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Das Zimmer, welches sie bewohnte, lag am Ende de» Corridors. Ruth schlüpfte aus der Thür und lauschte.
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Sie ging nun kurz entschloflen quer über den Flur und geräuschlos in das Garderobenzimmer hinein. Es hmter sich zu verschließen, hätte Verdacht erregen können und so blieb denn die Thür offen. Hierher würde ohnehin sicherlich Niemand ungerufen kommen.
Ruth öffnete die Thür zum Sterbezimmer, schlüpfte durch die Vorhänge und stand nun dicht neben Cäciliens Bett. In ihre Seele kam nicht allein keine Spur einer thörichten oder abergläubischen Scheu, sondern sie wandte sich zunächst zu der Todten und legte weinend ihren Kopf aus die Brust derselben. „Cilli, meine liebe, liebe Cilli - Dich sollte ich gemordet
Ein Strom von Thräne« erleichterte das gequälte Herz; Ruth fühlte sich von allen Kräften verlaffen, daß es ihr eme Anstrengung war, sich aufrecht W halten u«b,.
des Zimmers vorzunehmen. Vor ihren Blicken drehten sich die Verzierungen der Tapete im Kreise, unter ihren Füßen schwankte der Boden; es war, als werde die Ohnmacht von vorhin nochmals zurückkehren. - „„
Ruth hielt sich an jedem ergreifbaren Gegenstände, um nicht zu fallen; bunte Farben erschienen vor ihren Blicken, sie war halb bewußtlos- , , , .
Dann entsann sie sich des Tisches, aus dem tnt anstoßenden Zimmer eine Flasche mit irgend einer stärkenden Essenz zu stehen pflegte. Mühsam gelangte sie dahin und zog den Kork ^^ÖleAanb Cäciliens Schreibtisch, das Ruhebett, aus dem sie fast immer zu liegen pflegte, ein Schrank mit ihren^ Lieb- lingsbüchern — neue brennende Thränen verdunkelten die Augen des jungen Mädchens.
। S^seM sich bannen Schreibtisch und legte das Gesicht in beide Hände- Weinen, bitterlich weinen, das schien Alles, was an Glück und Freude vom Leben noch übrig geblieben war-
Dann schlug die Thurmuhr und Ruth fuhr auf. In einer halben Stunde mußten die Aerzte hier sein.
Sie raffte ihre schwindenden Kräfte gewaltsam zusammen und suchte überall nach der verschwundenen Pulverschachtel. Sollte Cäcilie dieselbe in den Papierkorb geworfen haben?
Die bebenden Finger durchwühlten den Inhalt- Was war das? Ein ganz frischer Briefbogen, halb zerknittert —
Und Ruth faltete das Blatt auseinander. Es trug das Datum des gestrigen Tages, und zwar von Cäuliens Handschrift, aber außerdem nur zwei ganz erhaltene Worte:
I SOlcinc licbß A—"
Hier war offenbar die Feder aus einer todesmatten, zitternden Hand gefallen, die schwarze, brs zum Raube des Papieres gehende Spur bewies es deutlich genug; Cacrlie hatte wahrscheinlich ein neues genommen und das unbrauchbar gewordene in den Papierkorb geworfen- Ruth fühlte, wie ihr alles Blut zum Herzen strömte, wie sie dre Aufregung dieser Minute kaum zu ertragen vermochte.
Also nicht ihren nächsten Angehörigen galten die letzten irdischen Gedanken der Verstorbenen, sondern jener Anderen, Fremden, die Ruth so sehr verabscheute, die sie für.treulos und hinterlistig hielt. Eine bittere, schmerzvolle Entdeckung
Ob wirklich ein zweites Schreiben begonnen und vollendet worden war?'
Das ließ sich schwer ermitteln.
Ruth öffnete den Schreibtisch, deffen Schlüffel gegen alle Gewohnheiten im Schlöffe steckte. Hier war, wie es schien aufgeräumt; eine Kassette mit Briefbogen und Umschlägen lag offen vor den Blicken der jungen Mädchens.
Das Billetpapier hatte Ruth persönlich vor Kurzem in der Stadt gekauft, es trug Cäciliens Monogramm und lenkte , durch diesen Umstand die ziellos schweifenden Gedanken de» : jungen Mädchens plötzlich auf sich. . . ,
Die Enveloppe war gestern geöffnet worden; das sah man. Es mußte fich nun ausweisen, ob mehr als nur ein Brief-
neben!"
