ein anderes geworden war. Er hatte hier und da angeklopft bei Bauern und Halbbauern, Niemand mochte mit dem Manne, der keine Achtung oder Liebe im Orte genoß, und der nur als seine» Sohnes Verwalter auf dem großen Hofe faß, in Verbindung treten.
Erich hatte von diesen Versuchen gehört, und sie waren ihm gleichgültig gewesen, bis man ihm heute gesagt hatte, daß Malte seine Augen auf Marie Locke geworfen habe- Das hatte ihn durchzuckt wie der Streich eines Schwertes, und es hatte all' seiner Manneskraft bedurft, um das scheu gehütete Geheimniß seines Herzens nicht zu verrathen, nicht den Genoffen gegenüber, die es doch schon erkannt hatten, denn wer kann Jahre lang auf seiner Hut sein? noch weniger der Geliebten, als sie wie eine lichte Erscheinung aus dem halbdunkeln Gehölz hervor und dann neben ihn an das Grab des Schiffbrüchigen getreten war. Er hatte sich gezwungen, zu schweigen, denn wie durfte er sie bitten, sein geringes Loos zu theilen und seinen entehrten Namen zu tragen? Und dann hatte er an jenen Abend gedacht, wo er der Schwester Lebewohl gesagt für dieses Leben, und an das Gebet der Mutter für die Wohlfahrt ihres Kindes und — ja auch ihres Gatten. So hatte er das Sehnen seines Herzens nieder gekämpft, während er neben Marie gestanden hatte. Aber als sie gegangen war, da begannen andere Gedanken durch seine Seele zu stürmen und um die Oberhand zu ringen. War es recht, war es gewiffenhaft, wenn er schweigend zur Seite stand und sah, daß das unschuldige Mädchen sich einem Manne zu eigen gab, der.seiner nicht werth war? War es nicht seine Pflicht, zu sagen, was er von ihm wußte, und auszusprechen, wie die eigene Frau das Furchtbarste bei ihm für möglich gehalten hatte? Aber dann hatte sich vielleicht nur die krankhafte Angst der schwer Leidenden in ihren Worten gespiegelt, und wer sagte ihm, in wie weit er als Handelnder oder nur als Mitwisser bei dem Betrüge betheiligt war, den man gegen ihn ins Werk gesetzt hatte! Und jene Worte, die des Vaters Tod beschleunigt haben mochten, möglicher Weise war es ein Zufall, daß er sie so und nicht anders gestellt hatte.
So rang Erichs Seele in schwerem Kampfe, während er neben dem Kreuze auf dem Friedhof des Schiffbrüchigen stand. Er bemerkte nicht, wie die Abendsonne gesunken war, wie Wolken am Himmel emporstiegen und die Nacht ihren Schleier über Land und Meer breitete. Als er endlich das Haupt emporrichtete, war es dunkel um ihn her, Regentropfen fielen einzeln herab, und ein leichter Wind rauschte in den Zweigen der Bäume.
VIII.
An demselben Abend kam auch Malte zu später Stunde nach Grashagen. Er war am Nachmittag zum Höwt gegangen mit der Absicht, heute mit Marie zu sprechen, womöglich seine Werbung anzubringen oder wenigstens herauszufinden, ob sie ihm eine solche Hoffnung auf Erfolg biete, und er hatte Marie nicht zu Hause gefunden. Eine Zeit lang hatte er auf ihre Rückkehr gewartet, dann war ihm, als er so neben dem Vater saß, der Wunsch gekommen, sich seiner Mitwirkung zu versichern. Das „es soll wohl so fein," mit dem der Alte seine erste Andeutung aufnahm, war ihm als keine genügende Antwort erschienen, so war er denn klarer geworden und hatte endlich den Vater ganz offen gebeten, für ihn bei Marie zu sprechen. Das hatte er denn zugesagt, wie er überhaupt sich seinen Absichten nicht ungeneigt gezeigt hatte, aber er hatte zugleich bekannt, daß er nicht wisse, wie Marie sich zu der Frage stellen werde, und hinzugefügt, daß „eine alte Frau und eine junge gewöhnlich nicht gut in einem Hause thäten, wenn sie keine Verwandtschaft mit einander verbinde. Manch Mädchen möchte schon darum nicht aus einen solchen Vorschlag eingehen, aber es werde im Uebrigen Alles kommen, wie es sein sollte."
