Nr. 31
1893.
--m—a-s—+•---ff-Si-------°-T---•lS—z---*—5^®—m-----g^j
AntevhaLtungsblatt 311m Giehensv Anzeraev (Gsneval-Anzeig-p)
Dienstag, den 14. März.
ijSSnMj
HMLW
MI •ft'.'
Hsjr
Ms
S^WM!
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
Er hatte sich erhoben, seinen Hut ergriffen und verbeugte sich mit auffälliger Hast und Unruhe.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, meine Gnädige — aber mit diesem Herrn hier jetzt zusammenzutreffen, das würde in der That meine Kräfte übersteigen. Nehmen Sie sich einstweilen gütigst meiner Lotta an."
Bevor die überraschten Damen zu antworten vermochten, war Steindorf in einem Seitenwege verschwunden.
„Das ist also amerikanisch," bemerkte Tante Hanna verwundert, „haben Sie ihm eine solche Empfindelei zugetraut, Armgard?"
„Dies Wort ist wohl etwas zu hart, Tantchen! — Ich kann mir seine Empfindungen bei dem Anblick des neuen Besitzers seines alten Stammgutes sehr wohl vorstellen und bedauere ihn aufrichtig. Ebenso vermag ich es in der That nicht recht zu fassen, weshalb die alten Freunde die schöne Besitzung für einen Spottpreis haben verschleudern lassen, anstatt dieselbe anzukaufen und für den —"
„Musterhaften Sohn getreulichst aufzuheben," fiel Tante Hanna ironisch ein. „Schon gut, Kind! — Der liebe Herr Julius hatte es ja auch vollauf verdient, absonderlich von dem Holtenffchen Hause. Doch lassen wir das jetzt, empfangen Sie lieber Ihre Gäste, welche dort wirklich erscheinen."
In der That näherten sich zwei Herren, von Mamsell Evers geleitet, der Rosenlaube. Tante Hanna erhob sich ebenfalls, um den jungen Herrn Marbach, welcher ihr ja bereits bekannt war, der Herrin des Hauses vorzustellen, worauf jener mit einer Entschuldigung seinen Begleiter, einen deutschen Kaufmann aus Chicago, als seinen besten Freund, der äugen» vorstellt Hm ’n Rotenhof zum Besuch weile, den Damen „Mein Freund Warneck rechnet auf Ihre Nachsicht, mein gnädiges Fräulein!" fuhr Marbach leicht und ungezwungen fort, „daß Sie ihn nicht ob dieses kecken Eindringens für einen amerikanischen Hinterwäldler halten möchten. Er hat drüben eine Missis Prien, welche aus hiesiger Gegend gebürtig war, kennen gelernt. Die Dame soll unter anderen, wie er behauptet, auch Ihren Namen als den ihrer besten Freundin genannt haben —"
»Sie kennen doch ihren Mädchennamen, Herr Warneck?" unterbrach ihn Armgard, sich an den Fremden wendend.
„Nein, den hat sie mir leider nicht genannt, gnädiges Fräulein!" versetzte der Fremde, ein kräftiger Mann mit einem angenehmen, sehr klugen und energischen Gesicht. „Ich be- daure aufrichtig, sie nicht darum befragt oder denselben in irgend einer anderen Weise erfahren zu haben. Konnte damals freilich nicht ahnen, daß mir diese Kenntniß noch einmal von großem Nutzen hätte sein können."
Die beiden Herren hatten mittlerweile auf Armgards Aufforderung Platz genommen und den servirten Kaffee dankend acceptirt.
„Der Name Prien ist mir vollständig unbekannt," nahm die junge Hausherrin jetzt die Unterhaltung wieder auf. „Vielleicht hat sie sich drüben verheirathet. — Auch wüßte ich nicht, daß eine meiner Freundinnen nach Amerika gegangen wäre."
„Nur Ihre Cousine, welche Steindorf heirathete," warf Tante Hanna ruhig ein.
„Ja, das ist aber schon ein halbes Menschenalter her," sagte Armgard lächelnd, „gerade zehn Jahre —"
„So lange war Misst« Prien auch schon drüben," bemerkte Warneck. „Jetzt freilich ist sie tobt, sie starb im letzten December."
„Seltsames Zusammentreffen," meinte Tante Hanna verwundert, „auch Ihre Cousine ist vor wenigen Monaten gestorben. Lebt denn der Gatte jener Dame noch?"
„Er lebt und befindet sich wahrscheinlich und wie ich hoffe hier in Deutschland. Ich suche ihn nämlich bereits seit zehn Wochen, um ein wichtiges Geschäft mit ihm zu ordnen. Mister Prien war mein Correspondent und im letzten Jahr mein Geschäftsführer. Er hat mich ohne Abschied verlassen, was mich dazu bewogen, meinen langjährigen Entschluß, das alte Vaterland noch einmal vor meinem Tode wiederzusehen, jetzt aus- zusühren, um bei dieser Gelegenheit auch Mlster Prien wieder zu begrüßen.
Warneck lächelte humoristisch zu diesen Worten, deren Sinn seinen Zuhörern nicht verborgen bleiben konnte.
„Haben Sie Ihre Familie daheimgelassen?" fragte Armgard nach einer Pause zerstreut, da ihr Blick in diesem Augenblick auf Lotta fiel, welche ganz ungenirt zwischen ihren Rosen aufräumte und die seltensten und schönsten zu einem mächtig großen Strauße pflückte. Das aber war der jungen Hausherrin schwächste Seite, weil sie selber keine Blumen zu brechen vermochte und ihre Rosen deshalb von Jedermann wie Heilig- thümer behütet und respectirt wurden. Tante Hanna folgte ihrem Blick und wollte sich gerade unwillig erheben, als Mamsell Evers ihr bereits zuvorkam und sich ganz entsetzt zu der kleinen Frevlerin begab.
„Ich besitze keine Familie," erwiderte Warneck auf Arm-