Bei diesem Gedanken schien Nacht und Finsterniß das ganze Leben zu umhüllen. Ruth setzte sich in die dunkelste Ecke des Zimmers und lehnte den Kops gegen die Wand; sie schauerte vor Frost.
Alles, Alles dahin!
Und dann flogen die Gedanken zu der Tobten. Fremde Augen würden durch ihre Blicke die Leiche entweihen, fremde Hände sie berühren. Es kamen vielleicht Gerichtspersonen, um das Zimmer zu durchspähen.
Ach, wenn die Pulverschachtel gesunden wurde!
Jetzt klopfte das Herz des jungen Mädchens doch schneller. Sollte sie selbst noch einmal gründliche Umschau halten?
Zwar trug Hans Adam den Schlüffel des Sterbezimmers in der Tasche und er hatte sein Wort gegeben, Niemand hinem- zulaffen, aber da war ja außerdem noch ein Nebeneingang, eine Tapetenthür, die in da» Garderobenzimmer führte und gewöhnlich durch einen Vorhang verhüllt wurde — von dort aus konnte man unbemerkt zu der Leiche gelangen-
Ruth horchte. Auf dem Corridor schien sich Niemand zu befinden. Gewiß flüsterten die Dienstboten miteinander über da» entsetzliche Ereigniß dieses Morgens; man stand in Gruppen zusammen und tauschte Bemerkungen, hämische oder mitleidige, je nachdem-
Vielleicht hinderte auch die abergläubische Scheu vor dem Tode die Leute, ohne zwingende Nothwendigkeit an Cäciliens Thür vorüberzugehen. Keine Stimme, kein noch so leiser Schritt wurde gehört-
Aber Adele? Wie war es mit ihr?
Da» war das Wort, welches er nicht hören konnte, ohne I aufzubrausen. Auch jetzt stieg das Blut heiß in sein Gesicht, aber er bezwang sich gewaltsam und legte leicht die Hand aus den Kopf des jungen Mädchens.
Ruth, es kommt doch in diesem Augenbltck emzig und allein"darauf an, daß wir uns nicht entzweien," sagte et nut unverkennbarer Bedeutsamkeit des Tones- „Laß nichts zwischen uns treten, auch nicht das Bild dieses Fräuleins Malten- Ste verläßt das Haus und wir erinnern uns ihrer nie wieder-
Eine unwillkürliche Bewegung des jungen Mädchens brachte ihren Kopf aus dem Bereich seiner Hand. Ruth fühlte etwas wie Erbitterung in sich aussteigen, etwas, deffen tiefften Grund sie selbst nicht begriff, das aber da war und seine Herrschaft aUSÜ&,3* habe kein Recht, Dich zu tadeln, Hans," sagte sie traurig. „Ach, wären doch die nächsten unseligen Stunden erst DOtiibct I,#
Du brauchst ja an den Einzelnhetten derselben in keiner Weise theilznnehmen, Ruth. Lege Dich wieder hin und ruhe au»." , . ,,,
Aber sie schüttelte nur den Kopf. „Ausruhen m solchem Augenblick! — Ja, wäre es im Grabe!" , ,
Und dann verließ sie die Bibliothek, obgleich fich der Baron alle mögliche Mühe gab, sie noch zurückzuhalten; ihr war das Herz zum Sterben schwer. Zwischen gestern und heute schien eine Kluft zu liegen, tief und unabsehbar, durch nichts in der Welt wieder auszufüllen.
Ein trostloses Gefühl beherrschte die Seele des jungen Mädchens, jenes Etwas, das die Dinge rings umher gleich me die obschwebenden Verhältniffe leer und tobt erscheinen läßt. Da ist keine Furcht unb keine Hoffnung, kein Verlangen nach Diesem ober Jenem, selbst nicht nach bem Schlafe; es ist Alles erstorben, bahin. , ~ n ,
Ruth sah in ihrem Zimmer aus bem Fenster, ohne zu bemerken, was auf bem Schloßhofe geschah; ste versuchte es, an bestimmte Dinge zu beulen, aber immer wieber zerriß bet gaben. Nur Eins hastete in ihrer Erinnerung — Adele hatte sie indirect, aber in nicht mißzuverstehender Weise als Giftmischerin, als Mörberin ihrer Schwester bezeichnet, unb bas sogar vor ben Ohren des fremden Arztes.
Sie rang die Hände wie außer sich. „Und Hans Avam konnte über dieses Wort spielend, mit einem Lächeln hinweg-


