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das Schicksal doch, wir entgehen ihm nicht. Da wäre das Opfer schöner, herrlicher als der bloße Zwang der Natur."
Dann, nach diesen halbgeflüsterten Worten, erhob sie sich plötzlich und rückte das Kopfkissen der Kranken in eine andere Lage. „Von solchen Dingen sollten wir nicht sprechen, gnädige Frau, das Fieber könnte sich verschlimmern — Sie sehen ohnehin sehr leidend aus, so blaß und ermattet."
Die Baronin strich das Haar aus der heißen Stirn. „Es donnert," sagte sie. „Adele, möchten Sie die Fenster öffnen?"
Das Mädchen schauderte. „Aber wir müßten dann die Lampe entfernen, gnädige Frau; wir würden den Blitz sehen."
„Das ist gut, Adele. Hören Sie den Sturm? Ich liebe ihn-"
Die Gesellschafterin gehorchte widerstrebend. Draußen zuckten über das schwarze Himmelsgewölbe die Blitze in farbiger und goldiger Pracht, es rauschte in den Wipfeln und klirrend fchlugen die großen Topfen gegen die Scheiben.
„Wie das wohl thut!" flüsterte die Kranke. „Man ist den ewigen Mächten näher; die kleinen Rücksichten des Lebens verschwinden und über die Seele kommt eine stille Zuversicht."
Adele hielt beide Augen geschlossen. „Ich fürchte mich," gestand sie schaudernd. „Der Tod hat seine Hand über uns. Wer möchte denn jählings abgerufen werden?"
Cäcilie antwortete nicht. Unten im Saal verstummte die Musik, Wagen nach Wagen fuhr vor und endlich wurden die Thüren des Hauses geschlossen. Das Gewitter hatte aus- gelobt, nur der Wrnd wehte noch mit ungewöhnlicher Stärke und warf Wolken von gelben Blättern in die Fenster hinein.
Die Gesellschafterin saß regungslos vor dem B.tte ihrer schlafenden Herrin und wer sie gesehen hätte, der würde erkannt haben, daß unruhige, verworrene Gedanken ihre Seele erfüllten. Die dunklen Augen blickten in's Leere, die Hände lagen müßig gefaltet im Schooß. —
Am nächsten Morgen fand Hans Adam feine junge Frau auf dem Sopha liegend, fehr matt, aber doch nicht viel kränker als gewöhnlich. „Ich bin schon in der Stadt gewesen," sagte er. „Wir werden jetzt bald von allen Sorgen erlöst sein, Maus. Es steht baares Geld in Aussicht, dann gehst Du für den Winter nach Nizza. Ich habe alle meins Pläne bereits fertig."
Und als sie ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Onkel Leopold ist schwer erkrankt. Denke Dir, man schätzt seine Hinterlassenschaft auf eine halbe Million — Gelder, welche Dir und Ruth zufallen müssen."
Sie schien nur Eins gehört zu haben. „Und wenn ich nach Nizza ginge, Harisi — wo bliebest Du?"
„Ich? — Hier natürlich. Ruth führt die Wirthschaft, und zum Weihnachtsfest besuchen wir Beide Dich im schönen Süden."
Sie sah vor sich hin und ein Seufzer trennte ihre Lippen. „Ruth!" wiederholte sie. „Ach, Hans, wenn Du Ruth gehet- rathel hättest!"
Er lachte belustigt. „Wie kommst Du auf diesen Gedan« fett, Maus?"
„Laß das," wehrte sie ihm. „Was wolltest Du in der Stadt, Hansi?"
„Ich erkundigte mich durch eine Depesche nach dem Stande der Dinge in Frankfurt. Der alte Herr hat voraussichtlich nur noch einige Monate zu leben; was meinst Du, Cilli — sollte es da nicht möglich sein, ihn um eine Anleihe zu bitten? Die Krankheit stimmt doch ohne Zweifel ernller, Dein Onkel muß sich sagen, daß das Geld für ihn keinen Werth mehr besitzt, er gibt vielleicht einen Theil desselben schon jetzt Derjenigen, die später doch die ganze Hälfte bekommt. Findest Du das nicht auch?"
Sie sah ihn sorgenvoll an. „Kannst Du denn unmöglich noch einige Monate warten, Hansi?"
„Unmöglich, Kind. Ohne baares Geld stockt Alles. Diese Halsabschneider prolongiren nur gegen wahre Unsummen."
