r-' M -
„Weißt Du es denn?" fragte die junge Frau, sie über* rascht anblickend.
„Nein, aber ich ahne es. Kann sich nicht auch der Bettler ungefähr denken, wie Dem zu Muthe ist, der auf seidenen Kiffen ruht und sich mit allen Wundern feenhaften Glanzes umgeben darf? In Deinen Adern muß Eiswaffer statt Blut fließen, weil nichts Dich zu erwärmen vermag."
„Du selbst machtest mir die bittersten Vorwürfe, daß ich mich bewegen ließ, Georgs Braut zu werden."
„Das that ich! Mich ergriff damals eine unbeschreibliche Angst, ob um Dich oder um ihn, weiß ich nicht. Zwischen Euch treten, Euch auseinanderreißen, trennen für Zeit und Ewigkeit hätte ich mögen; vielleicht, well mir das Elend vorschwebte, das ich nun täglich vor Augen habe. Es ist ja etwas von einer Kaffandra in mir, von einer unseligen Hellseherin, der sich das Unheil schon zeigt, wenn rosige Wolken es noch anderen Sterblichen verhüllen. Ja, ich würde Dich gern von den Stufen des Altars zurückgestoßen haben — doch des Schicksals Schritt ist nicht zu hemmen. Von Erich hast Du Dich losgesagt; jetzt finde die Kraft, Dich Deiner neuen Lebensaufgabe voll und ganz zu weihen. Du sollst Frank nicht unglücklich machen, nicht hemmen in seinem Flug zur Sonne, indem Du ihn durch das Bleigewicht häuslichen Unfriedens in den Staub herabziehst."
„Du sprichst immer nur von ihm und nie von mir," sagte Rafaele befremdet.
Mazda warf sich an ihre Brust. „Verkenne mich doch nicht! So Vieles stürmt auf mich ein. Wie die wildbewegte Woge über das Ufer hinweg, so strömt, was ich denke und fühle, über meine Lippen. Ich kann es nicht ändern. Mehr als Freundin und Schwester warst Du mir immer und bist es mir noch, deshalb möchte ich Dich ausgesöhnt wissen mit Deinem Loose und eins mit den Pflichten, die Du übernommen hast. Ich weiß ja, ich sehe es stündlich, welch' ein gewaltiger Character Georg ist, wie er der Natur ihre verborgensten Kräfte abringt und dank seiner unbeugsamen Energie selbst dort Sieger bleibt, wo bereits Alles verloren scheint und Andere längst zaghaft und an der Grenze ihres Könnens angekommen, den Kampf aufgegeben haben. Ist es zu verwundern, wenn dieser geistige Gigant die Scheidewand, welche Du zwischen ihm und Dir errichtetest, mit einem Schlage niederschmettern möchte, wenn Deiner ewigen kühlen Freundlichkeit gegenüber sein Zorn oft zu verheerenden Flammen emporlodert? Ich begreife das, denn wenn ich Jemand so unaussprechlich liebte, wie er Dich, und könnte ihn dann nicht aufrütteln aus seiner Lethargie, nicht losreißen von der Vergangenheit und nie einen Funken begeisterter Bewunderung in ihm entzünden, während die Welt staunend vor meinen Thaten stände, so würde ich lernen, ihn zu hassen. — Doch warum sage ich Dir das Alles und was hilft es? Dein Mund bleibt ja doch stumm, well Dein Herz Dir keine Vorwürfe macht."
Mit ihrem gewöhnlichen Ungestüm wandte sich Magda ab und eilte fort.
Sinnend stützte Rafaele den Kopf in die Hand. Sie hatte immer gemeint; Alles in Gegenwart der Mutter Versprochene auch getreulich gehalten zu haben und war sich des reinsten Willens bewußt. Selbst in edelster Absicht eine Lüge auszusprechen und Andere über ihre wahren Gefühle zu täuschen, widerstrebte be.n aufrichtigen und stolzen Gemüthe der jungen Frau, daß aber etwas geschehen müsse, um das häusliche Leben in Clauswitz wenigstens erträglich zu gestalten, wurde ihr allmälig klar. Streng richtend unterwarf sie ihr Betragen, dem Gatten gegenüber, ernster Prüfung. Vielleicht machte eine herzliche, freundliche Aussprache doch Alles besser und endete endlich die beklagenswerthen, immer wieder neu auftauchenden Zwistigkeiten. Der Versuch sollte wenigstens gemacht werden.
Ein reizendes, wenn auch etwas trauriges Lächeln verklärte Rasaelens Antlitz, als sie bald daraus in das Arbeitszimmer Franks trat.
„Ich komme zu Dir, weil ich mich im Unrecht fühle und
Dich versöhnen möchte," sagte sie weich und ohne zu wissen, welch' berückenden Klang sie in diese Worte legte.
