers stand indeffen der arme Doctor Fels und lauschte mit seltsam flimmernden Blicken den feierlichen Glockentömn, welche durch die Luft hin zu ihm schallten; in seinem umdüsterten Geiste regten sich seltsame Empfindungen und Erinnerungen. Er athmete tiefer auf, legte die Hand an die Stiin und sagte: „Was ist das? Sind'« nicht Todtenglocken? Und von dem gräflichen Erb- begiäbniß herüber klingt dumpfe Musik. Wer wird zur Ruhe gebracht? Wahrscheinlich Therese, ja, die arme Therese!"
Noch eine Secunde lauschte er, dann schlich er die Treppe hinab in's Schlafgemach des Vaters; hier hing über dem Bette ein geladener Revolver und Artbur nickte unheimlich: „Ah, da ist der Freund, den ich suchte! Vielleicht bedarf ich seiner Hilfe; komm' mit."
Und weiter schritt er leise aus dem Hause in den Wald. Der Wahnsinn hatte den unglücklichen jungen Mann wieder ergriffen.
Immer weiter trieb es den Unglücklichen fort und hinein in den Wald, während fort und fort die Glocken klangen; ja, es war sicherlich Therese und sein Opfer, die man drunten in den Reihen ihrer Ahnen zur ewigen Ruhe bettete! Sie war erlöst, schwebte als seliger Engel nun dem ewigen Gotterthron zu — während er, ausgestoßen in ewige Finsterniß, ihr fern bleiben mußte.
„Kein Wiedersehen, keine Hoffnung," schrie er jetzt gellend, „selbst im Tode n.cht. Aber weshalb lebe ich denn noch? Weshalb martern und peinigen mich die Furien, die noch nicht einen Moment von mir wichen. Ha, ich hab' ja hier ein Mittel dagegen, rasch, unfehlbar, verlockend! Ein einziger Augenblick — und ich werde ruhig daliegen, ohne Schmerz, ohne Gefühl, nur in den Schläfen sieht man ein kleines, rundes Loch! O, Therese, wie verlockend ist es, wenn ich selbst im Tode Deinen Spuren folgen dürfte! Therese, würdest Du mir böse sein oder würdest Du noch als Engel aus dem Paradiese zu mir Dich hernieder neigen und flüstern: Ich kann Dir nicht zürnen!"
Die Glocken verhallten feierlich, ein leiser Windzug trug die ernsten Töne des Schlußchorals vom Erbbegräbniß herüber und der unglückliche junge Arzt hob das schöne, todtenbleiche Antlitz empor.
„Ich komme, meine Einziggeliebte! Ich komme!" rief er dann. Durch den Wald tönte der Schuß, die hohe Gestalt lag regungslos am Boden, ein leichtes Lächeln umspielte die bärtigen Lippen. — Arthur Fels hatte nur zu gut getroffen, sein Tod war sogleich eingetreten.
Bei der Hermkehr des Oberförsters entdeckte man erst das Fehlen des Kranken und — auch die verschwundene Waffe über dem Bett. Doctor Berner wußte genug und bot tieferschüttert dem erregten Vater die Hand.
„Es ist kein Zweifel, mein armer Freund hat selbst den Tod gesucht- Kommen Sie, Herr Oberförster, wir wollen die Leiche suchen!"
Es dauerte auch nicht lange, bis man den stillen Schläfer fand, neben ihm die abgeschossrne Pistole. Halb bewußtlos vor Herzeleid kniete der Vater neben ihm nieder und sah Doctor Berner wie aus weiter, weiter Ferne an.
„Lasten Sie mich allein. Ich muß Abschied nehmen von meinem armen Sohn — er ging von mir, hinausgestoßen wie ein Mrstethäter — und nun ist es zu spät, ihm zu verzeihen."
Schweigend zog sich der Doctor zurück, eine Thräne glänzte in seinem Auge.
Was der strenge, unbeugsame Mann dort draußen empfunden neben der Leiche des unglücklichen Sohnes, wer will es mit Worten zu schildern versuchen! Lange, lange währte es,
bi« er fich müde, völlig gebrochen, erhob und die ineinander verschlungenen Hände emporhob zum blauen Himmelszelt.
„O lieb', so lang Du lieben kannst, O lieb', so lang Du lieben magst, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo Du an Gräbern stehst und klagst I"
sagte er laut und feierlich, während Thräne um Thräne au« seinen Augen Dann. „Es ist zu spät, zu spät!"
Der verwittweten Fürstin Sereco wurde der Tod de« Doctor Fels lange Jahre hindurch verschwiegen. Ihre zarte Gesundheit war durch die schweren Heimsuchungen überhaupt so angegriffen, daß sie gleich am Tage nach dem Begräbnisse ihres Gemahles in Begleitung der Mutter eine Reife nach Italien zu ihrer Erholung antrat. Erst nach drei Jahren erfuhr die Fürstin den Tod Arthurs. Sie blieb Wittwe bis an ihr sieben Jahre später erfolgtes Lebensende und vermachte den größten Theil ihres Einkommens den Armen.
Vermischtes.
Beleidigter Stolz. Dienstmädchen: „Geld geben wir nicht; wenn Sie aber etwas zu esten haben wollen —" — Bettler: „Dat ploob ich, jetzt, wo Alles im Manöver ir, soll unsereins den Rothstappen spielen!"
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Telegrammstyl. Der glückliche Vater eines Zwillingspärchens schickt seinem fernen Bruder folgende Depesche: „Un-- geheure Freude — wir haben heute Zwillinge bekommen - später mehr!"
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Frühe Liebe. Gymnasiast: „Run, unsere Tanzstunden bald zu Ende gehen, fühle ich erst, wie innig ich Sie liebe, Fräulein Mariechen. Ich werde meine Studien möglichst beschleunigen und sobald ich angestellt bin, werde ich Sie heirathen." — Fräulein Mariechen: „Ach ja, seien Sie so gut!"
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Ein zerstreuter Lieutenant. Lieutenant: „Gewehr --auf!" — Feldwebel: „H^rr Lieutenant, die Mannschaften sind ohne Gewehr angetreten." — Lieutenant: „Ach so! — Gewehr--ab I"
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Schwäbischer Humor. Volksfestphotograph zu zwei Leuten vom Lande, die sich aufnehmen laffen wollen: „Einer von Euch muß sein Hut runterthu'." — Einer der Beiden: „Aber warum denn, Herr Photograph? 's wär' doch besser, wenn wir alle zwot d'Hüt' auflasse würdet." — Photograph: „Rix! Wie soll mer denn nachher euch Boide von enander kenne?"
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Eine neue Getreidesorte. Ein Oeconom, welcher sich seine Frau au« dem Pensionat einer Großstadt geholt hatte, zeigte dieser eines Tages seine Getreidefelder, welche indeß schon abgeerntet waren, so daß nur noch Stoppelfelder vor ihnen lagen. — „Gott, wie herrlich!" rief plötzlich die junge Frau. „Jetzt weiß ich doch auch, wie die Schwefelhölzchen wachsen!"
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Im Dusel. Ein Studiosus kommt spät am Abend stark angezecht nach Hause und will sich noch waschen. Sein Waschtisch steht neben dem Fenster und er gießt daher das Wasser aus der Kanne statt in das Waschbecken zum Fenster hinaus- — Stimme von unten: „Was soll denn das Heruntergießen von Wasser — ich werde die Polizei holen!" — Studiosus: „Was wollen Sie denn eigentlich — wie kommen Sie überhaupt in mein Waschbecken?!"
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


