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„Sie haben eine Kranke hier, die mich zu sehen wünscht?
süß in ihre Brust zurück.
Sie hätte lachen können über das traurige Klagen des Windes draußen; das war der Trauergesang von Schmerz und Weh, Noth und Tod; was hatte das mit ihr zu thun, die mit einem Lächeln auf den Lippen diesen schwermüthigen Tönen lauschte und dabei dachte, wie glücklich ste sei- Da kam Fried« Frau Seidel ihr die Thur, rich, ein alter Diener des Hauses, auf das Boudoir zu; als r,nF'w ß f
er sich seiner jungen Herrin näherte, sah er sich flüchtig nach allen Seiten um, damit Niemand höre, was er ihr zu sagen
hob die Gräfin an. , , , , , , LU ...
„Ja, die Frau, die zur Miethe bei mir wohnt," versetzte Frau Seidel, „der Arzt meinte, sie könne jede Minute sterben. - Sie liegt oben," suhr ste sort, „soll ich die Frau Gräfin
$eUe Seife näherte sie sich dem Bette und dann stieß sie einen leisen Ausruf der Ueberraschung aus- Bleich und abgezehrt mit tiefen Schatten unter den Augen, lag dort dasselbe schöne Gesicht, das Martha diesen Sommer gesehen hatte. Es war die elbe Frau, die ste diesen Sommer am Parkthore um eine Rose gebeten hatte. Mit brennendem Blick ruhten die großen, traurigen Augen auf ihr; die Lippen zitterten und bebten, vermochten aber kein Wort hervorzubringen.
„Sie wünschten mich zu sehen," Hub Martha an, „ich
auf ihr.
Es war ein kalter, trüber Morgen ohne einen einzigen Sonnenstrahl, als Martha sich zum Ausgehen zurechtmachte.
„Sie werden frieren, Frau Gräfin," sagte Nannette, ihre Jungfer, und hüllte ste noch in ein warmes Tuch.
„Ja, aber eine Morgenpromenade wird mir gut thun, erwiderte Martha, „wenn der Graf nach mir fragen sollte, so sagen Sie ihm nur, ich sei ausgegangen, werde aber um zehn Uhr wieder zurück sein."
Als Martha das ihr bezeichnete Häuschen erreichte, öffnete
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„Frau Gräfin," sprach er dann und zog em zusammen« -
gefaltetes Blatt Papier hervor, „ich soll Ihnen dies geben, hinaufführen? ohne daß Jemand davon hört oder steht."
Hastig öffnete Martha das Billet, es war fast unleserlich, als ob die Hand, die er geschrieben, heftig gezittert hätte.
„Frau Gräfin," lautete es, «der Arzt sagt mir, ich muffe sterben; schon seit zwei Tagen ringe ich mit dem Tode, ich kann die Welt nicht verlaffen, bis ich Sie gesehen habe. Wenn ich Sie nicht noch einmal sehen und sprechen kann, habe ich keine Antwort auf die Fragen, die mir im Jenseits vorgelegt werden. Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an — kommen Sie zu mir — zögern Sie nicht. Und wenn Ihnen die Liebe und das Glück Ihrer Umgebung werth ist, so sagen Sie Keinem ein Wort hiervon. Sie finden mich in dem kleinen, grauen Häuschen unten bei den Weiden."
„Sonderbarl" sprach Martha, nachdem sie gelesen- «Wer hat das gebracht, Friedrich?"
„Frau Seidel, die unten bei den Weiden wohnt."
„Wollte sie nicht auf Antwort warten?"
„Nein, sie bat mich nur, der gnädigen Frau das zu geben, wenn Niemand dabei fei."
„Es muß eine Bitte um Geld fein," dachte Martha, als
„Nein, bemühen Sie sich nicht, ich kann allein gehens
Selbst als Martha die schmale Holztreppe hinaufstieg, klangen ihr die Worte in den Ohren: „Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an."
Das Räthfel sollte bald gelöst werden. .
Auf ihr Klopfen rief eine matte Stimme: „Herein I
Wann wird die junge Gräfin je das Bild vergessen?
Es war ein kleines, kahles, aber sauberes Zimmer, m das Gräfin Martha trat. An der einen Wand stand ein schmales Bett, davor ein kleiner Tisch; in dem Ofen brannte ein helles
sie wieder allein war. „Ich wünschte, daß, wer es auch geschrieben haben mag, mir einfach gesagt hätte, was er wollte."
