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zu suchen, ob sich da nichk etwas finden würde, das ihr Aufschluß über ihre Herkunft geben könnte. Sie suchte und suchte — aber vergebens; sie fragte die älteren Leute, die seit lange in den Diensten der Gräfin gestanden hatten, aber auch sie konnten oder wollten ihr nichts sagen. Endlich gab Martha die Hoffnung auf, je etwas über dieses so gut bewahrte Ge- heimniß zu erfahren und suchte es zu vergeffen.
Schnell rückte die Zeit näher, zu welcher Martha dem Geliebten versprochen hatte, die Seine zu werden. Die Gräfin Roddeck begegnete der Braut ihres Sohnes immer freundlich und liebenswürdig, in ihrem Herzen hegte sie aber immer noch etwas wie Unwillen gegen Die, welche unbewußt ihren Lieblingsplan und Lieblingswunsch durchkreuzt hatte.
Als der Frühling mit feinen Knospen und Blüthen kam, da fand die Hochzeit in der kleinen, hübschen Kirche zu Bergs- dorf statt, und von all' den geladenen Gästen wünschte der jungen Frau Niemand so von Herzen Glück, wie Melanie von Selten. Unter den Gästen befand sich auch Herbert von Kal- born. Mit Freuden hatte er seines Freundes Einladung angenommen, denn er sehnte sich darnach, Melanie wiederzusehen.
Er stand an ihrer Seite, als der Wagen, der das junge Paar entführte, davonrollte.
„Die sind glücklich," seufzte er. „Ach, welch' beneidens- werthes Loos haben manche Menschen; an Curts Himmel ist, glaube ich, keine Wolke; bei mir allein fehlt aller Sonnenschein!"
„Ihnen!" rief Melanie erstaunt. „Seit ich denken kann, hat mein Vetter stets von Ihnen als einem der glücklichsten 9J?cnfdjßtt Qßtcbct/'
„Ich kann mich ja auch nicht beklagen," versetzte Herbert, „ich habe bisher gelebt wie die Blumen, ohne mir um etwas Gedanken oder Sorgen zu machen. Erst, wie sich der Ehrgeiz in mir regte und es mich nach einem gewisien Schatz gelüstete, erst da fing ich an, ernster über das Leben nachzudenken, und wie ich in mich blickte, da sah ich wohl, daß ich jenes Schatzes nicht werth war. Wer gewinnen will, muß auch kämpfen."
„Warum thun Sie das nicht?" entgegnete Melanie trotz des inneren Kummers voll Interesse. „Sie sind zu gleichgültig. Vor Allem muß ein Mann Zutrauen zu sich selbst haben, wenn er will, daß Andere ihm vertrauen."
„Fräulein Melanie," rief da Herbert plötzlich, „wollen Sie einen Pact mit mir schließen? Wollen Sie meine Freundin sein? Ein Mann ist manchmal nur dann edler Thaten fähig, wenn ihn ein edles Mädchen dazu antreibt. Seien Sie meine Freundin, und nichts soll mir zu einem Versuch zu hoch oder zu schwierig sein, wenn Sie mir helfen wollen. Ich würde Ihre Freundschaft höher schätzen, als die Liebe der ganzen Welt!"
Herbert war ahnungslos davon, daß seine Worte eigentlich nichts Anderes waren, als eine Liebeserklärung, und Melanie lächelte, als sie in sein hübsches, von Eifer geröthetes Gesicht sah.
„Wenn Sie meinen, daß Ihnen das von Nutzen.sein kann, will ich Ihre Freundin sein," sagte sie munter.
„Gut," rief Herbert und ergriff ihre Hand, „ich nehme dankend Ihr Anerbieten an und wenn je die Zeit kommen sollte, wo Sie eines kräftigen Armes und starken Herzens bedürfen, stelle ich Ihnen mein Leben zur Verfügung."
Diese Worte vergaß Melanie nicht.
Vierzehntes Capitel.
Curt von Roddeck war mit seiner jungen Frau von der Hochzeitsreise nach der Residenz zurückgekehrt.
Die junge Gräfin war so reizend und anmuthig wie immer, nur besaß sie als Frau noch eine ruhige, edle Würde, die ihre Schönheit noch erhöhte, und hätten sich nicht all' ihre Gedanken auf ihren Gemahl concentrirt, so hätten die Huldigungen und Schmeicheleien, die ihr von allen Seiten zu theil wurden, ihr wohl das Köpfchen verdrehen müssen.
