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gib, welchen ich am Altäre geschworen, will meinen Gatten treu pflegen — und sei es bis zum letzten Athemzug l"
Schwere, unendlich schwere Tage und Wochen folgten, in denen Fürst Sereco mit dem Tode rang und dennoch, Dank seiner kräftigen Natur, immer von Neuem die Oberhand über -en Tod behielt. Er war ein unleidlich jähzorniger und rastloser Kranker, doch die Geduld der stillen, schönen Frau, die wie ein Schutzengel nicht von seinem Lager «ich, blieb stets dieselbe. Mild und fürsorglich reichte sie ihm den Trank und die Arzenei, ordnete die Kissen und erneute die Eisblase auf dem Haupte; und wenn er sie noch so oft mürrisch zurückstieß oder rauh anfuhr, sie ward nie unlustig, sie hatte das köstliche Corintherwort sich in's tiefste Herz geschrieben: Die Liebe ist langmüthig!
Und sie erlebte auch eine Stunde der Genugthuung. Al- Sergei eines Tages, nach einem Ausbruch wilvesten Fiebers, eingeschlummert war, saß sie an seinem Lager und die physische Schwäche übermannte ihr den zarten Körper derart, daß sie die heiße Stirn in die Hand stützte und Thräne um Thräne über die blasse, magere Wange rann. Wie hatte sich dies süße, liebliche Gesichtchen verändert! Er war um Jahre gealtert besonders jetzt unter dem Zacken des Schmerzes.
Da, ehe Therese es dachte, öffnete der Kranke die Augen und blickte auf sie, die ganz in sich versunken, ihn gar nicht beachtet hatte. Eine Weile kämpften gute und schlechte Empfindungen in seinem Innern, dann aber streckte er plötzlich ihr seine Hand entgegen.
„Therese," begann er leise und so mild, wie sie ihn noch nie gehört, „bist Du krank — ödes weinst Du über mich?"
Sie raffte sich erschrocken auf, trocknete die Thränen und wollte mit einigen ablenkenden Worten das Zimmer verlassen; doch er hielt sie fest, beinahe voll Angst.
„Geh' nicht fort," bat er dringend, „sprich zu mir und — und — laß Dir danken, daß Du mich so treulich pflegst. Ich — verdiene es nicht, denn —"
„Rege Dich nicht auf, bester Sergei," beruhigte ihn die junge Frau, „es ist ja Alles ganz natürlich und ich thue nur meine Pflicht für Dich."
«O, Therese, ich habe nie für Dich Pflichten erfüllt; ich habe Dich mit meiner Leidenschaft unglücklich gemacht — kannst Du mir verzeihen?"
„Gewiß, Sergei, ich hege keinen Groll gegen Dich, aber nun schlafe, rege Dich nicht auf!"
„Bleibe bei mir, Therese, laß mich Deine Hand halten — ich denke, dann werde ich selbst ein besserer Mensch, wenn Du gute, heilige Seele mir vergiebst."
„Sprich nicht so, Sergei," und wieder stürzten die Thränen au» den Augen Theresen», „ich bin keine Heilige, sondern — ein sehr schwaches sündiges Geschöpf wie wir Menschen alle."
Die Krankheit des Fürsten wurde immer schlimmer, der Arzt gab die Hoffnung fast ganz auf, und versuchte al» letztes Mittel, eine Luftveränderung vorzuschlagen. Man sollte den Kranken nach Schloß Weilern bringen!
Therese widersprach nicht, sondern traf mit liebevoller Umsicht und treuem Pflichteifer die nöthigen Vorbereitungen und an einem schönen Septembertage ward die Reise angetreten.
An der letzten Bahnstation empfing Graf Weilern die Tochter und den Schwiegersohn und selbst sein oberflächliche» Gemüth erschrack beim Anblick beider. War da» sein Kind? Kaum zwanzig Jahre alt zogen sich bereits einzelne weiße Fäden durch das dunkelblonde Haar und die schönen Augen lagen tief in den dunkelumränderten Höhlen. Und das war seine Schuld ganz allein!
£3 Langsam fuhr der Wagen durch die sich herbstlich färbende Landschaft.
Vor einem Jahre hatte dort im Walde Therese zum letzten Male den Geliebten getroffen. Der Gedanke stieg heiß auf in ihre Seele, doch sie schüttelte ihn ab, nur dem sterbenden Manne an ihrer Seite, der ihre Hand nicht loslaffen wollte, durfte ihr Sinnen und Denken gewidmet sein!
Das schwere Wiedersehen Theresens mit der völlig gebrochenen Mutter war vorbei. Erschöpft ruhte Fürst Sereco
im weichem Lehnstuhl aus und Therese ordnete still sorgend wie er ihre Art war, die Sachen im Zimmer, welche er bedurfte.
