Samstag, den 14. Oktober.
1893
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Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
„Seiner Glückes? — Deine Antwort befriedigt mich wenig. Ich meine, zwischen Eheleuten darf es keine gesonderten Interessen geben, und wenn der Eine sich geehrt und erhoben fühlt, muß der Andere ebenso denken und empfinden. — Nun, vielleicht ist dar heutzutage nicht mehr Mode. — Sieh', .ich hegte keine Liebe für meinen Gatten, ja, ich sah mich sogar in mancher Hinsicht recht enttäuscht, denn mir flammte glühender Ehrgeiz in der Brust, und er war mit seinem Alltagsloose zufrieden. Wenn nur das Mahl zur bestimmten Stunde auf dem Tische stand und die bescheidene Miethe rechtzeitig bezahlt wurde, so genügte ihm das vollkommen. Ich dachte anders, ging aber trotzdem wie ein treuer, ehrlicher Kamerad neben ihm her, half ihm über viel Trübes hinweg, belebte seinen Muth immer wieder von Neuem und ließ mir nie anmerken, daß ich ein schöneres Loos ersehnte. Um keinen Preis der Welt hätte ich ihn gekränkt- Er war ein guter Mann und konnte nichts dafür, daß er so wenig Energie besaß. Freilich dachte ich oft, es wäre für uns Beide besser, wenn er am Nähtisch säße oder am Küchenherd stände, und ich an seiner Stelle ins Bureau gehen und mit den Vorgesetzten verhandeln dürfte; aber wenn mir auch solche Worte auf der Zunge schwebten, ausgesprochen wurden sie nicht. Er lebte und starb in dem Wahn: ich sei eine der glücklichsten Frauen und habe meine ganze Seligkeit bei ihm gefunden. Hätte er aber vorwärts gestrebt und Großes erreicht, so würde ich in Anbetung vor ihm auf den Knieen gelegen, würde ihn vergöttert und zu ihm wie zu einem leuchtenden Gestirn aufgeblickt haben- Mit Dir meint es das Schicksal besser. Georg legt Dir Lor« deerkränze zu Füßen, doch Du hebst sie nur auf, um ihre Blätter achtlos in den Staub zu streuen. Es thut mir um Deiner selbst willen leid, daß Du nicht anders empfinden kannst."
Auf Rafaelen» bebende Lippen drängten stch die Worte: „Aber Dein Herz ist frei und das meine ist es nicht. Du folgtest dem Gatten aus eigenem Antriebe und ich fügte mich dem Willen einer Sterbenden." Die alte Frau ließ ihr jedoch keine Zeit, sich in solcher Weise zu vertheidigen. Sie war bereits auf den Corridor getreten und zog die Thüre hinter stch zu.
Magda flog der Scheidenden nach. Es war ihr, als müsse sie derselben etwas anvertrauen. — Aber neben der
hohen, kräftigen Gestalt hergehend, suchte sie vergebens in ihrem Gedächtniß. Was sie so geheimnißvoll zu Frank zog und doch wieder abstieß, dieses seltsame Gemisch von Bewunderung, Unterwürfigkeit und zornigem Aufbäumen hätte ja doch auch sogar ein beredterer Mund nicht zu schildern und zu erklären vermocht. Wenn sie selbst des Räthsels Lösung nicht finden konnte, wie sollte dies dann Anderen gelingen?
Die Wittwe kehrte nach P- zurück und las, in ihrem gemüthlichen Stübchen sitzend, immer wieder die glänzenden Kritiken, welche das neu erfchienene Werk als ein epochemachendes priesen.
„Viele Tausende wissen es nun schon," flüsterte sie, endlich die Blätter zusammenfaltend und an die Brust drückend. „Ein Leben voll Entbehrungen liegt hinter mir, ich bin eigentlich nie jung gewesen, weil ich die Freuden der Jugend nie kennen lernte, aber nun möchte ich doch mit keiner Anderen tauschen, denn mein höchstes Ziel ist erreicht. Ich darf mich die Mutter des berühmten Arztes nennen."
VII.
Georgs Stern begann wirklich in immer hellerem Lichte zu strahlen — und nach abermals zwei Jahren wurde des Namens „Frank" nie vergessen, wenn man von bedeutenden Männern der Gegenwart sprach. Aber das häusliche Glück wollte dessenungeachtet nicht in Claus witz einziehen. Rafaelen« Schönheit hatte sich zur vollsten Blüthe entfaltet und schien gleichsam veredelt, doch die Nixenaugen blickten oft so traurig und träumerisch, daß man ungestillte Sehnsucht oder schmerzliche Klagen in ihnen zu lesen glaubte. Diese Melancholie zu bezwingen, war Frank mit eiserner Ausdauer bemüht gewesen, doch vergebens. Zwar dankte ihm die junge Frau mit freundlichem Lächeln, wenn er stets Neues ersann, um sie zu erfreuen und ihr Zerstreuung zu verschaffen, es mußte ihm aber dennoch klar werden, daß er keinen Antheil an ihrem Seelenleben habe, und diese Erkenntniß erfüllte ihn mit namenloser Erbitterung und Verzweiflung. In solcher Stunde höchster Erregung brach das Rauhe, Heftige, Herrschsüchtige seines Charakters, brach eine fast wilde Eifersucht unaufhaltsam hervor, und es spielten sich Scenen ab, welche Rafaelens Zart- sinn verletzten und eine noch tiefere Kluft zwischen den beiden für immer aneinander geketteten Menschen aufriß.
Zuweilen war es dann Magda, die, leidenschaftlich aufflammend, Franks Sache führte.
„Du verkennst Dein Glück I Du weißt nicht, was es heißt, geliebt zu fein und unumschränkte Macht über ein stolzes Herz zu besitzen!" rief sie einst, als wieder ein peinlicher Auftritt stattgefunden hatte.


