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gards Frage, „und das kommt mir augenblicklich sehr zu statten, mein Fräulein, — da Mister Prien so freundlich gewesen ist, mir die Sorge um mein Vermögen abzunehmen, so daß ich nach zwanzigjähriger Arbeit von vorne wieder anfangen muß."
„Und dar konnte ein deutscher Landsmann thun?" rief Armgard entsetzt.
„Ja, meine Gnädige," bemerkte hier Marbach trocken, „wir Deutschen besttzen doch nicht alle das Vorrecht, ehrlich und ohne Falsch zu sein? Auch ich war eine Zeit lang in Amerika, wo ich meinen Freund Warneck besuchte, habe aber leider gefunden, daß unsere Landsleute es sich ganz besonders angelegen sein lassen, ihre deutschen Brüder zu Übervortheilen."
Armgard blickte den neuen Besitzer von Rotenhof zum ersten Mal aufmerksam an und fand, daß derselbe kein besonders schöner Mann war, aber ungemein sympathische Züge und auffallend schöne, treue Augen von stahlgrauer Farbe befaß. Sie erinnerte sich plötzlich seiner Worte vom gestrigen Abend und stellte unwillkürlich in Gedanken Julius Steindorf neben ihn, zwei Gegensätze, wie sie größer nicht gedacht werden konnten.
Unter dem Eindruck dieser Vorstellung sagte sie plötzlich ganz unvermittelt: „Ich habe heute bereits amerikanischen Besuch gehabt und jenes Kind dort, das meine Rosen plündert, ist drüben geboren."
„Ja, es ist ein Product amerikanischer Erziehung, wie Figura zeigt," setzte Tante Hanna energisch hinzu.
„Ach, die Kleine plündert Ihre prächtigen Rosen ohne Erlaubnis, mein Fräulein!" sagte Marbach erstaunt. „Das ist allerdings stark, aber echt amerikanisch. Und der Vater dieses selbständigen Kindes —"
„Ließ es uns auf einige Stunden hier zurück. Es ist ein früherer Bekannter, Herr Steindorf aus Cleveland, welcher nach zehnjähriger Abwesenheit, nachdem er dort seine Gattin und drei Kinder verloren, in die Heimath zurückgekehrt ist"
„Es scheinen Viele aus hiesiger Gegend drüben ihr Glück zu suchen," meinte Warneck.
„Richt mehr und nicht minder als aus allen anderen Gegenden Deutschlands," erwiderte Marbach. „Das Schlimmste dabei bleibt die Thatsache, daß der tüchtige Arbeiter Kapital und Kräfte dem Vaterlands entzieht, während die verlorenen Söhne guter Familien, die Tagediebe und Abenteurer drüben Elemente bilden, welche dem deutschen Namen nicht zur Ehre gereichen und der Schrecken ihrer fleißigen Landsleute sind."
„Hoffentlich gehört Herr Steindorf nicht zu diesen Elementen," bemerkte Armgard lächelnd.
„Sie reden doch von dem Sohne des einstigen Besitzers von Rotenhof, mein gnädiges Fräulein?" fragte Marbach etwas unruhig. „Es ist mir lieb, den Herrn hier nicht angetroffen zu haben, da er mir nicht sehr wohlgesinnt sein wird."
„Nun, Herr Marbach, verdenken kann man'S ihm eben nicht," versetzte Armgard achselzuckend, „oder sollte er vielleicht Freude darüber empfinden, sein väterliches Erbe, das Ihr Herr Onkel einst für einen Spottpreis erstanden, unwiederbringlich in fremden Händen zu sehen?"
„Weshalb ist er denn fortgegangen, meine Gnädige?" fragte Warneck. „Gehörte er vielleicht zu den verlorenen Söhnen?"
„Das just nicht," nahm Tante Hanna rasch das Wort, „Familienverhältmsse veranlaßten ihn zur Auswanderung. Da er indch auf sein Eibe verzichten mußte, so finde ich seinen jetzigen Groll ebenso ungerecht als unpaffend. Was der Mensch sich einbrockt, muß er auseffen, das ist eine alte Geschichte."
„Man hat ihn aber doch ungerecht behandelt, als man sein väterliches Besitzthum verschleudern ließ," bemerkte Armgard etwas erregt- „Die alten Freunde feines Vaters hätten überhaupt schon die Auction verhindern müssen."
^Halten diese Freunde denn Verpflichtungen gegen Vater und Sohn?" fragte Marbach verwundert.