Da rief er mit einem Male ihren Namen, so angstvoll wie noch nie zuvor. „Schicke — nach dem Pfarrer — und dem Notar — ich — ich sterbe."
Der Pastor kam sogleich, auch der Amtsvorsteher, der den mit rauher, halbgebrochener Stimme hervorgestoßenen letzten Willen des sterbenden Fürsten zu Protokoll nehmen mußte; dann ward der Fürst ruhig . „Laßt mich allein — allein mit meiner Frau!" stöhnte er und man willfahrte schweigend seinem Wunsche.
„Therese," stammelte er mühsam, „nimm mich in — Deine Arme I Wenn Du mich — auch nicht — lieben kannst — ich habe es in diesen schweren Tagen gelernt, Dich, Du Gute, aus vollem Herzen zu lieben und hoch zu schätzen, und — und will an Deinem Herzen — sterben — hast Du mir vergeben?"
„Ja, Sergei," sprach die junge Frau feierlich, „ich habe es längst gethan! Gott segne Dich, mein armer Gemahl!"
Er wurde still in dem dunkel behangenen Gemach; der letzte Kampf war ein schwerer, furchtbarer und die arme Therese flehte zu Gott empor, ihr Kräfte zu verleihen, um stark zu bleiben. Endlich gegen Mitternacht war der Todeskampf des Fürsten vorbei. Mit letztem, brechendem Blick stammelte er noch den Namen seiner Gattin, dann sank sein Haupt zurück und die Seele entfloh der sterblichen Hülle.
Bleich wie ein Geist trat gleich darauf die junge Wittwe ins Nebenzimmer, wo die Eltern mit dem Oberförster Fels, der ein Freund des Hauses geblieben war, beisammen saßen. Abwehrend erhob sie die Hände, sie wollte keinen Trost, «ur den Oberförster blickte sie fragend an:
„Herr Oberförster, Sie haben einst erklärt, daß Sie gewisse Fehler nicht vergeben könnten- Ich will Ihnen aber sagen, daß ich am Sterbebette gelernt habe, voll und ganz zu vergeben; ich verstehe nun das schöne Wort: „O lieb' so lang Du lieben kannst."
Der starke, strenge Mann taumelte jäh zürück bei diesen Worten; er wollte etwas erwidern, aber vor seiner Seele tauchte ein bleiches Männerantlitz auf, welches sich flehend zu ihm gewandt, und er vernahm seine eigene harte Stimme: J h habe keinen Sohn mehr — und seufzend wandte er sich ab.
Wie von Furien getrieben stürzte er heim, er konnte und durfte kein Wort des göttlichen Trostes sagen, denn das erste aller Gebote hatte er mit Füßen getreten.
Auf seinem Schreibtisch lag ein Brief aus der Anstalt, wo Arthur sich noch immer befand; der Director schrieb, daß der Patient zwar tiefsinnig, aber sonst nicht bedenklich krank sei, auch wohl an eine Verschlimmerung nicht mehr zu denken wäre und srug an, ob der Vater ihn nicht zu sich nehmen wolle.
Das war ein Wink vom Himmel! Der starre, strenge Oberförster sank in die Kniee und weinte wie ein Kind; erst jetzt fühlte er das Vaterherz sich ganz und voll regen und die Liebe erwachen zu dem unglücklichen Sohne.
Noch am selben Morgen erhielt Director Berner von dem Oberförster ein Telegramm: Schicken Sie Arthur baldmözlich.
Droben im Schloß ward die Beisetzung des Fürsten mit all' der düsteren Feierlichkeit, die seinem Rang und Namen zu- kam, vorbereitet.
In tiefem, kreppverhüllten Trauergewrnde hielt die junge Wittwe selbst die Todtenwache und manch' einer, der bei der Trauung zweifelnd über das Glück der Braut geflüstert, meinte jetzt ergriffen: „Sie müssen doch wohl glücklich gelebt haben, sonst würde die Wittwe nicht so bleich und ernst all' die Pflichten der Liebe an dem Todten erfüllen."
Weithin hallten die Kirchenglocken zur Stunde der Beisetzung. Unter den dumpfen Klängen eines Milttärmufikeorp» aus der nächsten Stadt setzte sich der Tcauerzug in Bewegung; Kränze, Palmen und Lorbeer schmückten den Sarg. Dem Fürsten Sereco ward im Tode mehr Theilnahme gebracht, al» je im Leben, wenn nicht der Hauptantheil davon auf seine Gemahlin fiel.
Doctor Fel», der inzwischen im Forsthause angekommen


