fürchte, ich habe sie erschreckt, warten Sie ein paar Minuten, dann werden Sie bester im Stande sein, zu reden."

Die fieberhaft glühenden Augen der Kranken schloffen sich, und schweigend betrachtete Martha dar schöne, traurige Gesicht, dessen hohe Stirn von tiefen Sorgenfalten durchfurcht war.

(Fortsetzung folgt.)

Merkwürdige Fnstinkthandlungen der Thiere.

Von Dr. Curt Grottewitz.

(Schluß.)

Mehrere Vögel, die in großen Heerden leben, wie die Kibitze und die Kraniche, bilden eine gut organistrte Gesellschaft, die besonders ihre Wachtposten aufstellt, um von jeder nahen­den Gefahr augenblicklich unterrichtet zu werden. Die Kraniche schicken auf ihren Reisen eine Art Eclaireurs voraus, welche das Land auszukundschaften haben, wenn es ihnen nicht ganz geheuer erscheint.

Aehnliche Gesellschaften giebt es auch unter den Säuge- thieren. So bei den Rennthieren und wilden Rindern, die meistens starke muthige Thiere zu ihren Führern erwählen, welche die Route angeben, die.die Herde einschlagen soll, und welche für die anderen wachen und sie im Falle der Gefahr beschützen.

Ein äußerst merkwürdiges Phänomen, das bei vielen Thieren vorkommt, ist die List, sich todt zu stellen. Die sibirischen wilden Gänse z. B. werfen sich, wenn ihnen Jemand nahe kommt, plötzlich wie todt zur Erde und rühren sich nicht mehr. Sie thun das aller­dings nur zur Zeit der Mauser, wo sie, ihrer Federn beraubt, nicht fliegen können. Wenn sie so unbeweglich daliegen, so werden sie nicht so leicht bemerkt, und sogar in dem Falle, daß ein Feind sie entdeckt, wird er sie als todt und ungenießbar verschmähen. So entgehen diese Thiere oft gerade dadurch dem Tode, daß sie den Glauben erregen, jenem schon verfallen' zu sein.

Dieselbe List wird auch von mehreren Käfern, sogar von Fischen, dann auch von Füchsen, Wölfen und noch marchen anderen Thieren angewendet. Bemerkenswerth ist folgender Fall, den der Amerikaner Morgan erzählt: Eines Tages drang ein Fuchs in den Hühnerstall eines Farmbesitzers ein, würgte eine große Anzahl Hühner hin und füllte seinen Magen so reichlich damit an, daß er aus der kleinen Oeffnung, durch welche er her­eingeschlüpft war, nicht wieder herauskonnte. Der Besitzer fand ihn am anderen Morgen, auf den Boden hingestreckt, scheinbar todt infolge von Uebersütterung; er nahm ihn bei den Beinen, trug ihn arglos heraus und ließ ihn in der Nähe des Hauses auf das Gras fallen. Kaum fühlte Meister Reinecke sich frei, so sprang er auf die Beine und entwischte.

Auch von Affen hat man beobachtet, daß sie sich todt stellen, allein hier nicht zu dem Zwecke, einer Gefahr zu ent­gehen, sondern vielmehr um andere Thiere an sich heranzulocken. So legte sich ein Affe regungslos auf den Rücken und wartete, bis Raben, die ihn für todt hielten, nahe genug an ihn heran­kamen, um sie zu sangen. Hatte er einen der überlisteten Vögel erfaßt, so pflegte er ihm die Federn auszurupfen und sie an der Oeffnung des Kieles auszusaugen.

Eine große Rolle bei den Jnstinkthandlungen der Thiere spielt auch die Nachahmung. Diese ist keineswegs nur den Affen eigen; auch andere Thiere, selbst die Insekten liefern für diesen Trieb vortreffliche Beispiele. Darwin beobachtete, wie sich Hummeln dadurch den Honig aus einer Blume holten, daß sie mit ihren Tasten Löcher in den Kelch bohrten. Die Bienen, die vorher dieselben Blumen häufig aufsuchten, um den Saft auf die gewöhnliche Weise von innen aufzunehmen, folgten nun plötzlich dem Beispiele und holten den Honig aus den Löchern, welche die Hummel angebohrt hatten.