Ungeduldig war Malte aufgesprungen und hatte den Rück- weg angetreten. Was ihm der Alte gesagt, war nur dasselbe, was er schon selbst empfunden hatte, er hatte keine Aussicht, eine junge Frau in sein Haus zu führen, wenn es zu gleicher
Zeit die Mutter der verstorbenen beherbergte. Und er wollte die Marie für sich gewinnen, gerade die Marie Locke! Sie hatte es ihm angethan, als sie eines zufälligen Geschäftes wegen im letzten Herbst einmal nach Grashagen gekommen war, mit ihrer edlen Schönheit und den klaren Augen, die dunkel strahlten wie die See unter dem tiefblauen Himmel. Mit heißem Verlangen strebte er nach ihrem Besitz, wie er es Hertha gegenüber nie empfunden hatte, und nach dieser Rede ihres Vaters war es ihm ohne Zweifel, daß die Mutter von ihrem Platze weichen mußte. Es sollte geschehen, noch ehe er selbst dem Mädchen seine Hand bot. Daß er seine Jntereffen auf's Spiel setzen würde, wenn er die Mutter verbannte, fürchtete er nicht, sie mußte schweigen, denn die ihren waren zu eng mit den seinen verbunden, und sie konnte nicht daran denken, den eigenen Namen und den guten Ruf des Enkels zu vernichten. Aber doch war ihm unruhig zu Sinn, als er an die Auseinandersetzungen dachte, die er herbeizuführen beabsichtigte, und als sein Weg ihn in die Nähe von Crumbach brachte, beschloß er, da» Wirthshaus dort aufzusuchen und sich in einem vollen Glase Muth zu seinem Unternehmen zu trinken. Er fand mehrere Bekannte in der kleinen Stube versammelt, man setzte sich zu einander und sprach von Diesem und Jenem, ein Glas folgte dem anderen und die Sommernacht lag über dem Dorfe, als Malte sich endlich erhob unb den Weg durch die Felder nach Grashagen einschlug. Er regnete leicht, der Wind rauschte in den Bäumen an der Seite und vertrieb den Nebel, welcher sich während der letzten Stunde üder seine Gedanken gelagert hatte. Der gefaßte Vorsatz trat wieder klar vor seine Seele, er fühlte, daß er die Kraft gewonnen hatte, ihn in Ausführung zu bringen. Er sehnte sich förmlich danach, daß ihm noch heute Gelegenheit geboten werde, es zu thun, und mit Genugthuuug sah er, daß Heller Lichtschein durch die unverschlossene Lade in den Garten fiel. Die Mutter mußte noch wach sein und im Wohn- zimmer auf ihn warten. Mit schwerem Schritt trat er über die Schwelle des Hauses und rief nach Licht, damit er sich in dem dunkeln Flur zurecht finde. Aber keine Antwort erfolgte und Niemand erschien, obgleich er, nachdem er sich selbst geholfen und dann ungestüm und zornig die Thür de» Zimmer» aufgerissen, die Mutter dort am Tische stehend fand. Ein böser Blick traf die in ruhiger Haltung verharrende Frau, dann warf er die Mütze auf den Tisch und brach in die Worte aus: „Was soll das bedeuten, daß Ihr mich rufen laßt, und kommt nicht, wenn Ihr doch wissen solltet, was dem Herrn des Hauses zukommt?"
„Dem Herrn des Hauses?" fragte sie höhnend, „mein Enkel ist nach meiner Tochter Erbe von Grashagen geworden, und ich denke, feine Großmutter hat hier dasselbe Recht, wie Ihr."
„Wem steht Haus und Hof zu, wenn dem Jungen em Unfall zustoßen sollte? Der Vater ist der allein Berechtigte und Euch gebührt nichts als die Rente von dem Capital, das für Euch eingetragen ist. Wenn ich Euch gebe, was Ihr zu fordern habt, so habt Ihr mir in nichts einzureden, das sage ich Euch!"
In dem Blick, den sie auf ihn warf, lag ein solches Entsetzen, daß es den Mann selbst zu packen schien, denn er lachte in gezwungener Weise kurz auf, als er hinzusetzte: „Ich sage ja nicht, daß es so kommen wird, aber Ihr sollt doch erkennen, wie die Sachen wirklich stehen und mir zugeben, daß ich in meinem eigenen Hause machen kann, was ich will."
„Ihr werdet'» bald zu Grunde richten, Malte, wenn Ihr fortfahrt, wie Ihr jetzt thut, mit dem Lausen in» Wirthshaus und dem Zurückkommen mitten in der Nacht," war ihre scharfe Antwort. „Das war nicht so, als Hertha noch lebte."
„Und das wird auch nicht weiter so sein, wenn wieder eine junge Frau mir das Leben behaglich macht, statt der Alten, die nichts im Sinne hat, als Arbeit und Arbeit vom Tagesgrauen bis zur Dunkelheit."
„Das war früher auch Euere Meinung/ fing sie an, aber er unterbrach sie- „Wenn der Knecht ein Herr geworden ist, dann ist's Zeit, daß er auch leben lernt wie ein Herr,