So lebte sie wie in einem langen, köstlichen Traum. In Liebe war sie aufgewachsen, Kummer und Sorge kannte sie nur dem Namen nach. Den einzigen Schmerz, den sie je erfahren, linderte die Alles heilende Hand der Zeit.
Eines Morgens schien die Sonne so hell, die Blumen standen in höchster Blüthenpracht und die Zweige der hohen Bäume neigten sich, als wollten sie Martha unter ihren Schatten einladen. Alles erschien so frisch und froh, und die junge Frau setzte einen leichten Strohhut auf jhr goldenes Haar, hing ein dünnes Tuch um die Schultern und ging hinaus in's Freie; die Thür, die nach dem Park führte, stand offen, sie schritt hindurch und den breiten, schattigen Fußweg hinab.
Immer weiter und weiter ging sie, bis ihr Blick plötzlich erschrocken auf der Gestalt einer ärmlich gekleideten Frau haften blieb, die in eigenthümlicher Stellung auf einem moosbewachsenen Steinblock dicht am Gitter saß. Neugierig hatte sie den Fußweg hinabgeblickt, als der erste Schimmer von Marthas Hellem Kleide sichtbar wurde, und die Kinder, die in der Nähe spielten, gefragt: „Wer ist die Dame dort im weißen Kleide und mit dem goldenen Haar?"
' „Das ist die junge Gräfin Roddeck," hatten die Kinder geantwortet.
Da trat ein seltsamer Ausdruck in das Gestcht der Frau und ihre Augen folgten einer jeden Bewegung der großen schlanken, weiß gekleideten Gestalt. Martha aber sah sie erst, als sie ihr ganz nahe war, und da fiel ihr das tief bekümmerte und immer noch schöne Gesicht, der müde Blick der großen, blauen Augen und die Schwere und Mattigkeit der ganzen Gestalt auf. Als sie der Frau noch näher kam, stand diese auf und sagte, den Blick fest auf das junge, schöne Antlitz vor ihr gerichtet: „Verzeihung, gnädige Frau, ich bin viele Jahre von Deutschland fern gewesen, daß ich seit lange keine deutsche Blume sah. Wollen Sie mir eine der Rosen schenken, die da im Parke stehen?"
. Martha brach eine der schönsten Rosen und reichte sie der Frau.
„Sie sehen so müde aus," sagte sie in freundlichem Tone, „Sie kommen wohl von weit her?"
„Ja, viele, viele Meilen weit," lautete die Antwort.
„Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?" fragte Martha weiter und zog halb die Börse aus der Tasche.
„O nein-, nein!" wehrte die Fremde hastig ab. „Es verlangte mich nur nach einer solchen Rose, für die ich Ihnen herzlich danke."
Und als traute sie sich nicht, auch nur noch ein Wort hinzuzufügen, wandte fie sich hastig um und war bald zwischen den dichten Bäumen verschwunden.
Verwundert schaute Martha ihr nach.
„Was für ein schönes, kummervolles Gesicht!" murmelte sie. „Da steht eine ganze Geschichte darauf geschrieben."
Fünfzehntes Capitel.
Die Zeit verstrich und mit dem nahenden Weihnachtsfeste fand in der Villa Roddeck große Vorbereitung für die. dazu erwarteten Gäste statt.
Unter diesen befanden sich auch Curts Mutter und Melanie, welche ihre Tante nicht verlassen hatte, und Herbert von Kal- born, der keine Gelegenheit versäumte, der „Freundin" zu be- . weisen, daß er mit festem, ernstem Willen auf dem besten Wege war, ein Mann von Ruhm und Namen zu werden: er hatte mit Eifer die diplomatische Carrisre erfaßt und dabei schon manche Lorbeeren geerntet.
Ein glänzender Ball sollte das Weihnachtsfest der Glücklichen krönen. .
Endlich war der sehnlich erwartete Abend da. Dar Schloß glich in seiner glänzenden Beleuchtung einem wahren Flammenmeer. Das ganze Schloß, die auf das luxuriöseste ausgestatteten Räume, die herrlich duftenden exotischen Pflanzen, die kleinen, so melodisch sprudelnden Fontainen, die rauschende Musik, die blitzenden Juwelen und Diamanten, die schönen, frohen Gesichter, glich fast einem Feenmärchen.
Die junge Gräfin in weißem Atlas und kostbaren Spitzen, mit den weithin berühmten Roddeck'schen Diamanten in dem goldenen Haar und auf dem blendendweißen Nacken, sah schöner aus denn je; selbst die stolze Gräfin Roddeck, als sie ihre Schwiegertochter so sah, fand in der ällgemein bewunderten


