in Air, so sollst Du in mir das Höchste sehen! Vermagst Du das nicht? Ist Dir eine so rückhaltlose Hingebung unmöglich? Wird sie Dir es immer sein?"
„Ja, Georg. — Mehr als treue, schwesterliche Freundschaft darfst Du nie von mir verlangen."
„Und um mir das zu sagen, bist Du gekommen?"
„Um Dir die Hand zu einem schönen, innigen Freundschaftsbunde zu bieten."
„Haha!" lachte er schneidend und bitter auf. „Für so bescheiden darfst Du mich denn doch nicht halten. Von einem Verhältnis, wie es Hysterische oder überspannte Dichter zwischen Mann und Weib für möglich halten, kann keine Rede sein. Freundschaft sproßt vielleicht auf dem Boden einer kühlen gegenseitigen Zuneigung hervor, als arme, verkümmerte, duft- und farblose Pflanze, wo jedoch die oft giftige, aber immer entzückende Wunderblume „Liebe" ihre Wurzeln schlug, da kann das arme kleine, an der Erde kriechende Gewächs nicht fortkommen. Nichts oder Alles ist mein Wahlspruch I Erringen oder selbst zu Grunde gehen auf den Trümmern zerschellter Hoffnungen! — Du bist mein. Der Ring an Deiner Hand kettet Dich an mich, und ich werde nie freiwillig diese Fessel lösen. Kann ich Dich nicht losreißen von Dem, was Dich an die Vergangenheit knüpft, dann desto schlimmer für uns Beide! Glück oder Verzweiflung, Jammer oder grenzenlose Lust! — Ein Mittelding gibt es in diesem Falle nicht."
„So weisest Du zurück, was ich Dir mit warmem, treuem Herzen bieten wollte?"
„Ja! Es ist mir zu wenig. Ich bin kein Bettler, der für Pfennige oder für ein trockenes Stück Brod dankt."
Traurig wandte sie sich ab und legte die Hand auf die Thürklinke.
„Rafaele!" tönte es noch einmal an ihr Ohr.
Regungslos blieb sie stehen, wie fest gebannt durch die allmächtige Gewalt einer Leidenschaft, welche sie zwar nicht zu erwidern vermochte, die aber doch ihr ganzes Sein, wie in einem Zaubernetze, gefangen nahm-
„Georg? —"
»War das Dein letztes Wort? — Wirst Du nie — nie anders zu mir sprechen?"
Lange schwieg sie, die verborgensten Tiefen ihrer Seele erforschend, um dann schmermüthig zu erwidern: „Rein — nie!"
„Kann Dein Herz sich mir niemals zuwenden?"
„In der Weise, wie Du es verlangst, — nein! Doch —" „Es ist gut! Gehe!"
Wie schroff und kalt das klang! Die Thränen stoffen schweren, schimmernden Perlen gleich über die Wangen der jungen Frau.
„Gott helfe uns Beiden, Georg," flüsterte sie mit versagender Stimme, dann rauschten die Portieren hinter ihr zu und Frank sank in den vor dem Schreibtisch stehenden Stuhl, preßte die geballten Hände an die brennenden Schläfen und ächzte, den Todtenkopf anstarrend: „Wer erst so weit wäre wie Du und über alle Erdenpein lachen könnte!"
Wie lange er so saß, die Stirne in beide Hände gestützt, vermochte er selbst nicht zu berechnen- Zweimal kam der Diener, um zu melden: „Herr Doctor, int Wartezimmer sind verschiedene Personen."
„Sie mögen sich gedulden!" lautere die barsche, ungeduldige Antwort.
Wieder vergingen Minuten — oder Stunden? Er wußte er nicht und fuhr erst empor, als sich eine kleine weiche Frauenhand auf seine Schulter legte. War Rafaele zurückgekehrt? — Ach, nein — Magda stand vor ihm, die großen, schwarzen Augen weit und angstvoll geöffnet.
„War ist vorgefallen zwischen Euch Beiden?" stammelte sie. „Rafaele weint und will mir nicht antworten? O, wie weh that mir dieses herzzerreißende, trostlose Schluchzen! Und Sie? — Warum bleiben auch Sie stumm? Mein Gott, ich vergehe vor Sorge und Bangigkeit. Kann ich denn nichts - nichts thun, um hier zu helfen? Ich möchte ja so gern einen Theil der schweren Last tragen."