Frank blickte erstaunt in die wunderbaren, in einem sanften Gemisch von hellbraun und grün strahlenden Augen, er blickte auf die weiße Hand, die sich ihm entgegenstreckte, sprang empor und umschlang, während eine dunkle Blutwelle seine Stirn färbte, das schöne Weib. Als sähe er die Sonne flimmernd und siegreich schwere, dunkle Wolken zertheilen, war ihm z, Muthe, und Rafaele mit stürmischer Leidenschast in die Arme pressend, rief er aus: „So habe ich Dich nun errungen, Du süßes, seltsames, herrliches Wesen! Ich mußte ja, daß ich es endlich erreichen mußte, und hätte mir der Himmel nicht geholfen, so würde ich zur Hölle meine Zuflucht genommen haben! Es gibt keine Seligkeit für mich, so lange D u mir fern stehst. Deine Seele, Deine Gedanken, Deine Wünsche müssen mir gehören! Und so ist es jetzt! Nicht wahr, das willst Du mir sagen, das drängt es Dich, Du Stolze, Unnahbare, mir zu vertrauen?"
„Nein, Georg täuschen darf und will ich Dich nicht," erwiderte sie, sich sanft loswindend, „das würde der Heiligkeit dieser Stunde wenig entsprechen und mich vor mir selbst erniedrigen. Dein bin ich für dieses Leben, der Mutter Wunsch und Gebot vereinigte uns, aber daß ich Dir keine zärtliche Neigung darzubieten hatte, wußtest Du. Ich hegte einst eine tiefe, unendliche Liebe — sie mußte begraben werden — aber so wie damals, wie in dieser schönen, sorglosen Zeit kann ich nie wieder empfinden. Etwas, das auch kein Gott wieder zu erwecken vermöchte, ist gestorben in mir. Meine Hand in die Deine legend, sprach ich offen und ehrlich. Heute wurde mir aber klar, daß ich meine Mission bisher doch nicht im Sinne der Dahingeschiedenen erfüllte; deshalb stehe ich jetzt vor Dir und sage: Es soll besser zwischen uns werden. Ich will mich künftig an Deinem Streben nach Kräften betheiligen, will mich Deiner Erfolge freuen, wie der eine« theuren Freundes! Du sollst mich nie mehr kalt, verschlossen und düster finden, ich werde —"
„Genug! Fernere Versprechungen kannst Du Dir sparen," unterbrach Frank sie rauh und schob sie fast heftig zurück. „Ich erhoffte — ja, erwartete mehr und bin mit Dem, was Du mir wie ein kärgliches Almosen bietest, nicht zufrieden. Den Vorwurf der Unaufrichtigkeit darf ich Dir allerdings nicht machen, aber ich fetzte voraus, gerade Dein Stolz würde Dir überwinden helfen. Was hat Erich von Degenfeld denn ge- than, um sein Glück festzuhälten? Wollten wir selbst anneh- men, daß er unschuldig wäre, so könnte doch sein Mangel an Energie nur Mitleid und Verachtung erregen. Warum wußte er sich nicht zu rechtfertigen? Ich begreife, daß e» Fälle geben kann, wo man Ehre und Seligkeit opfert, well man von dunklen Mächten dazu gezwungen wird, daß man aber freiwillig das Theuerste hingibt, daß man feig zurückweicht, ohne den Kampf zu wagen, wenn er auch noch so wenig Aussicht aus Erfolg bietet, das begreife ich nicht. Es ist jämmerlich, wenn ein Mann sich bei Seite schieben läßt, wenn er nicht gleich Simfon Alles in Trümmer stürzen möchte, über den Häuptern Derjenigen, die ihm feindlich und hindernd in den Weg treten. Fühlst — verstehst Du das nicht?"
„Ich kann ihn nicht verurtheilen, an dem einst meine ganze Seele mit überfluthender Zärtlichkeit hing."
„Und nach hängt!"
„Wäre es fo, dürftest Du mir dann zürnen? Wir sind nicht für unsere Empfindungen, sondern nur für unsere Handlungen verantwortlich, die meinen werden immer rein und ehrenhaft fein."
„Ich wiederhole Dir aber, daß ich mit diesen Brosamen, die Du mir wie einem hungernden Vogel hinwerfen willst, nicht zufrieden bin!" rief Frank, sich immer mehr und mehr erregend. „Dein unumschränkter Besitz ist es, den ich verlange, der mich entschädigen soll und muß für Vieles — ach, für unendlich Vieles. Meinst Du denn, das Bewußtsein, Dich an einer unzerreißbaren Kette neben mir herzuschleppen, könne mir genügen? Da kennst Du mich schlecht! Deine Seele begehre ich, Dein ganzes Denken will ich ausfüllen. Wie ich


