Ausgabe 
14.2.1893
 
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bogen, namentlich aber, ob auch ein Unischlag fehlte. Im letzteren Falle war ein Brief geschrieben worden.

Ruth zählte in fliegender Hast. Achtundvierzig Blätter und neunundvierzig Umschläge Cäcilie hatte der Gesellschaf­terin eine letzte, wahrscheinlich ihre Bitten und Anordnungen enthaltende schriftliche Mittheilung hinterlassen.

Ruth sprang hastig auf. Ihr erster Gedanke war, den zerknitterten Briefbogen in Hans Adams Hände zu legen, aber schon im nächsten Augenblick ließ ste muthlos die Arme sinken. Er würde das Blatt zerreißen und lächelnd sagen:Weshalb so viel Staub aufwirbeln? Man kommt nur in das Gerede der Leute, etwas, das ich verabscheue."

Nein, ach nein, Hans Adam war nicht der Mann, um ihm ein so schwerwiegendes Beweismittel anzuvertrauen.

Ruth faltete das Papier mit dem Monogramm und der Handschrift ihrer Schwester zusammen und verbarg es in der Tasche, dann suchte ste bebend vor "Aufregung weiter nach der Pulverschachtel, ohne dieselbe finden zu können. In beiden Zimmern blieb klein Winkel undurchforscht, aber ganz ohne Erfolg. Von den verlorenen fünf Pulvern zeigte sich nichts.

Schwerer und schwerer wurde noch das Herz des jungen Mädchens. Cäcilie hatte sich selbst den Tod gegeben und hatte die Spuren dieser unseligen Handlung sorgsam verwischt, viel­leicht um den Ihrigen für immer die Kenntniß derselben zu entziehen.

Noch einen letzten gramerfüllten Blick sandte Ruth durch das Gemach. Nichts! Nichts! Jede Mühe war vergebens.

Und dann wandte sie sich zu der Tapetenthür, um ihr eigenes Zimmer wieder zu erreichen. Was war das? Der Drücker widerstand.

Ruth strengte alle ihre Kräfte an, einmal, zum zweiten Male, aber ganz umsonst. Die Thür war verschlossen.

Ein Strom von Hitze rann durch alle ihre Adern; ihre Gedanken begannen sich zu verwirren, angstvoll rüttelten die Hände am Thürdrücker.

Da klang von der entgegengesetzten Seite her ein leises, kaum vernehmbares Lachen, das wie ein spitzes Messer in Ruths Herz zu dringen schien. Adele! Sie war es.

Fräulein Malten!" rief außer sich das junge Mädchen- Fräulein Malten, schließen Sie augenblicklich die Thür auf!"

Dasselbe Lachen tönte von drüben, nur lauter, deutlicher, dann glitt ein leichter Fuß im Garderobenzimmer über den Teppich und die Thür zum Corridor wurde geöffnet und wieder geschloffen.

Adele hatte sich an der Todesangst ihres Opfers geweidet und war dann leise davongeschlichen.

Ruth versuchte es nicht, sie zmückzuhalten. Vielleicht ließe sich ja das Schloß gewaltsam öffnen.

Sie probirte es mit einer Messerklinge, der einzigen ihr zu Gebote stehenden schwachen Waffe, aber umsonst. Der Schlüssel steckte es ließ sich in dieser Weise gar nichts machen.

Ruth fühlte, wie ihre Gedanken wanderten, sich verwirr­ten. Wohin ging denn das anstoßende Zimmer?

Ach es war eine Außenwand, die dasselbe abschloß, ganz ohne Thür jetzt wußte sie es. Von daher konnte keine Hilfe kommen.

Ruth klopfte auf den Fußboden- Die dichten Teppiche dämpften den Schall und überdies befand sich unter dem Zim­mer der große Gesellschaftssaak, ein Raum also, der verschlossen gehalten wurde und in dem sich Niemand aufhielt. Auch hier war jede Mühe vergebens.

Düs junge Mädchen öffnete einen Fensterflügel. Der Wind trieb ihr die Schneeflocken in vollem Strome entgegen. Eises­kälte fluthete herein und belebte für Secunden die Nerven der Erschreckten, auf das Aeußerste Geängstigten.

Hilfe! - Hilfe!"

Aber wer sollte die Bitte um Erlösung hören, wer ging überhaupt bei dem wilden Schneetreiben hinaus in den Garten?

Hilfe! - Hilfe!"

