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»,Eine vornehme Dame im benachbarten Stargard," fuhr jener fort, „deren goldblondes, prächtiges Haar in Folge einer überstandenen Krankheit an Fülle verloren hat und den Ihrigen entspricht, hat mich beauftragt, zwei Zöpfe für sie anzufertigen, sobald ich das paffende Material, welches äußerst schwer zu erlangen ist, gefunden. Sie besitzen es ... ich biete 300 Mark für Ihr Haar, welches nach Verlauf eines Jahres wieder in alter Pracht prangen wird."
Ein Schrei des Entzückens war die Antwort. In der nahen Wohnung eines Bahnbeamten fiel die goldblonde Haarpracht unter der Scheers eines fixen Friseurs, welcher die empfangene Waare prompt bezahlte. Diese Scene war nicht unbemerkt geblieben. Wenige Minuten vor Abgang des Zuges trat wieder ein Herr an das unter der Frisur a la Titus nicht weniger schöne Kind, es in fremd accentuirtem Deutsch ansprechend. „Ich habe Ihre Geschichte gehört, mein Fräulein .... und erkannt, weffen das Herz einer Tyrolerin fähig ist O, gestatten Sie mir Sie recht bald wiederzusehen." Er griff die Hand der Widerstrebenden und führte sie ehrerbietig an die Lippen ....
Acht Tage später stand die schöne Marie in den Tyroler .Sergen am Grabe der eben in die kühle Erde gebetteten Mutter. Ms sie den Friedhof verließ, blickte sie schmerzerfüllt in die sinkende, die Bergspitzen vergoldende Sonne. „Der Glanz meines Lebens ist entschwunden — gleich der untergehenden Sonne," sprach sie schmerzerfüllt zu dem sie geleitenden Pfarrer. Ein hinter ihr schreitender, hochgewachfener Mann hatte die Worte gehört- „Könnte mein Herz, meine Liebe Ihnen den verlorenen Glanz der Seele wiedergeben — ich wäre der Glücklichste der Erdensöhne." Die Leidtragende erröthete tief.
Der Fremde von dem kleinen Bahnhofe in der Mark Brandenburg hatte Wort gehalten. Er ist einer der um Warschau begüterten polnischen Aristokraten und bereits der Bräutigam des jungen Mädchens.
GeimernnntzLges.
Gartenkresse. Im Winter, wo grüner Salat selten ist, kann man sich durch unsere Gartenkresse sehr leicht einen schmackhaften Salat schaffen und sei es nur, um sie als erfrischende Beigabe zu Kartoffelsalat zu benutzen. Die Anzucht kann in geheizten Zimmern oder sonstigen warmen Räumen stattfinden, aber nur in leichten flachen Holzkästen, flachen Töpfen, Untersätzen oder Tellern. Bei der Mistbeetcultur hat man es bei solchen flachen Gefäßen beim Ernten der Kresse viel bequemer, als wenn selbige in's Mistbeet selbst gesäet würde, denn man kann das mit Kresse besäete Gefäß heraus- nehmen und in die Küche tragen, braucht die Kresse nicht im Mistbeets abzuschneiden und so das Mistbeet bei Kälte weniger lang offen zu halten. Die zu verwendende Erde soll vor Allem leicht und nahrhaft sein, in schwerer Erde wächst die Kresse zu langsam. Composterde, zur Hälfte mit Sand vermischt, ist die zweckmäßigste Erdmischung; im Uebrigen ist aber die Gartenkresse mit jeder Erdart zufrieden, begnügt sich auch schon mit Sand, läßt sich sogar auf anzefeuchteter Leinwand oder Wolle zur Salatgewinnung für den Winter cultiviren, wird dann natürlich nicht so kräftig, Äs wenn sie in die Erde gesät wird.