„Nicht die geringsten," rief Tante Hanna ganz erbost, „meine junge Freundin hier liebt es zuweilen, sich um andere Menschen unnöthige und ganz ungerechtfertigte Gewissensscrupel zu machen, während ich behaupte, daß Herr Julius Steindorf
der letzte wäre, welcher auf derartige Freundschaftsdienste pochen dürfte. Sein Vater hat ihm damals, als er der Heimath den Rücken wandte, ein größeres Kapital gegeben, als er es vor sich und seiner Gattin verantworten konnte. Das Ende vom Liede war ein früher Tod der beiden Alten und der noth- wendige Verkauf von Rotenhof. Ich sehe wahrlich nicht ein, weshalb Ihr Großonkel das Gut, worauf fast kein Käufer geboten, aus freien Stücken nicht sich selber gesteigert haben sollte."
„Wahrhaftig nicht," sagte Warneck lachend, „er hätte sonst für's Tollhaus reif sein müssen. Solche Freunde aber, gnädiges Fräulein," wandte er sich zu Armgard, „wovon Sie vorhin sprachen, müßten ebenfalls unter Curatel gestellt worden sein, da dieselben unmöglich wissen konnten, ob sie dem jungen Herrn in Amerika einen Gefallen damit erzeigten und ob er überhaupt jemals zurückkommen würde. Wußten am Ende nicht einmal, wohin er drüben verschlagen worden war."
Armgard mußte dies zugeben und bemühte sich dann, das Gesprächsthema zu wechseln, als plötzlich Lottas Stimme so dicht an ihrer Seite ertönte, daß sie erschreckt zusammenfuhr.
„Die häßliche Miß hat mir alle Rosen weggenommen, Tante Armgard! — Sie muß auf der Stelle fortgejagt werden," schmetterte die kleine Dame mitten in die Unterhaltung hinein.
„Kind, was hast Du mich erschreckt," sagte Armgard un- muthig, „wie bist Du so unbemerkt hierher gerathen?"
„Ich habe mich geärgert und bin dann durch jene Lücke gekommen."
Sie zeigte auf die Hinterwand der Laube, wo sie selber, wie es schien, diese Lücke in dem Gesträuch gemacht oder doch erweitert hatte.
„Die Tante Hanna hat böse über meinen Papa gesprochen," fuhr Lotta schnell fort, „und er ist doch viel schöner, klüger und reicher als diese Gentlemen. Er hätte drüben auch so schöne und reiche Ladys heirathen können, aber er wollte nicht, weißt Du, warum nicht, Tante Armgard?"
Sie suchte diese zu sich herab zu ziehen, um ihr etwas in's Ohr zu flüstern. Doch Armgard wehrte sie fast heftig von sich ab und sagte dann ruhig: „Laß es gut fein, Lotta, hier liebt man es nicht, wenn Kinder dergleichen Reden führen. Du bist nicht in Amerika, das merke Dir I Auch schickt es sich durchaus nicht, in fremden Gärten Rosen zu pflücken, — ich besonders kann es Dir nicht erlauben, weil ich selber es nicht thue und die Blumen niemals abpflücke."
„O, Dir werde ich gern gehorchen wie meiner lieben seligen Mama," schmeichelte Lotta, den Arm um sie legend, „Du bist ebenso schön und gut wie sie, sagt Papa."
In Armgards Gesicht schoß eine dunkle Gluth, während sie die Kleine wieder mit einer unwilligen Bewegung von sich schob und ihr dann ein Stück Kuchen in die Hand drückte-
„Geh' und spiele im Garten, aber pflücke keine Blumen ab," gebot sie ihr, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend.
Lotta blickte sie forschend an und schüttelte dann mit einem schlauen Lächeln den Kopf, als ob sie sagen wollte: „Mir machst Du nichts weis." Sich kokett verneigend, tänzelte sie dann gehorsam davon.
„Es ist unglaublich!" rief Marbach, ihr erstaunt nachblickend.
„Ja," bemerkte Tante Hanna, „ich hielt unsere deutschen Kinder schon stellenweise für kleine monströse Opfer der Erziehung und Mode, aber gegen diese amerikanischen sind's doch noch wirkliche Kinder."
Warneck lächelte sarkastisch.
„Amerika hat in der Emancipation des Menschengeschlechts von den Windeln an allerdings der übrigen Welt den Rang abgelaufen. Doch bleibt es immerhin eine seltsame Erscheinung, daß der deutsche Einwanderer in der Regel es hierin dem echten Aankee noch zuvorthut. Sie sehen es wieder an diesem Product, dessen Eltern doch jedenfalls der gebildeten Klasse angehören."
„Die Kleine ist, wenn ich recht gehört, in einer dortigen