Der Ton verhallte ungehört. Die Dienstboten saßen sämmtlich in der erwärmten Küche bei einander und erzählten

sich mit gedämpfter Stimme von ähnlichen Fällen, wie der oben geschehene. Sie hätten vielleicht den Hilferuf des jungen Mädchens, wenn derselbe zu ihnen gedrungen wäre, für die Stimme der ruhelosen Seele gehalten und sich voll abergläu­bischer Furcht noch enger zusammengedrängt; so aber hörten sie nichts, auch nicht, daß Ruth voll Verzweiflung gegen die Wände und den Fußboden schlug, nicht, daß sie laut und ängst­lich den Baron bei seinem Namen rief.

Hans! Hans!"

Es blieb Alles stumm. Ruth eilte von einem Fenster zum anderen. Es war ja doch möglich, daß Jemand in den Garten kam-

Dann sah sie durch das Schneetreiben einen schwarzen Punkt, der int schnellen Schritt heranrückte. Es war der Jagd­wagen, mit dem die Aerzte aus oer Stadt hierher zurückkehrten.

Ruth faltete die Hände; das Bewußtsein verließ sie. In eine zweite, noch tiefere Ohnmacht sinkend, fiel sie lautlos auf den Teppich. (Fortsetzung folgt)

Km Hloman aus dem Leöen.

Auf einer Ziegelei in der Nähe der Kreisstadt Arnswalde (Neumark) lebte vor wenigen Jahren ein Brennerei-Jnspektvr Namens Lanzino, Tyroler von Geburt. Er war durch einen unweit genannter Stadt ansässigen Landsmann für seine gut dotirte Stelle empfohlen worden und siedelte mit seiner Frau und seiner zwölfjährigen Tochter nach der neuen Heimath über- Sein Familienleben war kein glückliches. Die Ehe wurde ge­setzlich getrennt und die Richter hatten die fernere Erziehung der Tochter dem Vater zugesprochen. Die Mutter kehrte nach den heimathlichen Bergen zurück, ohne dem zurückgebliebenen Kinde von ihrem jeweiligen Aufenthalte jemals Nachricht zu geben. An die Tochter, welche sich zu einem Mädchen von berückender Schönheit entwickelt hatte, traten plötzlich die schwersten Sorgen heran- Ein schweres Lungenleiden, welches der Vater in Ausübung seines Berufes sich zugezogen hatte, zwang ihn, seine Stellung aufzugeben. Die ihm vom bisherigen Prinzipale großmüthig gewährte Unterstützung reichte zu dem durch die Kosten der Krankheit vertheuerten Lebensunterhalte nicht aus.

Die fleißige Tochter griff zur Nadel, um das Gleichge­wicht im Haushaltsetat herzustellen ..... sie fertigte noch in später Nacht, wenn der Vater die Augen zum Schlummer geschlossen, Goldstickereien für ein großes Geschäftshaus. Aber die tückische Krankheit schritt unbarmherzig weiter und raffte jhr Opfer endlich dahin. Der Schmerz des jungen Mädchens war grenzenlos ... verwaist stand es in der weiten Welt, da es auch von der Mutter nie wieder etwas erfahren hatte. Das arme Kind sollte den Becher bitteren Geschickes bis auf den Grund leeren.

An demselben Tage, an welchem der Vater zur ewigen Ruhe gebettet worden war, traf ein Brief aus fernem Lande ein. Derselbe kam aus einem Dorfe in den Bergen Tyrols und enthielt die flehentliche Bitte an den eben beerdigten Vater, die Tochter an das Sterbebett der Mutter zu senden, die ihr Kind noch einmal ün's Herz drücken wollte. Sofort packte Marie ihre Habseligkeiten, das wenige Hausgeräth unter Ob­hut einer Nachbarin zurücklassend. Am Kassenschalter des Bahn­hofes von Arnswalde erkundigte sie sich nach der sie am schnell­sten an's Ziel bringenden Route. Sie überschlug ihre schmale Kasse, zählte und zählte wieder deren Inhalt. Thränen ent­stürzten ihren Augen, als der Beamte erklärte, daß das Geld kaum für die halbe Reise reiche. Einige, mehr neugierige als theilnehmende Menschen umstanden die Betrübte.

Mein Fräulein.....ich selbst bin nicht in der Lage,

Ihnen aus eigenen Mitteln, wie ich möchte, zu helfen," redete ein Herr sie an,aber Sie tragen auf ihrem Haupte ein für Ihre augenblickliche Lage kleines Vermögen, welches Sie schnell aus jeder Verlegenheit bringt."

Das Mädchen blickte gespannt auf den Sprechenden.