Cäcilie schüttelte den Kopf. „Und wie wird es einstmals werden, Hansi? Von woher hoffst Du Rettung?"
Er streichelte ihr bleiches Gesicht. „Kommt Zeit, kommt Rath, Schatz. Ewig kann er ja doch nicht leben, Dein Onkel. Und dann —"
„Nun?"
„Laß nur, Kind, laß nur. Das sind Dinge, von denen Ihr Frauen zu Eurem Glücke nichts versteht- Es findet stch Alles."
Aber er war doch bei diesen Worten sehr blaß geworden, er sah vielleicht minutenlang vor sich den offenen Abgrund, dem er zusteuerte; das Herz schlug ihm hoch in der Kehle.
„Was meinst Du, Maus, schreibe ich?"
„Soll ich es für Dich thun, Hansi?"
„Das wäre das Beste," rief er sichtlich erfreut, „Ihr Frauen habt da ein feineres Gefühl, versteht Euch darauf, uns zu umgarnen- Schreib', Cilli, schreib' — Dir kann es nicht fehlen."
Und das beklemmende Gefühl war wie weggeblasen. Hans Adam hatte das alte, sorglose Lächeln wiedergefunden. „Dein Onkel kann ja die Bitte nicht abschlagen," setzte er hinzu. „Wann darf ich den Brief holen, Schatz?"
„Kannst Du mir zwei Stunden Zeit bewilligen?'
„Natürlich."
Er küßte sie und ging dann fort, um in seinem Zimmer die eingelaufenen Briefe zu lesen. Geld! — Geld! — Nichts als nur Geld. Ach, wer es aus dem Boden stampfen, wer jeden Blutstropfen zum Ducaten stempeln könnte! —
Und dann wurde der Gedankengang ein anderer. Hans Adam war heute Morgen bei der schönen Königin vorgefahren, ohne eine Audienz zu erlangen, er hatte nur von dem Unfall der letzten Nacht gehört und mußte sich mit der Unterhaltung einer Wirthschafterin begnügen. Aber dennoch, die leichte Verwundung gab ihm das Recht, wiederzukommen. Vielleicht erhaschte et doch noch einen gnädigen Blick-
Reizende Anna — wie sie es ihm angethan hatte, die schöne, schillernde Schlange. Er lächelte in sich hinein. Dergleichen ist keine Liebe und noch weit weniger geeignet; dauernd zu fesseln, aber es bildet eine pikante Abwechslung; man pflückt die Blume und wirft sie dann fort.
Immer nur mit drohenden Gläubigern kämpfen und an einem Krankenbette leisen Schrittes auftreten, fürsorglich schonend flüstern — sollte das der Inhalt seines ganzen Lebens sein?
Dergleichen ist undenkbar. Jugend und die Hoffnung auf Freude, auf Glück sträubten sich so energisch gegen den Gedanken der Entsagung.
Ein Geräusch im Nebenzimmer störte den Baron in seinen Grübeleien. Die Thür hinter der Portiere mochte nur angelehnt sein; Hans Adam hörte leichte Schritte und wußte auch schon, wer da ab und zu ging. Es war Adele, die nach dem gestrigen Fest Alles ordnete und gerade jetzt das Silberzeug in den Schrank verschloß. Die kostbaren Geräthe klirrten leise — der Baron fühlte einen Schauder. Wie lange wohl das Tafelsilber mit dem uralten Wappen Derer von Moldt zur Molde noch in diesem Schranke bleiben würde?
Aber freilich, weshalb sollte nicht Der, welcher das Eine kaufte, zugleich auch das Andere nehmen? Vielleicht blieb Alles beisammen-
Dann horchte der Baron auf. Fräulein Malten zog die Klingel — etwas hastig sogar.
„Friedrich" — sagte sie — „ich sehe da unten die Equipage des Commerzienrathes — wenn er kommt, so weise ihn ab. Der Herr Baron sei heute nicht zu sprechen — auf keinen Fall."
Der Lakai eilte die Treppen hinab und Hans Adam fühlte, daß ihm das Blut heiß in's Gesicht trat Ob schon die Dienstboten mit einander flüsterten? Ob das stille, wortkarge Mädchen wußte, was der Commerzienrath Liffauer auf Moldt zu suchen hatte?
Vielleicht horchte sie an den Thüren. Aber gleichviel, ihre Gesinnung schien gut; sie wollte eine unangenehme Begegnung hintertreiben, ihn selbst, ihren Gebieter, in Schutz nehmen-
(Fortsetzung folgt.)