Katzen haben die Gewohnheit, sich das Gesicht zu waschen. Wenn nun aber ein junger Hund, wie es häufig vorkommt, von einer Katze erzogen wird, so nimmt er ebenfalls die Gewohnheit an. Ein

Hund, der mit einer sechs Wochen älteren Katze zusammenlebte, und während zwei Jahren nie mit einem Thier seinesgleichen zu­sammenkam, ahmte alle die Eigenschaften nach, die wir sonst an Katzen beobachten. Er hüpfte wie eine Katze, leckte seine Pfoten, rollte einen Ball oder spielte mit einer Maus. Er ist ferner bekannt, wie Papageien und Staare verschiedene Stimmen «achzuahmen lernen. Aus der Fähigkeit der Nachahmung beruht ja auch zum großen Theil die Erziehung, die verschie­dene Thiere, z. B. der Adler, ihren Jungen angedeihen lasten. Merkwürdig aber ist, daß Thiere bisweilen durch Nachahmung ihre ganze Lebensweise verändern können. So nahm man einem Ad­ler, der drei Eier in seinem Neste hatte, zwei davon weg und legte zwei Gänseeier an deren Stelle. Der Adler brütete sämmtliche Eier aus, indesten starb die eine junge Gans sehr bald. Der Adler zerstückelte sie und setzte sie der anderen Gans zum Fräße vor. Allein dieser fiel es nicht ein, die Fleischnahrung, an welche die vegetarischen Gänse nun einmal nicht gewöhnt sind, zu sich zu nehmen. Jedoch da sich der Adler nicht darauf versteifte, seiner Brut nichts als animalische Speise zu verab­reichen und gar nicht daran dachte, des Gänsleins wegen eine neue Tischordnung einzuführen, so gewöhnte sich das letztere einfach daran, das Fleisch zu essen, wie es der junge Adler that, mit dem es aufgezogen wurde.

Bisher vollständig unbegreiflich ist uns der Instinkt, der den Thieren die Richtung ansagt, in welcher ihre Wohnung liegt. Der Franzose Fabre nahm mehrere Bienen aus einem Stocke, machte sie durch ein Zeichen kenntlich und trug sie in einer geschlossenen Pappschachtel etwa drei Kilometer weit hinweg. Dann ließ er sie frei, und wirklich kamen eine große Anzahl der Bienen nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Er wiederholte dieses Experiment mehrere Male und fand, daß es dabei ganz gleichgültig war, ob die Insekten auf großen Umwegen, und sogar nach mehreren Rundgängen nach der drei Kilometer entfernten Stelle gebracht wurden. Es konnte also nicht von dem. Zufall abhängen, daß diese Bienen den Weg zurück nach ihrem Stock fanden, woher sie freilich diesen Instinkt der Richtung nehmen, das wissen wir nicht. Bei Vögeln, die jähr­lich ihre Wanderungen in andere Länder unternehmen und sich doch zu ihrem früheren Neste zurückfinden, ist dieser Instinkt zu bekannt, als daß wir ihn noch merkwürdig finden.

Der seltsamste und unheimlichste aber von allen Instinkten ist wohl derjenige, den mehrere Wespenarten besitzen. Dieselben fallen Spinnen, Insekten und Raupen an und picken ihnen die Nervenstränge auf, so daß die Thiere nicht getödtet, sondern nur gelähmt werden. Sie bringen dann ihre Opfer, die noch lange Wochen trotz der Vernichtung des Nervensystems leben können, in Löcher, die sis vorher ausgehöhlt haben und bewahren jene hier auf, damit sie der Brut als Nahrung dienen. Das Ueber- rafchende dabei ist, daß diese Wespen genau die Stelle wissen, an welchen der Nervenknoten oder die einzelnen Ganglien der ver­schiedenen Thiere liegen. Den Spinnen versetzen sie einen ein­zigen Stich in den großen Ganglienknoten, der die Hauptmasse der Nervensubstanz bei diesen Thieren darstellt. Die Käfer legen sie auf den Rücken und stechen ihnen in die Haut zwischen dem ersten und zweiten Beinpaare, wo die Centralstelle der Nerven liegt. Den Raupen bringen sie mehrere Stiche bei genau an der Stelle, wo die einzelnen Rückenmarksknoten liegen, kurzum, bei jedem Thiere kennen diese unheimlichen Feinde anatomisch genau die Stelle, wo ihre Opfer ihren Zwecken ent­sprechend zu treffen sind.

Beruht hier der Instinkt auf einem grausamen und fast raffinirten Kunstgriff, so haben andere Instinkte etwas Rühren­des und Erhebendes. Der Hund, der sich an seinem Herrn so gewöhnt, daß er sich für ihn opfert, oder in Trauer dahin­welkt, wenn jener stirbt, der Vogel, der ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben sich dem überlegenen Feinde entgegensetzt, wenn dieser seine Jungen angreift, sie geben uns Beispiele dafür, daß die Natur nicht nur Gefallen findet an Grausamkeit und Zerstörung, daß auch hier Züge zu finden sind, die wie lieb­liche Idyllen auf uns wirken.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.