Wenn in kalten Nächten zu befürchten ist, daß die den Fenstern nahestehenden Pflanzen von der Kälte beschädigt werden, so wird ein über jede Pflanze gedeckter Bogen Papier dies verhindern. Ein anderes Mittel besteht darin, Schalen oder Taffen mit Wasser zwischen die Pflanzen zu vertheilen, wenn man das Eindringen des Frostes in das Zimmer fürchtet. Dc-s Wasser muß in den Gefäßen auf der Oberfläche erstarren, bevor die Pflanzen frieren, da das Wasser seine Wärme ab- geben muß, ehe es erstarrt, dadurch wird die die Pflanze umgebende Lust erwärmt-
Hüte im Winter deine Zimmerpflanzen vor kalter Zugluft. Wenn die Fenster zum Putzen geöffnet, so laß die Topfpflanzen nicht unter'm offenen Fenster oder in seiner Nähe stehen-
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Zur Cultur der Kakteen. Wir machen alle Pflanzen- und Gartenfreunde auf die Cultur dieser anspruchslosen, in ihrer Entwickelung und oft sehr prachtvoll gefärbten reichen Blüthe bemerkenswerthen Pflanzengruppe aufmerksam. Ver« hältnißmäßig sehr wenig Anspruch machend an Standort und Pflege, genügsam nach jeder Richtung, zumeist auch leicht in der Vermehrung, sind die Kakteen vor Allem sehr verwendbare Pflanzen zur Ausschmückung und Bepflanzung von den verschiedenartigsten Felsenparthien und Gruppen. Auch zur Zimmer- cultur sind die Kakteen sehr geeignet und ist dieselbe ebenso dankbar wie auch lohnend.
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Das beste Düngemittel für Zimmerpflanzen und das am wenigsten lästige ist gewöhnlicher Ruß, längere Zeit mit Wasser angesetzt; derselbe kann den Zimmerpflanzen gehörig verdünnt ununterbrochen im Gießwasser gereicht werden. Von kräftiger Wirkung sind auch Hornspätte.
Vermischtes.
Ein zeitgemäßer Sohn. Alter Kaufmann (dem Sohn eines Geschäftsfreundes begegnend): „Wie geht es Ihnen, was machen die Geschäfte?" — Junger Lebemann (als Volontär in einem Kaufhaufe): „Na, ich warte noch so ein paar Jahre, bis mein Vater genug verdient hat — dann ziehe ich niich zurück I"
Bei der Aushebung. Beitel Rosenblum stellt sich zum Militär, ist aber in großer Angst und Aufregung über die Ungewißheit, welcher Waffengattung er zugetheilt wird: ob Infanterie, ob Cavallerie. Als Beitel vor der Commission erscheint, wird er für nicht genügend reinlich befunden und vom Feldwebel in ein Zimmer geschoben, wo eine mit Wasser gefüllte Badewanne steht. Beim Anblick derselben ruft Beitel entsetzt aus: „Gott, so soll ich bei die Marine?"
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Aus der Schulstube. Lehrer: „Also der Hund ist nach Allem ein sehr kluges Thier — wer kann mir noch eins nennen?" (Ein Schüler meldet sich) „Nun, Hans?" — Schüler: „Der Kukuk." — Lehrer: „Der Kukuk? Wieso?" Schüler: „Nun, weil er seinen eigenen Namen weiß."
Naive Antwort. Herr: „Ei, das ist ja ein wunder- liebes Kind, und wie groß wird die Marie! Die kann ja bald ihrer Mutter unter die Arme greifen." — Mädchen: „Ach, das darf ich nicht thun, bie. Mutter ist gar zu kitzlich!"
Vom Kasernenhof. Unteroffizier: „Nur immer Ausdauer! Das Ei des Columbus ist auch nicht an einem Tage gelegt worden!"
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Ballgespräch. „Denken Sie sich, mein Fräulein, ich habe heute eine Menge Schneegänse gesehen." — „Kann man Schneegänse auch essen, Herr Lieutenant?" — „O ja, so lange sie jung sind." - „Aber die müssen doch schrecklich kalt sein!"
Beharrlich. Junger Mann: „Darf ich um Ihre Hand anhalten, mein Fräulein?" — Junge Dame: „Bedauere, ich habe mich heute verlobt." — Junger Mann: „Also dann morgen."
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Nobel. Bettler: „Haben Sie Mitleid mit mir." - Herr: „Wenn Sie weiter nichts wollen, sehr gern."
Stebactiou: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