Aber die seltsam feierlichen Worte: „Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an," wollten ihr nicht aus dem Sinn und drangen immer durch die lustigen Klänge der Ballmusik hindurch.
„Du scheinst müde, Martha," sagte Curt zu seiner jungen Frau.
„Nein, ich bin nicht mehr müde," versetzte sie schnell, „nur —"
Dann stockte sie plötzlich, denn sie erinnerte sich der Worte: „Wenn Ihnen die Liebe und das Glück Ihrer Umgebung werth ist, so sagen Sie Keinem ein Wort hiervon."
„Nun?" wiederholte Curt lächelnd, doch sah er verwundert, daß seine Gattin erröthete und die Worte ihr auf den Lippen er starben. ,,, r
Sie gab eine ausweichende Antwort und wandle sich ab. Wie gern hätte sie ihm das Billet gezeigt und ihn gefragt, was er davon halte, und doch hielt sie eine seltsame Furcht davon zurück, ste wagte nicht, dem geheimnißoollen Befehl zu« wider zu handeln-
Sie war froh, als die Baromn Golzach sich verabfchiedete; bald folgten auch die anderen Gäste ihrem Beispiel, und nachdem der letzte Gast das Haus verlassen, zog sich auch die Familie, befriedigt von dem herrlichen Abend, zurück.
Fast zum ersten Male floh die junge Gräfin der Schlaf. Unruhig warf sie den goldenen Kopf hin und her und zum ersten Male hörte sie aus den Klängen des Windes den bitteren Schmerzensruf von Noth und Verzweiflung.
„Dieser Unruhe muß ich ein Ende machen," dachte sie- „Vor zehn Uhr wird morgen Niemand beim Frühstück fein; ich «erde mich um acht ankleiden und nach den Weiden gehen.
i Wenn Curt mich bemerkt, wird er glauben, ich mache eine Morgenpromenade."
Doch schon dieses unschuldige Geheimniß lastete schwer
Schönheit und Anmuth derselben Drost dafür, baß Melanie i von Selten nie Herrin dieses alten Schlosses sein konnte.
Als Curt mit ihr am Arme die glänzend erhellten Räume durchschritt, hörte er diese voll Freude und Ueberraschung zum ersten Male mit Wärme und Bewunderung von seiner Gattin reden. Und als sie' in ein kleines, stilles Boudoir kamen, fanden sie Martha, die sich auf ein paar Minuten hierher zurückgezogen hatte. e ; ~
„Ich bin müde," antwortete ste auf eine Frage ihres Gatten, „müde von Glück und Vergnügen."
Curt lächelte, und die Gräfin, die Martha feit ihrem Hochzeitstag nicht geküßt hatte, beugte sich zu ihr herab und drückte ihrs Lippen herzlich auf das schöne Gesicht, das bei dieser Berührung vor Freude erglühte.
„Du hast mich heute Abend entzückt," sagte sie herzlich, „ich glaube wirklich, Du erringst Dir Aller Herzen."
Dann ging sie weiter und ließ die beiden Gatten alldm.
„Ach, Curt, ich bin zu glücklich," sprach Martha, „eine einzige Sorge hatte ich: daß Deine Mutter mich nie lieb gewinnen würde. Aber jetzt weiß ich das besser und ich hoffe, daß ich ihr einst noch ebenso lieb werde, wie Melanie."
„Noch viel lieber," erwiderte Curt mit einem innigen Blick in das schöne Antlitz. ,, ,
„Dann bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig," sagte Martha mit einem Seufzer unaussprechlicher Befriedigung.
„Ich kann nicht bei Dir bleiben, Kind," sagte Curt, „ruhe noch eilt paar Minuten, ich komme dann wieder und hole Dich."
Lächelnd begegneten sich ihre Blicke, und viele Jahre vergingen, ehe Curt denselben glücklichen Ausdruck wieder auf dem schönen Gesicht sah. .
Aus der Ferne tönten zu Martha dis Klänge der Musik herüber, dann und wann von dem klagenden Ton der Winde unterbrochen, welche die Wipfel der Bäume und mit dem Schmerzensrufe einer verlorenen Seele die Mauern des Schlosses umkreisten- Aber die schöne, junge Gräfin, die keine Sorge kannte, ruhte behaglich in dem kleinen, matt erleuchteten Bou« doir, während der Schein des Kaminfeuers auf ihren Juwelen glitzerte und einen Heiligenschein um ihren goldenen Kopf warf.
Die Erinnerung an die Worte der Gräfin klangen noch


