L-

Aber wir wollen hier gleich bemerken, daß das Schönheits­gefühl nicht in dem Maße beleidigt wird, als man annehmen sollte, wenn man diesen gigantischen Aufbau nicht persönlich gesehen hat; derselbe bringt mit seinen durch Pfeiler unter­brochenen Fensterreihen auf viele Personen, besonders von Weitem, den Eindruck eines großartigen Speichers hervor, welcher von hohem, in der Mitte mit einem durch fünf Man­sarden unterbrochenen Dache gekrönt ist, das man seitlich durch vorspringende Giebel geschmückt findet. Der Haupteingang, dessen Rundbogen beinahe die Höhe der dritten Etage des Gebäudes erreicht, macht auf alle Fälle einen imponirenden, monumentalen Eindruck, und derselbe wird durch die sehr ge­räumige, schön decorirte Eintrittshalle noch vermehrt. Letztere durchschreitend, kommen wir auf den mit einem Glasdach über­deckten Hof hinaus, der vollständig mit herrlichen Mosaiken ausgelegt ist, während man die Wände desselben und die Strebepfeiler mit weißen Marmorplatten ornamentirt hat. Auf diesem Hofe stehend, genießt man den gleichzeitigen An­blick der vierzehn im schnellen Tempo geführten Auszüge mit den uniformirten Conducteuren und der stets wechselnden Menschenfracht, die sich aus allen Völkern der Erde zusammen­setzt, auf jeder der einundzwanzig Etagen Personen einnehmend oder abladend, während nur zwei Aufzüge für Maaren vor­behalten sind. Links und rechts von den Treppen befinden sich die Telegraphen- und Telephon-Bureaus, ebenso die Brief­kasten der verschiedenen Miether der Räumlichkeiten, und der Rest in sämmtlichen Stockwerken wird von Comptoiren und Magazinen eingenommen. Architektonisch ist die Grundfläche sämmtlicher Etagen ganz gleich eingethetlt, und aus den zahl­reichen Fenstern der höchstgelegenenobservatory" Stern­warte genannten, hat man eine nicht zu beschreibende, herrliche Aussicht über Chicago, sowie den Michigansee. Am Abend wird das flache Dach der 21. Etage mit electrischem Licht erleuchtet, und während des ganzen Tages entwickelt sich hier ein sehr reges Leben, denn von Palmen und Blumen um­geben, kann man Eislimonaden trinken, während liebenswürdige Vertreterinnen des schönen Geschlechts Medaillen und sonstige Andenken an denmasonic temple verkaufen. Nach des Tages Last und Mühen, wenn die Sonne es gar zu gut mit den Bewohnern Chicagos gemeint hat und endlich der Mond seine milden Strahlen herabsendet, ist die 21. Etage ein Auf­enthalt, wie er nicht schöner und kühler gedacht werden kann. Diese» höchste Stockwerk enthält auch den bedeutendsten Theil der Röhrenanlagen, um den Dampf zur Heizung in sämmtliche Comptoirs und Magazine zu leiten, dann die Wasserbehälter in cylindrischer Form für die hydraulische« Aufzüge, welche in Eisenblech ausgesührt sind, eine Länge von 7,54 Meter auf eine Breite von 2,20 Meter besitzen und mit einem Druck von 145 Pfund auf den Quadratzoll bewegt werden. Auch die Trinkwasser-Reservoire befinden sich dort, 4,40 Meter lang, 2,50 Meter breit, während hierbei der Druck nur 125 Pfund beträgt. Auf der 19. Etage sind alle diejenigen Dienstzweige untergebracht, welche den Miethern, Herren oder Damen, das Leben angenehm machen können. Dort befinden sich z. B. groß­artig eingerichtete Baderäume für beide Geschlechter, Frisir- und Barbier-Loealitäten, Schuhputzer-Hallen, auch die Water- Closets. Die 18. Etage gehört einer Freimaurer-Loge an. Man bemerkt einen schönen, gewölbten Saal, dessen Pfeiler mit elektrischen Girandolen geschmückt sind und der mehr als 600 Personen fassen kann, dann einen anderen Saal für kleinere Versammlungen, ganz mit Holztäfelungen und Säulen im assyrischen Styl versehen, einen dritten Saal, durch eine herrliche Orgel ausgezeichnet, endlich noch viele Räumlichkeiten, die zu Garderoben und verschiedenen Bureaus dienen.

