Nnterchaltrrngsblatt 311m Grefzenev Anzeigev (Gensvnl-Anzeigev)
1893
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MM
Donnerstag, den 14. December.
Dunkele Mächte.
Novelle von H. v. Limpurg.
(Schluß.)
Endlich richtete sich der alte Herr empor und strich das Haar aus der Stirn; derselbe unerbittliche Ausdruck lag um den festgeschloffenen Mund wie vorher und er sagte leise: „Er ist ein Verbrecher und ich habe keinen Sohn mehr! Der letzte Lichtstrahl meines einsamen Lebens ist erloschen, ich stehe allein in der Welt!"
Er ließ sich dann nieder an seinem Schreibtisch, schlug die Bibel auf und begann darin all' die köstlichen Perlen zu suchen, die sie für den Christen enthält; aber immer wieder kam er dabei auf die Liebe zurück, auf die Gnade und Barmherzigkeit des Allmächtigen und als seine Augen an der wundervollen Stelle des CorintherbrtcfeS hasten blieben: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist.- die größte unter ihnen" — da schlug er das Buch zu und stand auf.
„Es ist vorbei, ich habe kein Kind mehr," sagte er hart und so laut, daß er beinahe selbst vor seiner Stimme erschrak, „und ich kann's nimmermehr fasten, wie man da vergeben und lieben soll, wo man aufgehört hat, zu achten."
Arthur war indeß wieder zurück nach der Station gekehrt, seine Erregung hatte sich so weit gelegt, daß er den Bahn- inspector um einen kleinen Imbiß bat, weil sein Vater, den er auf der Durchreise besuchen wollte, lei er nicht zu Hause gewesen sei und er, der Doctor, mit dem nächsten Zug weiter müste.
Der Mann setzte auch keinerlei Zweifel in die Worte seines Gastes und fühlte sich sehr geehrt über den Besuch. Endlich kam der Zug, Fels stieg ein, doch nicht, um nach der Residenz zurückzukehren; ein anderer Plan war in seinem kranken Hirn entstanden- Er wollte zu einem Studienfreunde, Doctor Berner, der in der Nähe eine Heilanstalt für Nervenkranke besaß.!
Am nächsten Morgen ließ er sich bei Doctor Berner melden, der sehr erfreut den lieben, alten Universitätsfreund empfing.
„Fels, grüß Gott!" rief Berner, dem Ankömmling beide Hände entgegenstreckend. „Wie geht es Dir, alter Junge? Aber Mensch, wie siehst Du aus? Du kommst doch nicht als Patient zu mir?"
„Nein," lachte Fels rauh, „das wohl nicht, obwohl es in
meinen Schläfen faust und tobt, als fei die Hölle darin leben- - big geworden. Aber ich komme mit einer Bitte —"
Er brach ab und sah so verstört um sich, daß der er« ' fahrens Nervenarzt keinen Zweifel mehr hegte, wie es um den Unglücklichen bestellt fei.
„Hm, wenn Du ganz allein mit mir fein willst, Freund," sagte er endlich, „so komm' hier in das Zimmer, da stört uns Niemand." Zugleich berührte Doctor Berner wie von ungefähr ein weißes Knöpfchen am Thürfchloß, welches Zeichen einen Wärter in die Nähe berief, um auf alle Fälle Hilfe leisten zu können.
Tiefathmend sank Doctor Fels in einen der bequemen Armsessel und auch Doctor Berner ließ sich scheinbar gleich» müthig nieder, dann begann er das Gespräch: „Nun, alter Freund, mit was kann ich Dir dienen? Du kommst nicht nur, um mich zu besuchen, sondern auch, um etwas zu erbitten?"
„Nenne es so, Oskar," nickte Fels düster, „wir haben uns einst Freundschaft mit Wort und Handschlag gelobt — die Stunde ist da, wo ich an dieselbe appellire."
„Und ich werde sie Dir halten, Arthur," sagte Berner feierlich, mit tiefem Ernste, „erzähle mir, was Dich bekümmert."
„Oskar," frug Arthur nach einer Weile finsteren Nachdenkens, „kannst Du einen Menschen in hypnotischen Schlaf versetzen?"
„Ja Aber was soll diese Frage?"
„W llst Du — mich selbst hypnotisiren?"
„Hm und aus welchem Grunde. Ich muß dies als Arzt und Mensch wissen, ehe ich Deine Frage beantworte."
„Aber Du gibst mir Dein Wort, zu schweigen?"
„Gewiß, mein Freund, Du weißt es aus Erfahrung, daß dies eine Hauptsache in unserem Berufe ist."
Es verging abermals eine geraume Zeit, ehe Arthur Fels düster emporblickte.
„Du sollst der erste und einzige Mensch sein, der von meinem Seelenzustand etwas erfährt," begann er dann eintönig; „wisse, daß ich einst, um die Geliebte glücklich zu machen, ihrem Besitz nicht allein entsagte, sondern im hypnotischen Schlafe ste zwang, einem Anderen ihr Jawort zu geben —"
„Sie hatte sich vorher bereit erklärt, Deinen Willen zu thun?"
„Ja und ich Elender benutzte dies, sie dem Befehle ihres Vaters geneigt zu machen. Nun ist sie unglücklich — und ich werde wahnsinnig, wenn ich mit dem Stachel im Herzen weiter leben muß."
„Was verlangst Du also von mir? Welchen Auftrag soll ich Dir im hypnotischen Schlafe ertheilen?" frug Doctor Berner, unverwandt das Teppichmuster am Boden studirend.