„Ist es Ihnen wirklich ernst damit ß" fragte er schroff. „Können Sie zweifeln?"
„Ich muß es. Rafaele krankt immer Noch an einer Liebe, die nicht fortbestehen darf, wenn wir den Frieden finden sollen."
„Ich weiß es," erwiderte sie, in einen Stuhl sinkend.
Frank sprang auf. Verzehrendes Feuer glühte in seinen Augen. Magdas Hände ergreifend, senkte er den Blick tief in den ihren, daß es ihr wie eine flüssige Flamme durch die Adern rieselte.
„Sie wiffen es und kommen mir und ihr in diesem Kampfe nicht zu Hilfe?"
„Wie kann ich das?"
„Sie sind ihre Freundin, ihre Schwester und Vertraute." „Ja -"
„Und sollen und müssen Ihren ganzen Einfluß aufwenden, um sie von dieser Verirrung des Herzens zu heilen."
„Solcher Macht entbehre ich."
„Sie wollen dieselbe nur nicht ausüben."
„Warum sollte ich zögern, wenn es zum Heile Derer wäre, die mir theuer sind."
„Dann sprechen Sie zu Rafaele, wie Sie zu mir sprachen."
„Zu Ihnen?"
„Ja- Sagten Sie nicht so und so oft: Ich mißtraue diesem Erich von Degenfeld. Mir ist es längst klar geworden, daß ihn nur Eigennutz und nicht echte, wahre Liebe leiten?"
„Nein — dann hätte ich behauptet, was gegen meine Ueberzeugung gewesen wäre. Ich glaubte immer, Rafaele sei ihm das Höchste auf der Welt."
„Sie wollten es glauben, weil Sie es wünschen mußten. Sie bemühten sich, den Zweifel zu tödten, aber er wuchs immer wieder riesengroß empor, Sie suchten ihn aller Welt zu verbergen und liehen doch oft — vielleicht unbewußt — der bittern Sorge Worte. Erinnern Sie sich nicht, einmal in der mittleren Fensternische des blauen Salons und einmal im Garten unter der blühenden Akazie zu mir gesagt haben: Erich ist wankelmüthig, leichtsinnig und keines tiefen Gefühles mächtig. Ich fürchte, er weiß den Edelstein gar nicht zu schätzen, den ihm das Schicksal darbietet?" (Fortsetzung folgt.)
Wie man in Wicago baut.
Original-Correspondenz.
------- (Nachdruck verboten.)
Chicago hat schon vor der Weltausstellung einen besonderen Ruf für Gebäude - Constructionen von außerordentlicher Höhe gehabt, und viele unter ihnen besitzen zwölf, vierzehn, selbst sechszehn Stockwerke. In dieser Correspondenz wollen wir uns mit dem merkwürdigsten Monument dieser Art beschäftigen, Nämlich dem Masonic fraternity temple (Freimaurei'Tempel), welcher nicht weniger üls einundzwanzig Etagen und eine Höhe von 92 Metern hat. Dieses Haus — oder besser gesagt dieser Thurm — ist int Allgemeinen dem Handel und der Industrie gewidmet und kostete das hübsche Sümmchen von 8000000 Mark. Die Construction dieses coloffalen menschlichen Bienenkorbes bedurfte specieller Vorbereitungen, indem man zuerst ein Gußstahlgerippe aufbauen mußte, und als die Haupttheile des imposanten Gebäudes fertig gestellt waren, fingen erst die Maurer an, um dieses Stahlgerüst herum das Steinwerk aufzubauen. Die Amerikaner benennen diese Art des Garnirens: das Ueberziehen des Stahl- oder Eisengerippes mit einer „Haut." Die letztere besteht bei diesem Monumentalbau in den Unteretagen aus großen Granitquadern, auf welche sich dann die Mauersteine thürmen, während die Faqade mit Platten aus gebranntem rothem Thon oder Granit ausgeschmückt wird.
Selbstverständlich ist es beinahe unmöglich, jenem riesigen Conglomerat von Eisen, Stein und Glas ein dem Auge sehr angenehmes Aeußere zu geben, ein Umstand, welcher durch die so außergewöhnliche Höhe schon an und für sich bedingt ist.