Auch die 18. Etage gehört den Freimaurern, aber einer anderen Loge, als der vorher genannten, an. Der Hauptsaal mit den drei Sesseln für die Großmeister im Hintergründe und zwei Reihen von Sitzen an den Seiten der Wände ent­lang für die Brüder, mit seiner orientalischen Decoration, macht einen sehr ernsten Eindruck, ebenso ein zweiter großer

Saal für die Maurer beiderlei Geschlechts, wiihrend derblaue Tempel" einen feenhaften Anblick gewährt, wenn seine 24 ver- goldeten Kuppeln durch electrisches Licht erleuchtet sind. Kleinere Räume nehmen den Rest des Stockwerks, wie bei der vorher genannten Gesellschaft, ein.

Sämmtliche andere Etagen sind von den verschiedensten Industrie- und Handelszweigen eingenommen, z. B. hat sich auf der siebenten der Lebensversicherungsclub häuslich nieder- gelassen; auf der vierten, fünften und sechsten sind die Jun>r. liere installirt, welche einen großartigen Conferenzsaal besitzen, auf anderen Stockwerken haben sich die Banquiers, Zahnärzte, Ingenieure u. s. w. eingemiethet.

In den unteren Räumen liegen die verschiedenen Maschinen- anlagen und das Bureau des Chef-Ingenieurs. Acht große Kessel erzeugen den nöthigen Wasserdampf, um sämmtliche Maschinen des Colossalbaues in Thätigkeit zu erhalten, und daneben befinden sich die geräumigen Lagerstellen für die Kohlen. Alle Apparate, welche dazu dienen, eleetrifches Licht hervorzu­bringen, sind doppelt vorhanden, damit ein unvorher gesehener Fall nicht denFreimaurer-Tempel" in plötzliche Finsternis versetzen kann, und es sind sechs Dynamomaschinen von 750 Ampere und 110 Volt vorhanden. Um die zwölf Personen- Aufzüge in Bewegung zu setzen, sehen wir drei Dampfpumpen, welche zusammen 1000 Pferdestärken entwickeln, während zwei folcher die Maaren - Aufzüge treiben und das Trink-, sowie warme Wasser gleichfalls von je zwei Pumpen gehoben wird. Wir erkundigten uns bei Mr- Grover, dem managet (Director), wie es denn mit den Miethspreisen stünde, und erhielten die Ant­wort, daß 5000 Mark der höchste Werth sei, welcher nament­lich von einigen Korporationen oder Privaten gezahlt werde. Diese nehmen mehrere Bureaus und vereinigen dieselben je nach ihren Bedürfnissen oder Belieben. Sehr viele Miether zahlen 200 Mark monatlich, doch kann man auch schon ein kleines Comptoir für 100 Mark erhalten. Wenn das ganze Gebäude voll besetzt wäre, das heißt die den Freimaurer-Logen abgetretenen Localitäten, die Fest« und Conferenzsäle normal mit Menschen angefüllt wären, wie alle Bureau - Miether, die Commis, Dienstleute u. s. w. sämmtlich sich in einem gegebenen Augenblick im Haufe befinden könnten, dann würde dermasonic temple ungefähr 10000 Personen beherbergen.

Man wendet diesem Produkt des nimmer rastenden ameri­kanischen Unternehmungsgeistes den Rücken mit dem Gefühl, daß jenes Monument wohl das höchste fei, was die moderne Baukunst^bei einem Privatgebäude hervorbringen könne, aber weit gefehlt. Chicagos Einwohner übertrumpfen sich gegen­seitig, und gegenwärtig ist ein Bauprojekt in den Vordergrund getreten, dessen Ausführung denFreimaurer-Tempel" weit hinter sich zurücklassen würde. Es handelt sich nämlich um einen Riesenthurm,the Odd Fellows Building, vier- unddreißig Etagen, ein Gebäude, das wie das vorher beschriebene, dem Handel und der Industrie dienen soll. Dm Kern des Ganzen nimmt ein achteckiger Thurm ein, an welchen sich, gleich Strebepfeilern, die sie auch in Wirklichkeit reptü- fentiren, in Kreuzesform Thürme von 22 Etagen anlehnen, während sich in den so gebildeten vier Winkeln Gebäude von zehn Stockwerken erheben.

Was darnach kommen wird, wer kann es wissen?

- O. -

Vermischtes.

Vom Kasernenhofe. Sergeant (zu den eben ein- gekleideten Rekruten):Seht Ihr, Jungens, nun seid Ihr Soldaten! Wenn ich Euch nun den Rock auszög', würdet Ihr sofort wieder in Euer civiles Nichts zurückstukeu!"

* *

Abkühlung. Dame: ^Gestern habe ich an Sie ge' dacht!" - Geck:O, welches Glück! Und bei welcher Ge­legenheit, wenn ich fragen darf?" Dame:In der Con- ditorei; ich gerade Windbeutel!"

484 ---

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'fchm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.