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Nr
1893.
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Dienstag, den 14. November.
Herzenskämpfe.
Roman von Theodor Schmidt.
(Fortsetzung.)
Der entscheidende Moment war gekommen.
Die Sonne war in ihrer schönsten Pracht zur Ruhe gegangen, die abendlichen Schatten hatten stch schon leicht herab- gesenkt, als Martha, wie sie sich über das bleiche Antlitz beugte, sah, wie dte geschlossenen Augenlider und Lippen leicht erzitterten.
Die dunklen Augen öffneten sich mit einem ernsten, verwunderten Blick, der Martha bis in's Herz drang.
„Martha," hauchte die Kranke, „was ist mit mir, mein Liebling? Muß ich sterben?"
„Mama," stieß das zitternde Mädchen hervor, „laß mich mit Dir gehen."
„Ich muß Dir etwas sagen," hauchte die Gräfin, „etwas — gebt mir Luft! Mehr Luft! Ich kann nicht athmen! Ich muß Dir von Deiner wirklichen Mutter erzählen, mein Liebling. Vielleicht that ich Unrecht — aber ich hatte Dich so innig lieb — Du warst mir wie mein eigen Kind — Luft! Mehr Luft!"
Martha versuchte die Sterbende ein wenig aufzurichten.
„Ich wollte Dir sagen, meine geliebte —" Weiter kam die Gräfin nicht; ein plötzlicher Schleier legte sich über ihre Augen, eine fahle Bläffe bedeckte ihr Gesicht und der halbaufgerichtete Kopf fiel schwer in Marthas Arm zurück.
Die Gräfin hatte den letzten Athemzug gethan.
Fast so bewußtlos wie die Gräfin, die nun für immer Ruhe hatte, ward Martha in das Nebenzimmer auf die Chaiselongue gelegt.
Wenige Minuten später kam die Gräfin von Roddeck mit ihrem Sohn und voll Bestürzung vernahm'sie die Nachricht von dem so schnell eingetretenen Tode.
„Wo ist die Comtefle?" fragte der junge Graf. „Führen Sie uns zu ihr."
Als sie in das halbdunkle Zimmer traten, richtete Martha sich auf. Ihr müder, angsterfüllter Blick fiel auf Curt, dann kam sie ihm mit einem lauten Schmerzensschrei entgegen; er fing sie in seinen Armen auf und lehnte ihren Kopf an seine Brust.
„Martha, mein einzig geliebtes Mädchen," hauchte er, „komm', laß mich Deinen Kummer mit Dir theilen."
Mit überströmenden Augen stand die Gräfin Roddeck dabei. Der Anblick dieses verwaisten Mädchens, das so schön in
ihrem tiefen Schmerz war, rührte das Herz der stolzen Frau Schweigend zog sie sich zurück und ließ die Beiden allein, deren Liebe der Tod geweiht hatte.
Dreizehntes Capitel.
Die Gräfin von Roddeck redete, der verlassenen Waise auf's Wärmste zu, mit ihr zu kommen, aber Martha war nicht zu bewegen, das Haus zu verlassen.
Doctor Abelt, der Anwalt der Verstorbenen, besorgte unter dem Beistand des jungen Grafen alles zur Beerdigung Erforderliche. Die Gräfin Scherwiz wurde in dem Bergsdorfer Familienbegräbniß bald darauf zur letzten Ruhe bestattet.
Am folgenden Tage fand die Eröffnung des Testaments statt. Dasselbe war sehr kurz. Außer einigen kleinen Ver- mächtniflen an verschiedene wohlthätige Anstalten und dte Dienerschaft war Martha die alleinige Erbin der herrlichen Besitzungen, der Equipagen, Pferde. Juwelen und des ganzen übrigen, sehr bedeutenden Vermögens der Erblasserin. Das Document enthielt nichts über ihre Adoption oder Verwandtschaft, noch auch nur ein Wort, dar irgend welchen Aufschluß über Marthas Herkunft gegeben hätte.
„Ich bringe Ihnen meinen Glückwunsch dar," sprach Doctor Abelt nach Verlesung des Testaments zu Martha.
„Ach, ich wünschte nur," erwiderte diese mit Thränen in den Augen, „ich hätte ein Wort über meine Mutter erfahren."
Doctor Abelt und Doctor Greling, langjährige Freunde der Verstorbenen, waren als Vormünder Marthas ernannt- Bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahre war ihr ein bedeutendes Jahrgeld ausgesetzt mit der Bestimmung, im Schloß zu Bergsdorf zu wohnen. Nur falls sie sich vor jener Zeit vermählte, sollte sie sofort in den vollen Besitz ihres Eigenthums kommen. Während der wenigen Tage, welche die junge verwaiste Erbin noch in dem großen, vereinsamten Hause in der Residenz verbrachte, leistete Melanie von Selten ihr Gesellschaft; bei ihr, der edlen, selbstlosen Melanie, fand das arme, tief, bekümmerte Mädchen den meisten Trost, und diese vergaß, wenn sie die Trauernde liebkoste und ihr das goldene Haar aus dem lieblichen, schwermüthigen Gesicht strich, daß dieses Mädchen es gewesen, das ihr den Geliebten geraubt hatte. Statt der glänzenden, jugendlichen Schönen, die Curts Herz gewonnen hatte, sah Melanie jetzt nur ein bekümmertes, einsames Mädchen, und Martha hing an ihr wie an einer Schwester.
Gegen Ende Juni begab sich Martha mit ihrer neu- . engagirten Gesellschafterin, der verwittweten Frau Regierungsrath Balzer, nach Bergsdorf.
In das Heim ihrer Kinderzeit zurückgekehrt, beschloß Martha, unter den Briesen und Papieren der Verstorbenen


